SZ-Nacht in Berlin Risotto, Ananaseis und Weltpolitik

Innenminister Horst Seehofer, Bundeskanzlerin Angela Merkel und SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach (v.l.).

(Foto: Robert Haas)

Blitzlichtgewitter auf der "Nacht der Süddeutschen Zeitung", als Angela Merkel naht. Und natürlich sind sofort Trump und der Nahe Osten Thema.

Von Christian Mayer, Berlin

Man muss das Kulturforum nicht unbedingt lieben für seine großspurige Architektur, in der man sich leicht verlieren kann, dafür gibt es aber in der Gemäldegalerie einige herrliche Werke von Dürer, Altdorfer, Tizian und Rubens. An diesem Montagabend sind die Säle allerdings geschlossen, die Musik spielt draußen auf dem riesigen Vorplatz und drinnen im Foyer, wo die "Nacht der Süddeutschen Zeitung" mit mehr als tausend Gästen gefeiert wird. Vor allem Kulturstaatsministerin Monika Grütters findet das toll: "Dass die SZ in einem Museum des Bundes zu Gast ist, freut mich besonders - wo die Bayern doch immer mit Berlin fremdeln."

Fremdeln? Ach was. Immerhin sind viele der bayerischen Gäste gerade dem Unwetter am Münchner Flughafen entkommen, nur um im Kulturforum dabei zu sein, wo die Berliner Politprominenz gleich wieder kleinere und größere Koalitionen bildet. SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach klärt in seiner Begrüßung auf, warum das Fest vom Januar auf Mai verschoben worden ist: Man wollte nach der Bundestagswahl eben sichergehen, dass es schon eine Regierung gebe - "ich gebe zu, das war jetzt etwas viel Puffer, aber dafür haben wir jetzt eine richtige Sommernacht".

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Dann blitzt es gewaltig, ein Pulk aus Sicherheitsleuten und Fotografen schiebt sich nach vorne, die Kanzlerin naht. Angela Merkel wird von Innenminister Horst Seehofer in Empfang genommen: Man passt sich ab, aber passt auch sehr aufeinander auf. Beim Plausch mit Journalisten berichtet Merkel von ihrem Besuch beim amerikanischen Präsidenten, von der Krise im Nahen Osten und von ihrem Treffen mit Putin in Sotschi an diesem Freitag - alles nicht gerade das reine Vergnügen. Der Weltpolitik entkommt die Kanzlerin eben nicht so schnell. Horst Seehofer wiederum erzählt, dass er jetzt voll und ganz in Berlin angekommen sei, "dafür hab ich kein Praktikum gebraucht". Die bayerische Landespolitik kommentiert Seehofer mit feinem Lächeln, kein böses Wort über Söder, nur so viel zum neuen Polizeiaufgabengesetz, das in München Zehntausende auf die Straße brachte: "Dass man eine Kommission zum Vollzug eines Gesetzes braucht, habe ich auch noch nicht erlebt."

Während man sich zur Begrüßung küsst, wandern die Augen schon wieder weiter

Auch andere bleiben ganz bei sich und ihren Lieblingsthemen. FDP-Chef Christian Lindner muss noch einmal das Missverständnis um seine Bäckerei-Äußerung aufklären: Lindner hatte bei seiner Rede auf dem Parteitag etwas vage von einer Person erzählt, die mit "gebrochenem Deutsch ein paar Brötchen bestellt" - die Leute könnten da ja nie sicher sein, "ob das der hochqualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer". Hat er seine Rede also versemmelt? Lindner schüttelt den Kopf: Die Brötchen seien jetzt doch schon ziemlich alt, die Geschichte auserzählt, auch wenn er sie hier noch ein paar Mal erzählen muss. "Ich habe auch kein Glaskinn, was Kritik angeht", sagt Lindner. "Der Umgang mit den Medien hat für mich einen sportiven Charakter."

Der Begriff sportiv passt auch ganz gut zu einigen Gästen. Vor allem zu Waldemar Hartmann, dem Sportmoderator und Repräsentanten bayerischer Genusskultur, der lässig im Poloshirt gekommen ist. Oder zur Gastronomin Sarah Wiener, die mit ihren Catering-Brigaden halb Berlin bekocht hat, aber an diesem Abend nur Smalltalk halten muss. Eine Art der Kommunikation, die manche mit Sticheleien würzen: Jürgen Trittin, der immer noch imposant auftretende frühere Grünen-Chef, berichtet von guten Umfragen für seine Partei und der Unfähigkeit der großen Koalition. Zielscheibe seiner Spottlust ist vor allem "Supersparminister" Olaf Scholz, der schon jetzt zugeknöpfter agiere als sein Vorgänger Wolfgang Schäuble. Was der Finanzminister, der wenig später eintrifft, sicher sehr nüchtern zurückweisen würde. Dietmar Bartsch, Fraktionschef der Linken im Bundestag, holt auch gleich die Keule raus: "Was ist denn das Große an der großen Koalition? Da ist nichts, weder numerisch noch inhaltlich. Aber vielleicht ist es ja das letzte Mal, dass es für Schwarz-Rot reicht."

Bei Risotto, Krabben-Sandwiches und Ananaseis plaudern sich alte Bekannte durch die Nacht. Die Schauspielerin Maren Kroymann findet das Sozialverhalten der Gäste interessant: "Man begrüßt sich mit Küsschen, ist aber mit den Augen schon immer weiter - weil es da ja Leute gibt, die noch wichtiger sind." Solche "Judasküsse" seien in Berlin ganz normal, sagt Kroymann: "Da wird man ständig verraten, aber merkt es gar nicht." Und so geht das SZ-Fest im Kulturforum ausgelassen zu Ende, auch für die Kombattanten aus der Politik. Läuft doch ganz gut, das menschliche Miteinander, wenn keiner twittert, sondern alle trinken. Wie sagt doch Horst Seehofer: "Es haben sich alle lieb im Kabinett - solange sie an einem Tisch sitzen."

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