Sexuelle Übergriffe am Tahrir-Platz Gewalt im Schutz jubelnder Massen

Fast hundert sexuelle Übergriffe gegen Frauen haben Aktivisten binnen vier Tagen auf dem Tahrir-Platz in Kairo gezählt. In der Masse der Demonstranten fühlen sich Angreifer sicher. Die Behörden greifen kaum ein, es bleibt mutigen Aktivisten überlassen, den Opfern zu Hilfe zu kommen.

Von Lena Jakat

Sie bildeten einen engen Kreis, fingen an, sie zu betatschen, mit ihren Händen über ihren Körper zu fahren. Berührten jeden Zentimeter, schändeten jeden Fleck. So berichtet die Frau mit fester Stimme. "Ich stand so unter Schock, ich konnte nicht sprechen, nicht um Hilfe rufen. Ich habe einfach nur geschrien." Was sie am Tahrir-Platz erlebt hat und was sie in einem Video von Human Rights Watch schildert, das widerfährt in Ägypten Tag für Tag etlichen Frauen. Berichte über Ausbrüche sexueller Gewalt am Rande der Demonstrationen haben sich als traurige Regelmäßigkeit etabliert. Die Menschenrechtsorganisation zählt allein für die vier Tage von 30. Juni bis 3. Juli mindestens 91 Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

"Demonstrantinnen und Journalistinnen sollten die Gegend um die Mohamed-Mahmoud-Straße und das Schnellrestaurant Hardee's meiden. Dort gibt es sexuelle Übergriffe durch Gruppen. Es ist unsicheres Terrain", postet die Frauenrechtsinitiative "Op Anti-Sexual Harassment" am Mittwochabend um 21 Uhr auf ihrer Facebook-Seite. Es ist der Abend, an dem Hunderttausende Ägypter auf dem Tahrir-Platz in Kairo den Sturz von Präsident Mohammed Mursi feiern. Doch für viele Frauen versteckt sich im überschwänglichen Jubel der Massen auch der Horror: Männer, die den Schutz der Menschenmenge für sich nutzen. Um sich an Frauen zu vergehen. Allein für Mittwochabend berichtet die "Op Anti-Sexual Harassment" von 45 Übergriffen. In 30 Fällen konnten die ehrenamtlichen Aktivisten eingreifen. Die Initiatoren sprechen sprechen von vier "schweren Fällen" und "mindestens einer verletzten Frau".

Laut Human Rights Watch folgen die Übergriffe oft einem ähnlichen Muster: Eine Handvoll junger Männer sucht sich eine Frau aus und kreist sie ein, isoliert sie von ihren Freunden. Während des Überfalls kommen mehr Angreifer hinzu, fassen die Frau an und versuchen sie auszuziehen. Oft schleppen sie ihr Opfer dann woanders hin.

Widerstand gegen die sexuelle Gewalt formiert sich in Gestalt von Gruppen wie "Op Anti-Sexual Harassment", den "Tahrir Bodyguards" und "Shoft Taharosh" ("Ich habe Belästigungen gesehen"). Sie kommen Frauen in Notsituationen zu Hilfe. Für ein britisches Forschungsprojekt beschreibt die Aktivistin Janet Abd el Aleem die Einsätze wie folgt: "Die Leute, die eingreifen, tragen deutlich erkennbare Uniformen, ein T-Shirt mit einer aufgedruckten Anti-Belästigungsbotschaft. Wenn ein Mitglied der Rettungstruppe in die Menge eintaucht, um einer Frau zu helfen, hat die Person eine Tasche dabei, in der sich Leintücher, Flip-Flops und ein Erste-Hilfe-Set befinden, für den Fall dass die Frau nackt ist oder Verletzungen erlitten hat." Die Aktivistinnen haben Notfallnummern eingerichtet, warnen über soziale Netzwerke vor gefährlichen Ecken.

Nicht nur, wenn gegen die politische Führung demonstriert wird; wo immer sich Menschenmassen sammeln, kommt es in Ägypten regelmäßig zu sexuellen Übergriffen gegen Frauen. Zu den Festen rund um den Feiertag Sham El Nessim, der am Ostermontag des koptischen Kirchenkalenders begangen wird, bot Shoft Taharosh einen "sicheren Fahrdienst" an, schickte Autos in die feiernden Massen, die Opfer sexueller Übergriffe in Sicherheit bringen sollten.

Kairo feiert den Sturz des Präsidenten

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Gemeinsam mit den "Tahrir Bodyguards" bietet die Initiative seit Februar kostenfreie Selbstverteidigungskurse an. Die Stiftung "Women in the World" zitiert die Aktivistin Fathy Farid mit dem Ziel, bis zum Jahresende 10.000 Frauen Techniken beizubringen, mit denen sie sich gegen sexuelle Angriffe wehren können. Was ambitioniert klingt, ist gemessen an den Opferzahlen eine lächerlich kleine Zahl. Laut dem Jahresbericht des ägyptischen Rats für Frauenrechte wurden 2012 insgesamt 60 Prozent aller etwa 43 Millionen Ägypterinnen Opfer häuslicher Gewalt, 32 Prozent Opfer körperlicher Übergriffe. Dem Report zufolge gibt es weltweit nur in Afghanistan mehr sexuelle Übergriffe als in Ägypten.

Schon seit 2010 kartiert Rebecca Chiao, eine Amerikanerin, die in Kairo lebt, die Lage. Per SMS können Frauen sexuelle Übergriffe melden. Rote Kreise unterschiedlicher Größe markieren auf der "Harassmap" die lokalen Schwerpunkte von Gewalt. Mit ihrer Initiative will die Menschenrechtsaktivistin ein Bewusstsein für die alltägliche Gewalt gegen Frauen schaffen.

Bei den politischen Eliten ist dieses Bewusstsein den Aktivisten zufolge jedoch noch lange nicht angekommen. Die sexuellen Übergriffe "betonen das Versagen von Regierung und allen politischen Parteien, der Gewalt entgegen zu treten, der Frauen in Ägypten jeden Tag im öffentlichen Raum ausgesetzt sind", sagt Joe Storck von Human Rights Watch.

Und auch die Aktivistinnen vom Tahrir-Platz mischen sich in den politischen Diskurs ein: "Die Parteien müssen Verantwortung übernehmen, nicht indem sie in Mitteilungen die Taten verurteilen und bedauern, sondern indem sie wirkunsvolle Schritte ergeifen", twitterte Op Anti-Sexual Harassment am Mittwoch.

Und wenigstens in den sozialen Netzwerken schlägt ihnen eine Welle der Unterstützung entgegen.