Süddeutsche Zeitung

Sexuelle Übergriffe in Ägypten:"Frauen zu belästigen, ist gesellschaftlich akzeptiert"

Lesezeit: 5 min

Wenn sie auf der Straße angepöbelt wird, schimpft sie zurück, trifft sie desinteressierte Polizisten, schreit sie die Beamten an. Die Ägypterin Danya Nadar ist in Kanada aufgewachsen und kämpft jetzt in Kairo gegen sexuelle Gewalt an Frauen. Ein Gespräch über Massenvergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz und tägliche Belästigungen.

Von Lena Jakat

Der Blick in den Kleiderschrank ist für sie ein täglicher Kompromiss, der Weg von der U-Bahn zum Büro zermürbender Spießrutenlauf. Die Ägypterin Danya Nadar kämpft gegen sexuelle Gewalt und ist auf den Straßen von Kairo selbst Tag für Tag dem Sexismus der patriarchalischen Gesellschaft ausgesetzt. Die 28-Jährige ist in Ägypten geboren, in Kanada aufgewachsen und lebt seit eineinhalb Jahren wieder in Kairo. Während der Massenkundgebungen auf dem Tahrir-Platz kommt es immer wieder zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. 91 Opfer zählte Human Rights Watch vergangene Woche binnen drei Tagen. Mit der Initiative "Operation Anti Sexual Harassment" kommt Danya Nadar Frauen zu Hilfe, die während der Proteste auf dem Tahrir-Platz Opfer sexueller Übergriffe werden. Ein Gespräch über Vergewaltigungs-Mobs, über die gesellschaftlichen Ursachen sexueller Gewalt und über Polizisten, die Frauen belästigen.

Süddeutsche.de: Frau Nadar, wie erleben Sie den öffentlichen Raum in Kairo?

Danya Nadar: Am schlimmsten ist es auf der Straße. Von einem Ort zum anderen zu kommen, ist ein regelrechter Kampf. Ich brauche fünf Minuten von der U-Bahn in mein Büro in der Innenstadt. Danach bin ich völlig erledigt von den Sprüchen, den Blicken, von allem. Sexuelle Belästigung ist in Ägypten allgegenwärtig.

Wie reagieren Sie auf die Belästigungen?

Manchmal schimpfe ich zurück, einmal habe ich einen Mann geschubst. Meine Reaktion wird das System vielleicht nicht ändern, aber es ist ein persönlicher Schutzmechanismus. Ich nehme die Beleidigungen nicht hin. Auch wenn mir die ständigen Auseinandersetzungen manchmal fast zu viel werden, ich das Gefühl habe, mein Kopf braucht einfach nur eine Pause.

Fühlen Sie sich eingeschränkt?

Jeden Morgen, wenn ich den Schrank aufmache und überlege, was ich anziehen soll, muss ich mit mir selbst verhandeln. Wo muss ich hingehen? Habe ich Termine bei Behörden? Was halte ich aus? Ich trage zwar kein Kopftuch, aber ich kleide mich nicht so wie in Toronto. Die alltägliche Gewalt hier richtet sich allerdings gegen alle Frauen, egal wie sie sich kleiden.

Frauen, die sich den Protesten auf dem Tahrir-Platz angeschlossen haben, werden immer wieder Opfer sexueller Übergriffe. Sie kommen ihnen mit der Organisation "Operation Anti Sexual Harassment" zu Hilfe. Wie funktioniert das genau?

Ich arbeite in unserer Zentrale, dort rufen Menschen an, die auf dem Tahrir Zeugen eines Übergriffs werden. Wir geben diese Information an unsere Eingreiftruppen auf dem Platz weiter. Das sind Teams von etwa 30 Leuten, die dann versuchen, zu dem Opfer durchzudringen. Sobald unsere Helfer die Frau erreicht haben, geben sie ihr, wenn nötig, erst einmal was zum Überziehen und bringen sie so schnell wie möglich aus der Menschenmenge zu einem unserer Autos. Von dort wird sie in Sicherheit gebracht - zu einem Arzt unseres Vertrauens zum Beispiel, oder in ein Frauenhaus.

Viele Frauen würden vielleicht nicht nachts eine einsame Straße entlanggehen, sich in Menschenmengen aber sicher fühlen. Warum kommt es bei Massenkundgebungen zu solchen Verbrechen?

Aus den Berichten von Opfern wissen wir, dass Mob-Mentalität eine wichtige Rolle spielt. Oft geht die Gewalt von vier, fünf Männer aus, die die Menge anstacheln. Sie bilden einen Kreis um die Frau, beginnen sie anzufassen. Immer mehr Männer, bis dahin unbeteiligte Zeugen, machen dann mit. Viele von ihnen behaupten, der Mann oder der Vater des Opfers zu sein, ihr helfen zu wollen. Und gehen dann selbst auf die Frau los. 50 bis 100 Männer können an so einem Übergriff beteiligt sein. Daneben gibt es Männer, die mit der Absicht auf den Tahrir-Platz kommen, sich an Frauen zu vergehen, für sie bietet sich in der Menge eine günstige Gelegenheit.

"Die Ursache liegt in der allgemeinen Unterdrückung"

Wie viele Hilferufe erreichen "Operation Anti Sexual Harassment"?

