Sexuelle Übergriffe in Ägypten "Frauen zu belästigen, ist gesellschaftlich akzeptiert"

Frauen auf dem Tahrir-Platz sind immer wieder sexuellen Übergriffen ausgesetzt. 

(Foto: dpa)

Wenn sie auf der Straße angepöbelt wird, schimpft sie zurück, trifft sie desinteressierte Polizisten, schreit sie die Beamten an. Die Ägypterin Danya Nadar ist in Kanada aufgewachsen und kämpft jetzt in Kairo gegen sexuelle Gewalt an Frauen. Ein Gespräch über Massenvergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz und tägliche Belästigungen.

Von Lena Jakat

Der Blick in den Kleiderschrank ist für sie ein täglicher Kompromiss, der Weg von der U-Bahn zum Büro zermürbender Spießrutenlauf. Die Ägypterin Danya Nadar kämpft gegen sexuelle Gewalt und ist auf den Straßen von Kairo selbst Tag für Tag dem Sexismus der patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt. Die 28-Jährige ist in Ägypten geboren, in Kanada aufgewachsen und lebt seit eineinhalb Jahren wieder in Kairo. Während der Massenkundgebungen auf dem Tahrir-Platz kommt es immer wieder zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. 91 Opfer zählte Human Rights Watch vergangene Woche binnen drei Tagen. Mit der Initiative "Operation Anti Sexual Harassment" kommt Danya Nadar Frauen zu Hilfe, die während der Proteste auf dem Tahrir-Platz Opfer sexueller Übergriffe werden. Ein Gespräch über Vergewaltigungs-Mobs, über die gesellschaftlichen Ursachen sexueller Gewalt und über Polizisten, die Frauen belästigen.

Süddeutsche.de: Frau Nadar, wie erleben Sie den öffentlichen Raum in Kairo?

Danya Nadar: Am schlimmsten ist es auf der Straße. Von einem Ort zum anderen zu kommen, ist ein regelrechter Kampf. Ich brauche fünf Minuten von der U-Bahn in mein Büro in der Innenstadt. Danach bin ich völlig erledigt von den Sprüchen, den Blicken, von allem. Sexuelle Belästigung ist in Ägypten allgegenwärtig.

Wie reagieren Sie auf die Belästigungen?

Manchmal schimpfe ich zurück, einmal habe ich einen Mann geschubst. Meine Reaktion wird das System vielleicht nicht ändern, aber es ist ein persönlicher Schutzmechanismus. Ich nehme die Beleidigungen nicht hin. Auch wenn mir die ständigen Auseinandersetzungen manchmal fast zu viel werden, ich das Gefühl habe, mein Kopf braucht einfach nur eine Pause.

Fühlen Sie sich eingeschränkt?

Jeden Morgen, wenn ich den Schrank aufmache und überlege, was ich anziehen soll, muss ich mit mir selbst verhandeln. Wo muss ich hingehen? Habe ich Termine bei Behörden? Was halte ich aus? Ich trage zwar kein Kopftuch, aber ich kleide mich nicht so wie in Toronto. Die alltägliche Gewalt hier richtet sich allerdings gegen alle Frauen, egal wie sie sich kleiden.

Frauen, die sich den Protesten auf dem Tahrir-Platz angeschlossen haben, werden immer wieder Opfer sexueller Übergriffe. Sie kommen ihnen mit der Organisation "Operation Anti Sexual Harassment" zu Hilfe. Wie funktioniert das genau?

Ich arbeite in unserer Zentrale, dort rufen Menschen an, die auf dem Tahrir Zeugen eines Übergriffs werden. Wir geben diese Information an unsere Eingreiftruppen auf dem Platz weiter. Das sind Teams von etwa 30 Leuten, die dann versuchen, zu dem Opfer durchzudringen. Sobald unsere Helfer die Frau erreicht haben, geben sie ihr, wenn nötig, erst einmal was zum Überziehen und bringen sie so schnell wie möglich aus der Menschenmenge zu einem unserer Autos. Von dort wird sie in Sicherheit gebracht - zu einem Arzt unseres Vertrauens zum Beispiel, oder in ein Frauenhaus.

Viele Frauen würden vielleicht nicht nachts eine einsame Straße entlanggehen, sich in Menschenmengen aber sicher fühlen. Warum kommt es bei Massenkundgebungen zu solchen Verbrechen?

Aus den Berichten von Opfern wissen wir, dass Mob-Mentalität eine wichtige Rolle spielt. Oft geht die Gewalt von vier, fünf Männer aus, die die Menge anstacheln. Sie bilden einen Kreis um die Frau, beginnen sie anzufassen. Immer mehr Männer, bis dahin unbeteiligte Zeugen, machen dann mit. Viele von ihnen behaupten, der Mann oder der Vater des Opfers zu sein, ihr helfen zu wollen. Und gehen dann selbst auf die Frau los. 50 bis 100 Männer können an so einem Übergriff beteiligt sein. Daneben gibt es Männer, die mit der Absicht auf den Tahrir-Platz kommen, sich an Frauen zu vergehen, für sie bietet sich in der Menge eine günstige Gelegenheit.