Skandal um österreichische Kinderheime Röntgenstrahlen zur Beruhigung

Was die Opfer schildern, erinnert an Horrorszenarien aus der Zeit der schwarzen Pädagogik: Offenbar bis in die sechziger Jahre wurden Kinder in österreichischen Heimen für medizinische Versuche missbraucht. Jugendliche sollen absichtlich mit Malaria infiziert, Mädchen Tierpräparate zur Unterdrückung ihrer Sexualität verabreicht worden sein. Nicht die ersten Vorwürfe gegen die staatlichen Einrichtungen.

Von Cathrin Kahlweit

Malaria-Therapie gegen psychische Erkrankungen, das Tiermedikament Epiphysan gegen "sexuelle Übererregung" - die Vorwürfe gegen Krankenhäuser und Forscher, die derzeit von ehemaligen österreichischen Heimkindern in Österreich erhoben werden, klingen wie Horrorszenarien aus der Zeit der schwarzen Pädagogik.

Vor einer Woche war ein Mann, der in den sechziger Jahren in einem Wiener Kinderheim untergebracht war, via ORF an die Öffentlichkeit gegangen; man habe ihn als 16-Jährigen in der Psychiatrie der Medizinischen Universität absichtlich mit Malaria infiziert. Ärzte halten es für möglich, dass auf diese Weise der Malaria-Erreger am Leben erhalten werden sollte. Ein zweites Opfer meldet sich umgehend, mittlerweile sind es zehn.

Tiermedikamente für pubertierende Mädchen

Kurz darauf dann eine Nachricht aus Innsbruck: In der Kinderpsychiatrie soll ein Mittel, das üblicherweise benutzt wurde, um das Brunftverhalten von Kühen zu unterdrücken, bei pubertierenden Mädchen angewendet worden sein, damit sie nicht onanierten oder sexuell aktiv würden. Auch Röntgenstrahlen sollen eingesetzt worden sein, um aufmüpfige Kinder ruhigzustellen.

Nun diskutiert das ganze Land erneut über den Umgang mit Heimkindern in den fünfziger und sechziger Jahren, an denen womöglich damals noch weitgehend unerforschte Psychopharmaka getestet wurden. Ein Opferanwalt rechnet vor, dass es womöglich mehr als hundert Opfer von medizinischen Experimenten gebe - und die Klinikleitungen reagieren. Am Montag wurde in Wien eine Experten-Kommission einberufen, welche die Vorwürfe prüfen soll.

Christiane Druml, Vizedirektorin für klinische Angelegenheiten an der Medizinischen Universität und in Personalunion Vorsitzende der nationalen Bioethik-Kommission, versichert, dass man Zeitzeugen, also damalige Ärzte und Schwestern, aber auch mögliche Opfer befragen werde; die Akten aus der fraglichen Zeit seien allerdings nicht mehr vorhanden. Man habe zwar, so Druml, an ihrem Krankenhaus die NS-Geschichte aufgearbeitet, aber "die Geschichte hört 1945 nicht auf".

Auch der Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Siegfried Kasper, hält Berichte für plausibel, dass Heimkinder mit einer Art Fieber-Therapie behandelt worden seien. Man habe die Malaria-Therapie in den zwanziger Jahren gegen Syphilis eingesetzt, ihm sei aber nicht bewusst gewesen, dass auch noch in den sechziger Jahren so vorgegangen worden sei - zumal es für diese Therapie in der Psychiatrie gar "keine Verwendung" gebe. Er halte es aber für weitgehend ausgeschlossen, dass "Experimente im Sinne der NS-Zeit" vorgenommen worden seien; es sei allerdings möglich, dass man Methoden benutzt habe, die nach heutigem Kenntnisstand vollkommen überholt seien.

Alte Vorwürfe noch nicht aufgearbeitet

Die womöglich unethische psychiatrische Behandlung insbesondere von Heimkindern wird damit erneut zum Skandal, während alte Vorwürfe noch nicht einmal aufgearbeitet sind. Das Kinderheim Wilhelminenberg am Wiener Stadtrand, das mittlerweile ein Luxushotel ist, hatte bereits vor Jahren Schlagzeilen gemacht, weil sich zahlreiche Menschen meldeten, die angaben, dort psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt zu sein.

Zwei Frauen sagten im vergangenen Herbst aus, sie seien als Heimkinder in Wilhelminenberg zur Prostitution gezwungen worden. Mittlerweile ermittelt eine Historikerkommission der Stadt Wien sowie eine Sonderkommission unter der Leitung der Juristin Barbara Helige, was es mit diesen Vorwürfen auf sich hat.

180.000 Akten über Heimkinder liegen in den Kellern der Wiener Verwaltung; die Aufarbeitung würde Jahre brauchen. Erika Bettstein vom Weißen Ring Österreich sagt, mittlerweile hätten sich 900 Opfer gemeldet, die von Gewaltanwendung berichteten. Die jüngsten Meldungen über medizinische Experimente verwundern sie nicht: Früher sei so etwas erschreckenderweise gängig gewesen, sagt sie.

Auch Barbara Helige schließt aus ihren bisherigen Erfahrungen, dass Heimkinder früher womöglich leichtfertig für Medizin-Experimente herangezogen sein worden, wie sie dem Standard sagte. Menschenverachtende Behandlungen seien an den Wehrlosen vorgenommen worden, schutzlose Kinder seien "leicht verfügbar" gewesen.

Heimkinder zur Einnahme von Psychopharmaka gezwungen

Auch in Deutschland hat der Runde Tisch Heimkinder, der vor einem Jahr seine Arbeit abschloss, von Medizinversuchen berichtet. Im Abschlussbericht war zu lesen, dass Kinder zur Einnahme von Psychopharmaka gezwungen worden seien, an einem Heim seien Versuche mit sedierenden Medikamenten durchgeführt worden. Auch aus Großbritannien gibt es Meldungen über medizinische Versuche an weiblichen Bewohnerinnen von Kinderheimen; einige von ihnen sollen später schwer missgebildete Kinder zur Welt gebracht haben.

In Innsbruck, wo jetzt ebenfalls eine Expertenkommission die Vorwürfe untersuchen soll, hat das Ganze eine besondere Dramatik: Dort leitete eine Ärztin bis 1987 die Kinderpsychiatrie, gegen die schon damals schwere Vorwürfe erhoben wurden: Maria Nowak-Vogl soll dereinst einen "Kreuzzug gegen Onanie" geführt und dagegen Röntgenstrahlen sowie Psychopharmaka eingesetzt haben. Als diese Vorwürfe Anfang der achtziger Jahre ans Licht kamen, wurde ein Ermittlungsverfahren eröffnet - und eingestellt.