Übergriffe an Silvester Jede Kontrolle entglitten

Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers

(Foto: dpa)

5000 Hooligans überrennen die Stadt, Albers lobt den Einsatz. Nach Silvester spricht der Polizeipräsident von "entspannter" Einsatzlage. Nun wurde er abgesetzt.

Analyse von Bernd Dörries, Köln

Einmal in seinem Leben hat er tatsächlich auch die Uniform getragen, bei einer kleinen Rundfahrt mit Motorradpolizisten. Polizeipräsidenten sind in Nordrhein-Westfalen politische Beamte, und Wolfgang Albers ist ein verdienter Sozialdemokrat. Ein Mann, der in Ämtern und Verwaltungen Karriere gemacht hat, nicht im Streifendienst und in den Revieren.

Das Vertrauen der Polizisten müssen sich die Präsidenten hier erst erarbeiten. Bei Albers war in den vergangenen Tagen deutlich geworden, dass er es nicht mehr besitzt. Auch wenn die Erkenntnis bei ihm lange nicht durchdringen konnte. "Ich bin hier bei meiner Polizei", hatte er in den vergangenen Tagen zu Rücktrittsforderungen gesagt. Die Polizei wollte aber nicht mehr bei ihm sein. Am Freitag teilte ihm Innenminister Ralf Jäger die Versetzung in den einstweiligen Ruhestand mit.

Startschuss zu einer Reihe von Rücktrittsforderungen

Jäger hatte sehr lange an Albers festgehalten, den er vor fünf Jahren selbst ins Amt geholt hatte. Zum Schluss ging es nicht mehr anders. "Die Kölner Polizistinnen und Polizisten fühlen sich von ihrer Polizeiführung mittlerweile im Stich gelassen", hatte Arnold Plickert am Morgen gesagt, er ist der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei. Es war nur der Startschuss zu einer ganzen Reihe von Rücktrittsforderungen, die direkt oder indirekt den ganzen Tag über verbreitet wurden.

Albers hat in den Tagen nach Silvester einen so desaströsen Eindruck hinterlassen, dass sich keinerlei Gründe mehr fanden, ihn noch im Amt zu belassen. Außer, dass eine Entlassung so kurz vor dem Großereignis Karneval eine heikle Sache ist. Andererseits legt seine bisherige Amtsbilanz auch nahe, dass Großereignisse unter seiner Führung ein noch viel größeres Risiko sein können. Vor einem Jahr wurde die Kölner Polizei von 5000 Hooligans überrannt - Albers lobte hinterher den Einsatz, als sollte er auch in die Lehrbücher aufgenommen werden. Nach Silvester verschickte seine Behörde eine Pressemitteilung, die berichtete, dass sich "die Einsatzlage entspannt" gestaltet habe. Ein "Fehler", wie Albers am Dienstag zugab. Und gleich die nächsten Fehler machte. Die Polizei habe erst kurz vor ein Uhr von den sexuellen Übergriffen erfahren, sagte er. Ansonsten sei der Einsatz wieder "mustergültig" verlaufen. Erkenntnisse über Täter lägen leider gar keine vor.

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Die Stimmung kippte, Beamte fingen an zu erzählen

Spätestens jetzt kippte die Stimmung bei den Beamten, vor allem bei jenen, die an dem Abend dabei waren und die sich nun vorkommen mussten wie Tölpel, die nicht gemerkt hatten, dass um sie herum der Mob tobte, Frauen sexuell angegriffen wurden. Seitdem vergingen kaum ein paar Stunden, in denen nicht interne Berichte ans Licht kamen, die ein völlig anderes Licht auf den Einsatz warfen, als der Polizeipräsident es schilderte.

Die Beamten erzählen in offiziellen und inoffiziellen Berichten, dass die Lage bereits am frühen Abend außer Kontrolle geraten war. Vor allem aber erzählen sie, dass auch viele Flüchtlinge unter denen waren, die in der Nacht in Zusammenhang mit den Vorkommnissen kontrolliert worden waren. Dazu lägen ihm keine Erkenntnisse vor, hatte Albers noch am Dienstag gesagt.