Vergewaltigungsopfer und katholische Kliniken Das Revolutiönchen des Kardinals

Radikalen Abtreibungsgegnern wankt der Boden unter den Füßen: Kardinal Meisner erlaubt die "Pille danach" - unter bestimmten Umständen. Doch die Prinzipien der Kirche bleiben eisern: Verhütende Paare leben noch immer im Dunstkreis der Sünde. Dies zeugt von Angst vor den Grauzonen des Lebens.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Joachim Meisner, der Erzbischof von Köln, ist seit 30 Jahren Kardinal und wird in diesem Jahr 80; redlich hat er sich den Ruf des strengen Kirchenmannes erarbeitet - und immer ist er für Überraschungen gut. Die "Pille danach", hat er nun erklärt, sei nach einer Vergewaltigung aus seiner Sicht unter bestimmten Umständen vertretbar.

Nanu? Ist das derselbe Kardinal, der seinen Krankenhäusern eingeschärft hatte, dass sie ja keine "Pille danach" verschreiben und ausgeben dürften, egal, was vorher passiert war? Der bei Zuwiderhandlung Konsequenzen in den Raum gestellt hatte, offenbar so wirkungsvoll, dass zwei katholische Kliniken eine mutmaßlich vergewaltigte Frau lieber abwiesen, als Ärger zu riskieren? Der Berufsverband der Frauenärzte spricht von einer Revolution. Den radikalen Abtreibungsgegnern wankt der Boden unter den Füßen.

Zunächst einmal hat Joachim Meisner etwas sehr Respektables getan: Er hat sich informiert und dann seine Meinung geändert, er hat den Druck von den Beschäftigten der Krankenhäuser genommen. Er hat eingesehen, dass es weder Gott noch den Menschen dient, Prinzipien in unbarmherziger Scholastik durchzudeklinieren wie ein mittelmäßig schlechter Schüler des Heiligen Thomas von Aquin. Schaut man sich aber genauer an, was der Kardinal sagt, offenbart sich erneut das argumentative Elend der katholischen Sexualmoral.

Medizinischer Fortschritt näherte sich katholischer Lehre

Denn von seinen Prinzipien ist Meisner ja gar nicht abgerückt: Für ihn ist und bleibt es eine Abtreibung, wenn eine befruchtete Eizelle daran gehindert wird, sich in der Gebärmutter einzunisten (für den deutschen Gesetzgeber beginnt eine Schwangerschaft übrigens erst bei der Einnistung). Meisner hat jetzt gelernt, dass die neueste Generation der "Pille danach" lediglich die Befruchtung verhindert - anders als früher, wo sie auch die Einnistung einer bereits befruchteten Eizelle in der Gebärmutter verhindern konnte.

Es hat sich also in diesem Fall der medizinische Fortschritt aufs schönste der katholischen Lehre genähert. Da fällt es Meisner einigermaßen leicht zu sagen: Im Extremfall einer Vergewaltigung ist ein künstliches Verhütungsmittel vertretbar.

Doch was heißt das zum Beispiel für die Spirale, mit der Millionen Frauen verhüten? Sie bleibt für die katholische Kirche ein Abtreibungsmittel - weil sie eben auch die Einnistung des befruchteten Eis verhindert. Was heißt das für Millionen katholischer Ehepaare, die mit Pille und Kondom verhüten? Sie leben, so sieht es ihre Kirche, im Dunstkreis der Sünde, weil Sex zwar inzwischen sogar laut Kirchenrecht Spaß machen darf, aber eben offen für die Fortpflanzung sein muss. Kardinal Meisners Kehrtwende, offenbar abgesprochen mit anderen Bischöfen, offenbart einen Fortschritt im medizinischen Wissen, aber nicht in der Erkenntnis.

Angst vor den Grauzonen des Lebens

Es bleibt das fatale Verbot der "Pillen-Enzyklika" Humanae Vitae bestehen, das schon 1968 die meisten der an den Beratungen beteiligten Theologen für falsch hielten. Es bleibt die Angst der katholischen Kirche vor den Grauzonen des Lebens, wo sich nicht mehr eine Lehre von himmelhoch bis ganz nach unten durchdeklinieren lässt.

Die Widersprüche zwischen Kirche und Leben sind zum guten Teil verantwortlich für den Vertrauensverlust der Kirche, auch beim harten Kern der Gläubigen: Die haben gut predigen, doch wenn es schwierig wird, waschen sie lieber die Hände in Unschuld und flüchten sich in die reine Lehre. Der Fall der aus Angst unbarmherzigen Ärzte passte nur zu gut in dieses Bild.

Das machte das Erregungspotenzial dieser Geschichte aus - dass sie aufs gruseligste bestätigte, was die Leute ohnehin von der Kirche dachten. Wenn der Skandal nun dazu führt, dass wenigstens ein bisschen nachgedacht wird, ist das nur gut. Dass es ihn dazu brauchte, ist schon schlimm genug.