Sterbehilfe für belgische Kinder Paragrafen sind das falsche Mittel

Der Gedanke, dass auch hoffnungslos kranken Kindern ein tödliches Gift zustehen sollte, ist nicht nur in Belgien überaus populär. Doch das neue Gesetz gilt nur für wenige verzweifelte Einzelfälle - die Mehrzahl der todkranken Kinder braucht ganz andere Hilfe.

Ein Kommentar von Nina von Hardenberg

Die Sicht der Gesunden prägt den Blick auf das Sterben. Je fitter und lebenshungriger die Menschen sind, desto weniger können sie sich ein Leben mit Krankheit und Leid als lebenswert vorstellen. In Umfragen spricht sich deshalb die Mehrheit der Deutschen für die aktive Sterbehilfe aus. Der schnelle Tod mittels Gift erscheint vielen besser als langes Siechtum; zumindest aus der Ferne betrachtet. So ist es auch mit der Sterbehilfe für Kinder, die jetzt in Belgien gesetzlich erlaubt werden soll: Niemand möchte Kinder leiden sehen. Der Gedanke, dass auch todkranken Kindern ein tödliches Gift zustehen sollte, ist in Belgien überaus populär. Sinnvoll oder gar hilfreich ist er darum noch lange nicht.

Die Mehrzahl der schwerkranken Kinder - in belgischen Krankenhäusern genauso wie in deutschen - braucht keine neuen Paragrafen, um sterben zu dürfen. Schon heute müssen Kinder bei einer aussichtslosen Krankheit nicht weiterbehandelt, muss ihr Sterben nicht künstlich verlängert werden. Befürworter der Sterbehilfe in Belgien führten den Fall eines Mädchens an, das an Muskelschwund litt und die künstliche Beatmung fürchtete. Ihr dies zu ersparen und sie stattdessen sterben zu lassen, wäre aber schon heute weder in Belgien noch in Deutschland aktive Sterbehilfe. Es wäre ein zulässiger Verzicht auf Behandlung. Wo trotzdem weitergemacht wird, mangelt es nicht an Gesetzen, sondern an ärztlichem Wissen. Niemand darf gegen seinen Willen mit Maschinen am Leben erhalten werden.

Und so betrifft die Debatte eigentlich nur sehr wenige Kinder. Es geht etwa um Krebspatienten, die ihre Krankheit nicht zu Ende durchstehen wollen und die die Entscheidung zu sterben auch schon überreißen können. Etwa drei Kinder im Jahr kämen in Belgien vermutlich für aktive Sterbehilfe infrage. Tatsächlich dürften es bei einer optimalen Betreuung noch weniger sein. So hat die Münchner Palliativmedizinerin Monika Führer, die in zehn Jahren etwa 350 Kinder beim Sterben begleitet hat, nur einmal erlebt, dass ein Kind nachdrücklich forderte, "ihre Engel sollten jetzt kommen". Das Mädchen, das an einem Hirntumor litt, suchte aber vor allem das Gespräch, das Team konnte helfen. Belgien plant ein Gesetz für wenige verzweifelte Einzelfälle. Die Mehrzahl der todkranken Kinder braucht ganz andere Hilfe.

Die Frage mag sein, ob man die wenigen anderen mit ihrem Leid alleinlassen darf? Man darf nicht, man muss aber auch nicht. Leid ist vor allem seelischer Natur. Schmerzen, Übelkeit und Atemnot lassen sich kontrollieren. Mediziner geben selbstverständlicher als früher hohe Dosen an Opiaten, bei Atemnot können sie die Kranken zeitweilig in eine Art Narkose versetzen. Doch sterbende Kinder trauern für ihre Eltern mit. Die ganze Familie braucht Hilfe. Palliativmedizin bietet diese psychische und medizinische Hilfe. Es gibt sie bloß längst nicht überall. Und erst recht nicht für Kinder. Das ist der eigentliche Missstand.

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Schon seit 2007 haben Sterbenskranke hierzulande Anspruch auf palliative Betreuung zu Hause. Und um sterbende Kinder sollen sich gesonderte Teams kümmern. Eigentlich. Aber in vielen Bundesländern fehlt diese Hilfe bis heute. In Hessen sind die Verhandlungen mit den Kassen gerade wieder gescheitert, die Versorgung der Kleinsten ist gefährdet. Eine flächendeckende Versorgung hat bislang vor allem Bayern aufgebaut. Teams aus Ärzten, Pflegern, Sozialarbeitern und Seelsorgern spannen ein Netz um die Kinder, sie sind rund um die Uhr erreichbar. Dann passiert manchmal ganz am Schluss sogar unerwartet Schönes. Ein krebskranker Junge etwa kann für die letzten drei Tage aus der Klinik nach Hause gehen. Diese Kinder wollen nicht früher sterben. Sie wollen bestimmen, wo sie sterben.