Südsudan Hunger mit Ansage

Ein schwer unterernährtes Kind liegt Anfang Juli in einem Feldkrankenhaus der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" im südsudanesischen Bentiu. Im September soll der Hunger riesige Ausmaße annehmen.

(Foto: AP)

Die landwirtschaftliche Saison im Südsudan? Wegen des Bürgerkrieges erledigt. Im September wird dort eine riesige Hungersnot ausbrechen. Das Makabre: Die Not, die sich hier zusammenbraut, ist zu 100 Prozent vorhersagbar.

Von Tobias Zick, Malakal, und Ronen Steinke

Das Prasseln des Regens ist das Geräusch, das ihm neuerdings am meisten Sorgen bereitet. Begonnen hat es als ein feines Trommeln auf der Plane, unter der er jetzt mit seiner Familie schläft, mit seinen zwei Frauen und den fünf Kindern. Dann hat es sich rasch ausgebreitet, wie ein endloses Echo, jede Zeltplane ein eigenes Trommelfell. Und jetzt macht es den Krankenpfleger Jacob Nhial Tongyik, 42, aufgerollte Hemdsärmel, wehmütig. Er schaut hinaus über das Meer von schmutzig-grauen Zelten, die wieder ein Stück tiefer in den aufgeweichten Boden sinken werden.

Jedes Mal, wenn der Regen kommt, muss Jacob Tongyik an sein Feld denken, das seit Monaten brachliegt. Er hat es in Panik zurückgelassen, als die Soldaten nahten, damals war es noch staubtrocken. Damals war an Feldarbeit noch nicht zu denken. "Ich hätte längst mit dem Aussäen anfangen müssen", sagt er jetzt, da die Erde endlich wieder Wasser bekommt, "die Regenzeit ist eigentlich die wichtigste Zeit des Jahres." Aber er kann nicht.

Im September werden die Felder leer sein

Malakal, Südsudan, ein Blauhelm-Camp der Vereinten Nationen, eines von vielen im Land. Zu Zehntausenden sind die Menschen hier hineingeströmt auf der Flucht vor den Rebellen und den Regierungstruppen, die abwechselnd zum Morden und Plündern kommen. "Wir hatten eigentlich ein gutes Leben", sagt Jacob, neben seinem Job als Krankenpfleger verkaufte er das, was sein Feld abwarf. Das war nicht wenig: rund 350 Säcke Mais im Jahr und 400 Säcke Sorghum-Hirse. Aber die Hoffnung, dass er dieses Jahr noch die Saat ausbringen kann, muss er gerade aufgeben.

Was also wird im September sein, wenn wie in jedem Jahr die Regenzeit zu Ende geht im Südsudan? Wenn der Boden wieder trocknet und die Tümpel, die sich überall gebildet haben, verdunsten und die Schlammpisten sich in feste Straßen zurückverwandeln? Der Kreislauf des Lebens wird dann von vorne beginnen. Aber die Felder werden leer sein.

Man könnte die Sendetermine für TV-Spendengalas schon jetzt reservieren

Im September wird in Ostafrika die nächste große Hungerkatastrophe ausbrechen, sagen Fachleute, möglicherweise so groß wie jene in Somalia im Jahr 2011 oder noch verheerender. Bis zu vier Millionen Menschen, hat eine Gruppe von 13 britischen Hilfsorganisationen in der vergangenen Woche geschätzt, seien akut von Hunger bedroht. Krepierende Kinder in der Tagesschau: Diesmal wird es Südsudan sein.

Und das ist das Besondere an dieser Katastrophe, das Makabre, das sie von vielen früheren Hungersnöten in Afrika unterscheidet, und es ist auch der Grund, weshalb die UN und immer mehr Hilfsorganisationen den September dick im Kalender anstreichen und ihre Hilfseinsätze schon seit Monaten vorausplanen: Die Not, die sich hier zusammenbraut, ist zu 100 Prozent vorhersagbar. Das gibt es in dieser bedrückenden Klarheit selten. Man könnte die Sendetermine für TV-Spendengalas schon jetzt reservieren.

Die Landwirtschaft verläuft in Zyklen, im Südsudan wie überall auf der Welt. Zuverlässig wie Ebbe und Flut. Dieser Rhythmus pulsiert ungerührt weiter, während die Menschen im Land seit Mitte Dezember vor einem grausamen Machtkampf zweier Politbosse wegrennen.

Eigentlich beginnt im Südsudan das Grün Zentralafrikas

Der Südsudan ist, anders als manche Nachbarn, kein trockenes oder unwirtliches Land - man kann hier stundenlang durch Sumpfgebiete fahren, Siedlungen mit Schatten spendenden Bäumen reihen sich entlang von Flüssen wie dem Weißen Nil. Die Natur hat es eigentlich gut gemeint mit den Südsudanesen: Man kann die Grenze ihres Staates zum Nachbarland Sudan sogar vom Mond aus erkennen, denn dies ist das Gebiet, in dem das Hellbraun der nordafrikanischen Wüsten aufhört und das Grün Zentralafrikas beginnt.

Aber in diesem Jahr ist es fast schon egal, was die Natur macht. Ob der Regen weiter den lehmigen Boden aufweicht wie im Flüchtlingslager von Malakal, wo dürre Hunde schnüffelnd über den schlammigen Boden stromern, oder ob die Sonne das Gras versengt und die Erde zu harten, rissigen Kacheln bäckt, wie damals bei der Hungersnot in Somalia. Im Herbst wird es fast nichts zu ernten geben, so oder so: Diese Katastrophe kündigt sich mit naturwissenschaftlicher Unerbittlichkeit an.