Prozess um Brustimplantat-Skandal Hauptangeklagter empfindet "nichts" für Geschädigte

In Frankreich beginnt der Mammut-Prozess gegen den Brustimplantat-Produzenten Jean-Claude Mas. Dieser hatte für die Herstellung billiges Industriesilikon verwendet. Reue zeigt Mas nach wie vor keine - laut eigener Aussage hält er sein Produkt für "perfekt".

Von Stefan Ulrich

Es gibt Hunderttausende Opfer auf der ganzen Welt: Frauen in mehr als 65 Ländern ließen sich in den vergangenen Jahren Brust-Implantate einsetzen, die der Franzose Jean-Claude Mas in seiner Firma Poly Implant Prothèse (PIP) hergestellt hatte. Was die Patientinnen, darunter Tausende Deutsche, nicht wussten: Mas fertigte die Implantate illegal aus billigem Industriesilikon an, wie es auch für Matratzen verwendet wird.

Der Schwindel flog 2010 auf, weil Ärzte feststellten, dass die Prothesen der PIP auffällig häufig rissen und Silikon austreten ließen. Dies wird für Entzündungen und Schwellungen der Lymphknoten verantwortlich gemacht. Ab Mittwoch müssen sich Mas und vier Mitarbeiter einem Strafprozess in Marseille stellen. Auf die Frage, was er für die geschädigten Frauen empfinde, antwortete der Firmenchef bei einer Vernehmung: "nichts."

Für die Justiz in Marseille ist es der größte Prozess ihrer Geschichte. Sie hat das Verfahren in ein Kongresszentrum verlegt. Der Verhandlungssaal fasst 700 Menschen. Zudem wird der Prozess per Video in drei weitere Räume übertragen. Mehr als 5100 Frauen, zumeist Französinnen, haben sich als Nebenklägerinnen registrieren lassen, Hunderte von ihnen dürften am Mittwoch persönlich erscheinen. Hinzu kommen 300 Rechtsanwälte. Auch der TÜV Rheinland, dessen Kontrolleure von Mas getäuscht wurden, tritt als Nebenkläger auf.

Der 73 Jahre alte Mas und seine Mitangeklagten sind wegen schwerer Täuschung und Betrugs angeklagt. Der Firmengründer hat zugegeben, seit 1995 die meisten seiner Implantate nicht mit dem teuren Gel Nusil, sondern mit günstigem Industrie-Silikon produziert zu haben, das er zu einem Gel mixen ließ. "Ich habe das absichtlich getan, weil das PIP-Gel billiger war." Die Staatsanwaltschaft errechnete, dadurch habe die in La Seyne-sur-Mer an der Côte d'Azur ansässige Firma jährlich mehr als eine Million Euro gespart. PIP stellte jedes Jahr 100.000 Silikoneinlagen her und war zeitweise der drittgrößte Brustimplantate-Produzent der Welt.

Angeklagter beharrt auf Unbedenklichkeit der Implantate

Mas, der 2012 acht Monate in Untersuchungshaft saß, scheint kein Unrechtsbewusstsein zu plagen. "Die Formel war perfekt", behauptet er von seinem Silikon-Mix. Seine Implantate seien sogar besser als die Nusil-Produkte und keineswegs gesundheitsschädigend gewesen. Den Nebenklägerinnen unterstellt er, sie wollten nur Geld aus dem Fall schlagen. Die Justiz ist da anderer Meinung. Sie führt parallel zu dem Prozess zwei Ermittlungsverfahren gegen Mas - wegen fahrlässiger Körperverletzung und betrügerischen Bankrotts.

Der bisweilen provokant auftretende Chef der 2010 liquidierten Firma PIP stammt aus Tarbes in Südwestfrankreich. Nach dem Militärdienst in Algerien arbeitete er als Medikamenten-Vertreter und vom Verkauf von Wein, Cognac und Würsten. 1982 wandte sich der Selfmademan den Brustimplantaten zu, einem aufstrebenden Markt. Er arbeitete zunächst in der Firma eines Schönheitschirurgen mit, in der er die Formel für sein späteres Gel kennengelernt haben will. 1991 gründete er sein eigenes Unternehmen PIP.

Im Jahr 2000 ermittelten amerikanische und britische Behörden gegen die Firma. PIP wandte sich in der Folge mehr dem südamerikanischen Markt zu, verkaufte aber auch viele Implantate in Frankreich und ganz Westeuropa. In Deutschland sollen Ärzte etwa 5000 Frauen PIP-Implantate eingesetzt haben.

Erst im März 2010, nachdem sich Beschwerden der Ärzte häuften, wurden die PIP-Einlagen verboten. Ende 2011 empfahlen die französischen Gesundheitsbehörden und dann die Behörden weiterer Länder den betroffenen Frauen, sich vorsichtshalber die PIP-Brusteinlagen wieder herausoperieren zu lassen. In Frankreich folgten schätzungsweise 15.000 Patientinnen diesem Rat. Bei jeder Vierten von ihnen war das Implantat defekt.

Geschädigte sehen Mitschuld bei TÜV Rheinland

Viele Frauen empfanden die Situation als Albtraum und hatten Angst, wegen der PIP-Einlagen schwer zu erkranken. Bislang soll es allerdings keine Beweise dafür geben, dass die Implantate das Krebsrisiko erhöhen. Die französische Gesundheitsbehörde ANSM versichert, Analysen in verschiedenen Ländern deuteten nicht darauf hin, dass die PIP-Produkte "ein bedeutendes Risiko für die menschliche Gesundheit" darstellten. Mit dieser Frage werden sich noch die Richter befassen müssen.

Viele der geschädigten Patientinnen finden zudem, auch Schönheitschirurgen, Aufsichtsbehörden und der TÜV Rheinland gehörten auf die Anklagebank. Zahlreiche Frauen sowie einige Implantat-Händler verklagen den TÜV derzeit in Toulon auf Schadensersatz, weil er die mangelhaften PIP-Implantate zertifiziert und so weltweit vertrauenswürdig gemacht habe. Insgesamt belaufen sich die Klagesummen auf 50 Millionen Euro. In Deutschland hat das Landgericht Frankenthal allerdings bereits eine Klage gegen den TÜV abgewiesen.

Der TÜV Rheinland fühlt sich selbst vom PIP-Gründer betrogen. Mas hat zugegeben, die TÜV-Mitarbeiter bei Kontrollen in seiner Fabrik "routinemäßig" getäuscht zu haben. Er ließ verräterische Dokumente und ganze Container mit seinem Gel verstecken. Wegen der Betrügereien will auch die Versicherung der Firma PIP nicht bezahlen. So bleibt die Frage offen, wer die Frauen für Operationen, Verdienstausfälle, Schmerzen und Ängste entschädigen soll. Jean-Claude Mas behauptet, er sei pleite. Sandrine Crosato, eine der Nebenklägerinnen, sagte der Nachrichtenagentur AFP, sie finde diese Ausrede zu billig. Die 46 Jahre alte Frau fragt sich vor dem Prozess in Marseille: "Wer wird uns helfen - uns, den Opfern?"