Spekulationen um Papst-Nachfolge Wer Joseph Ratzinger folgen könnte

Macht Joseph Ratzinger den Weg frei für eine modernere Kirche? Die Spekulationen, wer auf Papst Benedikt XVI. folgt, haben längst begonnen. Wählt das Konklave wieder einen Italiener? Oder mal einen Südamerikaner? Oder kommt endlich ein Afrikaner zum Zug?

Von Monika Maier-Albang

Eigentlich wäre Pfingsten das beste Datum für eine Papstwahl. Pfingsten, das Fest der Geistsendung, überliefert in der Apostelgeschichte. Da doch so viele Gläubige darauf warten, dass der Heilige Geist ihre katholische Kirche durchfegt und die erstarrte Gemeinschaft einem Wandel unterzieht. Aber so lange wollen sie nicht warten im Vatikan, so lange wollte offenbar auch Papst Benedikt XVI. mit seiner Rücktrittsankündigung nicht warten. "Wir sollten Ostern einen neuen Papst haben", hat Vatikansprecher Federico Lombardi kurz nach Bekanntgabe des Rücktritts mitgeteilt. Ein Machtvakuum, das wäre nicht gut in Zeiten, in denen die Macht der Kirche ohnehin schwindet.

Nun werden die Kardinäle weltweit ihre vollen Terminkalender freiräumen und sich auf die Zusammenkunft in Rom vorbereiten. Das Konklave zur Wahl des neuen Papstes beginnt üblicherweise 15 bis 20 Tage nach dem Amtsende des alten Papstes - das wäre Ende März. Machbar ist das, auch sonst wird das Konklave ja überraschend einberufen, eben dann, wenn der alte Papst gestorben ist. Wählen dürfen den Nachfolger nur Kardinäle; und aus dem Kreis der Kardinäle auch nur diejenigen, die am Wahltag noch nicht das 80. Lebensjahr vollendet haben. Joseph Ratzinger, der 85-Jährige, wird also nicht mehr wählen können. Papst Johannes Paul II. hatte im Jahr 1996 die Regeln des Konklaves reformiert und in der Apostolischen Konstitution Universi Dominici Gregis zudem festgelegt, dass maximal 120 Kardinäle abstimmen dürfen. Den Nachfolger von Papst Benedikt XVI. werden voraussichtlich 115 oder 116 Kardinäle wählen.

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Sobald der Papst zurückgetreten ist, beginnt die Zeit der Sedisvakanz, des "leeren Stuhls". Vom ersten Tag der Sedisvakanz bis zum Einzug in das Konklave wird sich das gesamte Kardinalskollegium täglich zu den sogenannten Generalkongregationen versammeln, damit die Geschäfte nicht ruhen. Wobei die Treffen eine gute Gelegenheit bieten, sich über mögliche Nachfolger auszutauschen, Koalitionen zu schmieden - und seinen eigenen Namen dabei möglichst aus der Presse zu halten. Zu großer Ehrgeiz und ein sichtbares Machtstreben werden in der katholischen Kirche nicht gutgeheißen; einem Bischof steht es gut an, sich zumindest nach außen hin demütig zu geben. Ein Spiel, das Joseph Ratzinger seinerzeit als Präfekt der Glaubenskongregation in Perfektion beherrscht hatte. Als Favorit war er jedenfalls nicht ins Konklave gegangen.

Kein eindeutiger Favorit

Spekuliert wird natürlich trotzdem. Wobei das Namedropping zu möglichen Papstnachfolgern zuletzt leise vonstattenging. Benedikt XVI. wirkte zwar zunehmend erschöpft und gezeichnet von den Ränkespielen im Vatikan - doch dass er zurücktreten würde, hatten selbst Insider nicht für möglich gehalten. Folglich war wenig gesprochen worden über Bischöfe, die als mögliche Nachfolger - als Papabili - gelten. Schon bei der letzten Wahl war spekuliert worden, ob es diesmal ein Bischof aus Lateinamerika schaffen kann. Oder einer, der Afrika, den tiefgläubigen und noch immer benachteiligten Kontinent, repräsentieren würde. Aus der Reihe der Lateinamerikaner werden Odilo Scherer, der Erzbischof der Diözese São Paolo, und Leonardo Sandri, Leiter der vatikanischen Abteilung für die Kirchen im Osten, genannt. Der nigerianische Kardinal Francis Arinze wurde bereits beim letzten Mal hoch gehandelt, doch Arinze, Jahrgang 1932, ist mittlerweile aus Altersgründen von seinem Bischofsamt zurückgetreten. Arinze gilt als integer. Allerdings dürfte es eher unwahrscheinlich sein, dass sich die Kardinäle erneut für einen Spätberufenen aussprechen.

Und auch ein Deutscher wird wohl keine Chance haben, direkt dem deutschen Papst nachzufolgen: dass Benedikt XVI. seinen Vertrauten Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt hat, war ein geschickter Schachzug, aber keine Vorentscheidung.

Also diesmal wieder ein Italiener? Der Erzbischof von Mailand, Angelo Scola, wird hier - wie schon bei der letzten Papstwahl - genannt, ein promovierter Philosoph, der journalistisch arbeitete und einen Lehrstuhl für Moraltheologie innehatte, bevor er zum Bischof ernannt wurde. Ein weiterer denkbarer Nachfolger wäre der Erzbischof von New York, Timothy Dolan, Jahrgang 1950, ein Mann irischer Abstammung, der schon vor dem Papst getwittert hat: Kurznachrichten zu religiösen Themen oder zu Obamas umstrittener Gesundheitsreform. Dolan, der die Erzdiözese New York seit 2009 leitet und 2012 den Kardinalsrang verliehen bekam, soll auf dem politischen Parkett in den USA eine gute Figur machen.

Sollte die Wahl auf einen Afrikaner fallen, so hat möglicherweise auch der Ghanaer Peter Turkson Chancen. Auch der Kanadier Marc Ouellet wird genannt, was zeigt: Die Weltkirche ist groß, und selbst die wahlberechtigten Kardinäle kennen die anderen Bischöfe zum Teil nur vom Händeschütteln. Einen aber kennen alle: den Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Er ist der Zweithöchste im Vatikan, war bis 2002 Sekretär der Glaubenskongregation, damals ein Vertrauter Ratzingers, soll aber in Ungnade gefallen sein. Auch das ist ein Hindernis bei der Wahl: vielen zu vertraut zu sein.