Das ist verschieden. Allerdings unterscheiden sich die Übergriffe stark. Am vergangenen Mittwoch hatten wir zum Beispiel etwa 80 Fälle, in 52 haben wir eingegriffen. Bei den meisten Zwischenfällen handelte es sich glücklicherweise nicht um schwerwiegende Verbrechen. Die Frauen wurden belästigt, es waren üble Situationen, aber nur in einer Handvoll von Fällen kam es tatsächlich zu Gewaltausbrüchen. Die schweren Fälle sexueller Gewalt sind im Vergleich zum Oktober 2012, als wir angefangen haben, weniger geworden.

Wie erklären Sie sich diesen Rückgang?

Die Aufmerksamkeit auf dem Platz hat sich verändert. Leute versuchen jetzt eher einzugreifen, wenn sie etwas mitbekommen. Aber wir sehen auf dem Tahrir-Platz ja nur einen Ausschnitt der sexuellen Gewalt, der Frauen in Ägypten jeden Tag ausgesetzt sind.

Inwiefern?

Für mich reicht Gewalt gegen Frauen von einem gemurmelten Schimpfwort, über eine Frau, die auf der Straße verbal belästigt wird, bis hin zu einer, die so brutal verprügelt oder vergewaltigt wird, dass sie im Krankenhaus landet. Diese Gewalt in all ihren Formen ist eine Realität in Ägypten.

In seinem aktuellen Jahresbericht schreibt der ägyptische Rat für Frauenrechte, dass es weltweit nur in Afghanistan mehr sexuelle Übergriffe gebe als in Ägypten.

Mehr als 95 Prozent aller Frauen hier waren schon einmal mindestens verbalen Belästigungen ausgesetzt. Und das ist wirklich schrecklich. Brutal, diese Worte, die man zu ignorieren versucht, wenn man die Straße entlangläuft; oder die Blicke.

Spielen dabei religiöse Beweggründe eine Rolle?

Die alltäglichen Belästigungen zielen auf alle Frauen - egal, ob sie nur ihr Haar verschleiern, ihr Gesicht oder überhaupt keinen Schleier tragen. Das spielt überhaupt keine Rolle. Sexuelle Gewalt wird dagegen immer wieder auch als politisches Instrument eingesetzt. Die ersten Berichte darüber gab es 2006. Auch heute noch ist ein Teil der Gewalt auf dem Tahrir politisch motiviert. Aber die alltäglichen Belästigungen sind weder religiös noch politisch begründet - sondern gesellschaftlich.

Welche Ursachen hat diese Aggressivität?

Ich glaube, die Ursache liegt in der allgemeinen Unterdrückung der Gesellschaft. Die Revolution brach aus, weil die Leute nach Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit verlangten. Bis heute sind diese Forderungen nicht erfüllt worden. Frauen sind Bürger zweiter Klasse in Ägypten. Und daran wird sich nichts ändern, bevor nicht der Gesellschaft allgemeine Freiheitsrechte zugestanden werden.

Die Männer lassen ihre Machtlosigkeit also an den Frauen aus?

Das gilt nicht nur für Männer. Unterdrückte Frauen unterdrücken oft ihrerseits. Zum Beispiel sind es häufig gerade die verstümmelten Frauen, die ihren Töchtern zur "Beschneidung" raten. Das sind soziale Strukturen, die aufgebrochen werden müssen. Danach sieht es aber momentan nicht aus. Seit ich hierher zurückgekommen bin, hat sich die allgemeine Lage der Frauen verschlimmert.

Woran könnte das liegen?

Ein Grund ist, dass die Institutionen nicht funktionieren. Im Strafrecht fehlen Paragrafen, die Gewalt gegen Frauen unter Strafe stellen. Und es fehlen Polizisten auf der Straße, die solche Gesetze durchsetzen, Täter anklagen und den Frauen Gerechtigkeit widerfahren lassen könnten.

Warum sorgt die Polizei nicht für Sicherheit?

Die Polizei in Ägypten ist dazu da, Gebäude von Regierung und Militär zu bewachen und Banken zu beschützen. Aus dem öffentlichen Leben, dort, wo sie gebraucht würden, halten sich die Beamten aber fern. Noch schlimmer: Nicht selten sind es Polizisten, die Frauen belästigen. Ich lebe in einer Straße, an der zu beiden Enden Polizisten postiert sind. Alles was sie tun, ist es, Frauen hinterherzurufen.

Was passiert, wenn vergewaltigte Frauen bei der Polizei Hilfe suchen?

Dort werden sie ein zweites Mal traumatisiert. Nach einer Vergewaltigung ist es Routine, die Jungfräulichkeit des Opfers zu überprüfen. Diese Untersuchung hat keinen anderen Sinn, als die Frau einzuschüchtern und ihr Schuldgefühle einzureden. Und das funktioniert, weil weite Teile der Gesellschaft das Problem verdrängen.

Liegt die Schwäche der Polizei vielleicht auch darin begründet, dass die Sicherheitskräfte in den Jahren politischer Wirren ihre Rolle noch nicht gefunden haben?

Die Strukturen funktionieren; die Sicherheitskräfte sind das einzige System, das in Ägypten noch richtig funktioniert. Das Problem ist: Es ist gesellschaftlich akzeptiert, Frauen zu belästigen. Deswegen greifen die Polizisten auch nicht ein. Neulich kam ich am Tahrir-Platz aus einem U-Bahn-Ausgang, in den am Abend zuvor Frauen gedrängt und überfallen wurden. Vier Polizisten standen dort auf ihrem Posten. Vier! Ich habe sie angeschrien: "Wo wart ihr letzte Nacht?". Aber das ist war ihnen völlig gleichgültig.

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