Tornado von Moore, Oklahoma Machtlos im Angesicht der Naturgewalt

Nur 16 Minuten blieben den Menschen von Moore, um sich in Sicherheit zu bringen. Warum konnten die Sirenen nicht früher warnen? Hätten sich die Bewohner von "Tornado Alley" besser für den Wirbelsturm rüsten können?

Von Markus C. Schulte von Drach und Lena Jakat

Um 14:45 Uhr (21:45 Uhr MEZ) schrillen die Sirenen in Moore. Die Warnsignale aus 36 Lautsprechern an Straßen und öffentlichen Plätzen sollen die Bevölkerung rechtzeitig über herannahende Stürme informieren. Das Alarmsignal fordert die Bürger auf, Radio oder Fernsehen für nähere Informationen einzuschalten und sich in Sicherheit zu bringen. Den Einwohnern von Moore bleiben nur 16 Minuten. Dann trifft der Tornado die Kleinstadt vor den Toren von Oklahoma City mit voller Wucht.

Der Tornado kam nicht überraschend. Seine Wucht schon. Doch dass in der Gegend zurzeit ein erhöhtes Risiko für solche Wirbelstürme besteht, ist bekannt. Zum einen gehört der US-Bundesstaat Oklahoma gemeinsam mit Texas, Kansas, Missouri, Nebraska und South Dakota zur sogenannten tornado alley (Tornado-Gasse). Hier gibt es jedes Jahr von April bis Mai besonders viele Tornados.

Zum anderen war es im Süden und Mittleren Westen der USA schon am Sonntag zu etlichen solchen Stürmen gekommen. Demnach war klar, dass die meteorologischen Bedingungen in der Region gegenwärtig die Voraussetzungen für Tornados erfüllen: Kalte Luft, die über den Rocky Mountains im Westen ihre Feuchtigkeit abgegeben hat, strömt in großer Höhe nach Osten Richtung Great Plains. Zugleich zieht warme, feuchte Luft vom südlich gelegenen Golf von Mexiko nach Norden, so können sich Gewitterwolken (Cumulonimbus) bilden.

Sind die Luftwirbel stark genug, kann aus den Gewitterwolken ein sogenannter Tornado-Rüssel in Richtung Erde wachsen. Ein solcher Schlauch kann am Boden (touch down) mehrere Hundert Meter Durchmesser aufweisen und Windgeschwindigkeiten von mehreren Hundert Kilometern pro Stunde erreichen. Aufgrund des darin herrschenden Unterdrucks reißt er alles, was ihm nicht widerstehen kann, in die Höhe.

Warum konnte die Bevölkerung von Moore nicht früher gewarnt werden? Die Technik für Wetterprognosen ist heute ausgefeilter denn je: Mit Hilfe von Radargeräten identifizieren Meteorologen Gewitterwolken, in denen die Luftmassen rotieren. Doch nicht jede dieser Bewegungen entwickelt sich tatsächlich zu einem Tornado. Und geschieht dies doch, kann es sehr schnell gehen. Deshalb stützen sich die Fachleute auch auf Informationen von ehrenamtlichen Beobachtern aus den gefährdeten Gemeinden, die die Gewitterwolken direkt im Auge behalten. Diese sogenannte Spotter stehen über das Netzwerk Skywarn miteinander und mit den Behörden in Verbindung. Dazu kommen die Sturmjäger (storm chasers), die aus persönlichem Interesse versuchen, die Entstehung von Twistern zu beobachten und ihre Beobachtungen ebenfalls melden.

Nur 16 Minuten, um Schutz zu suchen

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Der 176-Seiten starke Notfallplan für die Stadt Moore (PDF) wurde 2012 zuletzt überarbeitet. Neben Warnungen über Medienkanäle wie Radio, Fernsehen oder Social Media sind die Alarmsirenen das Kernstück. Wie das Magazin Business Insider berichtet, wurde das Sirenen-System nach dem letzten verheerenden Sturm von 1999 für 4,5 Millionen Dollar rundum erneuert und 2002 eingeweiht. Doch die Möglichkeiten dieses ausgeklügelten Warnapparats sind angesichts der plötzlichen Naturgewalt eines Tornados beschränkt.

Die Bevölkerung mehr als 15 oder 20 Minuten vor Eintreffen eines Wirbelsturms zu warnen, ist auch deswegen schwierig, weil es ein sehr kurzlebiges Phänomen ist. Ein Tornado-Rüssel existiert normalerweise nicht sehr lang. Der Sturm, der Teile der Gegend südlich von Oklahoma City verwüstete, war der New York Times zufolge nach etwa 40 Minuten vorüber. Auch wenn der Wirbelsturm also geortet ist, ist nicht viel Zeit, um jene zu warnen, die sich in seinem Weg befinden.

Nicht nur zeitlich, auch räumlich ist ein Tornado eng begrenzt. "Der eigentliche Wirbel des Tornados ist nur bis zu 100 Meter breit, das unterscheidet ihn von anderen Wirbelstürmen", sagt Markus Stowasser, Meteorologe bei der Allianz, zu Süddeutsche.de. "Dafür ist der Schaden aber oft viel größer, die bekannte 'Schneise der Verwüstung'. Da kann es sein, dass ein Haus noch steht und ein anderes in unmittelbarer Nähe völlig zerstört ist."

Drei Kilometer breit war die Schneise, die der Tornado durch die dichtbesiedelte Wohngegend von Moore schlug.