Wolfsbestand Der vernünftige Wolf ist eine Illusion

Ein Wolf im Gehege des Wildparks Poing in Bayern.

(Foto: dpa)

Nach der Attacke auf eine Schafherde im Schwarzwald fragen sich viele, ob Mensch und Wolf wirklich nebeneinander leben können. Sie können - doch wir müssen unsere Maßstäbe ändern.

Kommentar von Matthias Drobinski

Der Wolf versteht nichts von Public Relations, der Wolf versteht sich aufs Jagen. Wenn der Mensch ihm ein Wolfs-Schlaraffenland bereitet, wenn er also eine Schafherde so einzäunt, dass kein Tier weglaufen kann, der Wolf aber locker über den Bach zu den Schafen springen kann, dann tut er, was ihm seine Wolfsnatur sagt: Er beißt so viele Schafe tot, wie er nur irgendwie schaffen kann; wer weiß, wann sich eine solche Gelegenheit wieder bietet.

Um die Fernsehbilder von den toten Schafen und ihrem verzweifelten Schäfer kümmert er sich so wenig wie um die Menschendebatten in Baden-Württemberg. Als dort vor einigen Jahren ein Wolf überfahren aufgefunden wurde, kriegten sich die Leute gar nicht mehr ein, weil nun auch Baden-Württemberg zum Wolfserwartungsland geworden war. Jetzt, wo im Land 40 unschuldige Schafe durch eine Wolfsattacke starben, soll der Jäger wieder gejagt werden dürfen, weil Wolf und Lamm eben doch nicht friedlich nebeneinander leben können.

Der Wolf hat es schwer mit dem Menschen, seinem alten Konkurrenten um Fleisch und Revier. Die Römer mögen noch die Wölfin als Retterin der Stadtgründer Romulus und Remus verehrt haben, die meiste Zeit der gemeinsamen Geschichte aber war der Wolf dem Menschen ein Inbegriff dummer Bösartigkeit. Er war der Feind des Hirten und der Herde, der gierige Verschlinger Rotkäppchens, der Großmutter und der sieben Geißlein, Hauptperson der furchtbarsten Schauergeschichten. Das ist ihm schlecht bekommen, dem Wolf. Der Mensch hat ihn erschlagen und erschossen, wo er ihn nur zu fassen bekam. Wo der letzte verendete, hat er Steine gesetzt und Eichen gepflanzt als Zeichen des Triumphes: Der böse, böse Wolf ist tot!

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Jetzt, da es wieder 60 Rudel gibt in Deutschland und Wolfserwartung über dem ganzen Land liegt, bekommt die alte Irrationalität neue Vorzeichen. Jetzt muss der Wolf herhalten für die faszinierend abgründige und unzähmbare Seite des Ichs, für Wolfstänze mit der Gefahr. Jetzt muss seine Wiederansiedlung und Verbreitung für die romantische Versöhnung des Menschen mit der Natur stehen - nur dass dabei der Wolf sich gefälligst an das gesunde Menschenempfinden zu halten hat: Hier und da ein Schäflein gegen den Hunger, das mag ja angehen. Aber gleich eine halbe Herde - das geht zu weit! Der vernünftig handelnde Wolf ist eine Projektion, die auch das gutwilligste Tier überfordern muss.

Es würde dem Zusammenleben von Wolf und Schaf und Mensch sehr helfen, wenn die Menschen sich ein rationaleres und respektvolleres Verhältnis zum Tier zulegen würden: Der Wolf kann nichts für des Menschen Urängste und nichts für seine Sehnsucht nach der unschuldigen Natur. Er ist ein scheues Tier, das auch in Deutschland sein Lebensrecht haben kann, wenn der Mensch beschließt, mit ihm leben zu wollen - und sich und seine Nutztiere schützt.

Das kostet Lernbereitschaft von Schäfern und Bauern, und es kostet Geld, für Schutzhunde und Schutzzäune; Geld, das eine Gemeinschaft, die Ja sagt zum Wolf, den Schäfern und Bauern auch zahlen sollte. Auch dann kann es übrigens sein, dass Wölfe erschossen werden müssen: Wenn sie die Scheu vorm Menschen verlieren und aggressiv werden zum Beispiel. Der Wolf ist und bleibt ein Tier, ein Raubtier. Alles andere ist Literatur.

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