Türkische Regierung nach dem Grubenunglück "Solche Unfälle passieren ständig"

Es wirkt, als sei sich die Regierung einer Mitschuld an der Katastrophe bewusst: Ministerpräsident Erdoğan am Mittwoch beim Besuch in Soma, wo Hunderte Bergleute ums Leben gekommen sind.

(Foto: REUTERS)

Strengere Kontrollen des Bergwerks in Soma? Sind überflüssig. Das hat die türkische Regierung erst kürzlich entschieden. Dabei sind die Sicherheitsmängel seit Jahren bekannt. Nach dem schlimmsten Grubenunglück in der Geschichte der Türkei reagiert Ministerpräsident Erdoğan barsch - und muss den Volkszorn fürchten.

Von Christiane Schlötzer, Istanbul

Am Mittwochnachmittag tragen sie einen der Retter erschöpft aus der Mine. Der Mann kann kaum sprechen, aber er sagt in eine Kamera des türkischen Senders NTV: "Da unten lebt keiner mehr." Wenn dies stimmt, dann ist das Bergwerksunglück von Soma im Westen der Türkei das schlimmste, das die Republik in den 90 Jahren ihres Bestehens erlebt hat.

Gewerkschaften rufen zum Streik auf

Mindestens 274 Bergleute sind bei dem Grubenunglück in Soma ums Leben gekommen. Als Konsequenz kündigen mehrere große Gewerkschaften an, ihre Arbeit heute niederzulegen - und fordern, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Entwicklungen im Newsblog. mehr ...

Drei Tage Staatstrauer hat Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan schon am Morgen angeordnet, Parlamentssitzungen sind abgesagt, ein offizieller Feiertag für die Jugend ebenso. Der Regierungschef reist nicht nach Albanien, sondern eilt an den Unglücksort. Auch Präsident Abdullah Gül verzichtet auf einen Staatsbesuch in China.

Während in Soma noch mehr als einhundert Minenarbeiter bis zu zwei Kilometer tief unter der Erde vermisst werden, reagiert die politische Führung in Ankara mit eiligen amtlichen Trauerbekundungen, aber auch mit Panik auf eine Katastrophe, welche die gesamte politische Tagesordnung des Landes erst über den Haufen wirft. Eigentlich wollte Erdoğan die Türkei in diesen Tagen mit einem ganz anderen Thema beschäftigen: mit seiner persönlichen Entscheidungsfindung, ob er nun im August als Staatspräsident kandidieren soll oder lieber doch nicht. Denn erstmals wird der Präsident direkt vom Volk gewählt.

Nun lässt Erdoğan am Mittwochmorgen alle Flaggen im Land auf halbmast setzen, die Staatstrauer gilt sogar rückwirkend von Dienstag an, wie es aus Ankara heißt. Aber außer Rettungskräften hat die Regierung bereits am Dienstag, nur wenige Stunden nach der schweren Explosion, auch viele Polizisten in die Unglücksprovinz Manisa beordert. Erdoğan fürchtet offenbar den Volkszorn. Dafür gibt es gute Gründe.

Soma steht jetzt für den Tod

Wie viele Kumpel sind noch eingeschlossen? Niemand weiß das genau. Mehr als 230 Leichen wurden bislang geborgen. Die türkische Regierung um Ministerpräsident Erdoğan beschreibt die Ereignisse von Soma als schicksalhaftes Unglück. Doch völlig unerwartet kam die Katastrophe in der Kohlegrube nicht. Von Oliver Klasen mehr ...

Erdoğan hat zuletzt alles andere als mitfühlend reagiert

Denn noch schneller als die offiziellen Trauerbekundungen sind türkische Twitterer, die daran erinnern, dass die jüngere Geschichte des Landes reich an Bergwerks-Dramen ist, und dass der Premier zuletzt alles andere als mitfühlend auf eine solche Katastrophe reagiert hat.

Im Mai 2010 war das, fast auf den Tag genau vor vier Jahren. Da waren in der Schwarzmeer-Provinz Zonguldak in einer Kohlegrube 30 Tote zu beklagen. Damals erklärte Erdoğan, die Menschen der Region seien "an Unglücke wie dieses gewöhnt". Für die Kohlekumpel seien solchen Dramen Kader, Schicksal. Proteste gegen die angeblich unsicheren Arbeitsbedingungen in der staatlichen Mine nannte Erdoğan eine "Provokation". Die Empörung über diese Worte des Regierungschefs war damals groß. Auch in Soma spricht er Sätze, die viele wütend machen. "Solche Unfälle passieren ständig", sagt er.

Doch nun gibt es noch viel mehr Tote. Am Mittwochvormittag, 18 Stunden nach der Explosion eines Transformators in 400 Metern Tiefe, werden noch sechs Bergleute lebend geborgen. Aber 274 sind bis zum Abend bereits offiziell für tot erklärt. In der Nacht sind im staatlichen Krankenhaus von Soma die Leichensäcke ausgegangen. Energieminister Taner Yıldız, der schon in der Nacht zuvor in Soma ankam, sagte am Morgen, das Feuer unter Tage wüte noch immer. 787 Menschen waren laut Yıldız vor der Explosion in dem Bergwerk. Es waren so viele, weil gerade Schichtwechsel war. 363 wurden bis Dienstagabend gerettet oder schafften es alleine zu Fuß nach oben. Die Aufzüge waren wegen des Brandes ausgefallen. Alle Zeitungen zeigten am Morgen die Bilder der Geretteten, mit rußgeschwärzten Gesichtern, den gelben Grubenhelm im Arm.

Regierung weigerte sich, die Grube in Soma strenger zu kontrollieren

Einen solchen gelben Helm hatte auch der aus Manisa stammende Abgeordnete Özgür Özel von der oppositionellen republikanischen Partei CHP dabei, als er vor etwa 20 Tagen im Parlament ans Pult trat. Özel verlangte, die Mine in Soma müsse wegen immer wieder auftretender Mängel ganz besonders gut kontrolliert werden. Es gibt auf dem Twitter-Konto des Abgeordneten ein Foto von der Szene im Parlament. Darauf sieht man den Mann am Rednerpult, wie er den Helm mit der rechten Hand hochhält - und dahinter auf der Regierungsbank unterhalten sich zwei Minister von Erdoğans konservativ-islamischer AKP angeregt miteinander.

Einer davon ist Justizminister Bekir Bozdağ. Beide würdigen den Redner, der aufzählt, wie viele Unglücke es in Soma bereits gab, keines Blickes. Der Rest der Regierungsbank ist gähnend leer. Das Foto des einsamen Mahners wird am Mittwoch in der Türkei Tausende Mal retweeted. Der Antrag der CHP, Soma strenger zu kontrollieren, war dann von der Regierung abgelehnt worden. In dem Antrag erwähnt die CHP zahlreiche Prüfungen der Mine bis 2012, bei denen Mängel festgestellt und sogar Strafen verhängt worden seien. Die Regierung betonte in einer Antwort, weitere Kontrollen seien nicht nötig.