Prozess um Aufruf zur Lynchjustiz Unter der digitalen Kapuze

Ob nach dem Anschlag von Boston oder der Tötung der elfjährigen Lena in Emden: Oft formiert sich im Netz rasant ein Heer von Laienermittlern und -richtern. Ein 19-Jähriger muss sich jetzt wegen des Aufrufs zur Selbstjustiz vor Gericht verantworten. Doch wie entstehen Lynchmobs? Und welche Rolle spielen dabei soziale Netzwerke?

Von Lena Jakat

"Erschießen!" "Ab in den Steinbruch" "Sperrt ihn da ein, wo sie solche Schweine als Frischfleisch lieben." Derlei wüste Beschimpfungen, geäußert vor gut einem Jahr bei Facebook, galten einem jungen Mann, 17 Jahre alt, der sich im Gewahrsam der Emdener Polizei befand. Er war verdächtig, die elfjährige Lena in einem Parkhaus der ostfriesischen Kleinstadt getötet zu haben. Verdächtig, aber unschuldig, wie sich später herausstellen sollte. "Ab zur Polizeiwache, lasst uns das Schwein mit Steinen beschmeißen": Diesem Aufruf bei Facebook folgten in der Nacht zum 28. März 2012 etwa 50 Menschen. Sie versammelten sich vor dem Polizeikommissariat und forderten lautstark die Herausgabe des Verdächtigen. Der 19-Jährige mutmaßliche Autor dieses Posts, der mehr als 30 Likes erhielt, muss sich von diesem Dienstag an vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: Aufforderung zu Straftaten. Genauer: Aufruf zur Lynchjustiz.

Ob es um einen 17-jährigen Ostfriesen geht, der fälschlicherweise unter Mordverdacht geriet, oder um den 22-jährigen Studenten Sunil Tripathi, der auf Twitter zum Attentäter von Boston ausgerufen wurde - nach aufsehenerregenden Verbrechen dauert es oft nicht lange, bis sich im Netz eine Armee von Laienermittlern formiert. Oder von Laienrichtern. Durch ihre Geschwindigkeit und Reichweite können soziale Medien polizeiliche Ermittlungen beschleunigen oder Vorverurteilungen befördern. Beides in bisher unbekanntem Maße.

Das Phänomen ist neu, doch wie es funktioniert wurde schon vor mehr als 40 Jahren erforscht. Der US-Psychologe Philip Zimbardo ließ 1971 in seinem berühmten Standford-Gefängnis-Experiment Probanden Wärter und Häftlinge spielen, wies ihnen per Sonnenbrille (Wärter) oder Kapuze aus Nylonstrumpf (Häftling) ihre Rollen zu und nahm ihnen so ein Stück ihrer Individualität.

Zimbardo konnte in seinem Experiment erstmals zeigen, dass Menschen in Gruppen unter Umständen asozialer handeln. "Philip Zimbardo hat seinen Studenten Kapuzen übergezogen, damit sie unerkannt bleiben. Online-Kommunikation ist die moderne Version davon", sagt Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Universität Marburg. "Wer den Eindruck hat, in einer Gruppe aufzugehen, wer sich anonym fühlt, bei dem funktionieren Fremd- und Selbstkontrolle nicht mehr so gut." Diese Person lässt die eigenen moralischen Standards außer Acht und es wird unwichtiger, wie andere ihr Handeln beurteilen. Die Folge sind gruppendynamische Prozesse, wie sie zum Beispiel bei Demonstrationen zu beobachten sind. Oder eben bei einem Lynchmob.

Die Motive, zur Selbstjustiz aufzurufen oder sich einem solchen Aufruf anzuschließen, sind äußerst komplex. Da mögen sich Aggressionen Bahn brechen, die sich in einem völlig anderen Zusammenhang aufgestaut haben. Dabei mag aber auch die Berichterstattung über Verbrechen eine Rolle spielen - die durch die neuen Medien massiv zugenommen hat. Seit Jahrzehnten weist die kriminologische Forschung darauf hin, dass der Konsum von Verbrechensmeldungen das subjektive Sicherheitsempfinden beeinträchtigen kann, als einer von vielen Faktoren. Wenn die Twitter- und Facebook-Timelines nach einer Bluttat überquellen von Statusberichten der Ermittlungen, fühlt sich jemand also vielleicht selbst unsicherer und womöglich auch geneigter, sich kruden Beschimpfungen anzuschließen.

Vergeltung, die das Rechtssystem versagt

Am wichtigsten aber dürfte der Wunsch nach Rache sein. "Je größer die empfundene Beteiligung, je stärker das Mitgefühl mit dem Opfer, desto größer ist der Wunsch nach Vergeltung", sagt Sozialpsychologe Wagner. Ein Wunsch, den Gerichtsprozesse oft nicht erfüllen, da das nicht der Natur des Gesetzes entspricht. Urteile würden oft als ungerecht, als unzureichend empfunden, sagt Wagner. Doch nur selten wird diese Unzufriedenheit artikuliert.

Was den 19-jährige Emdener antrieb, als er mutmaßlich den Post tippte, der zur Selbstjustiz aufrief, wird vielleicht der Prozess zeigen.

Klar ist schon jetzt: Er handelte unter den besonderen Bedingungen der Netzkommunikation. "Erstens gab es auf diesen Aufruf keine unmittelbare Reaktion, da war niemand, der sofort protestiert hätte", erläutert Wagner. Online-Kommunikation funktioniert - wenn auch nur minimal - zeitversetzt. Und schriftlich; was Sinnebenen wie Tonfall oder Mimik ausschließt. Und vor allem: Wer online etwas postet, fühlt sich oft wie unter Zimbardos Kapuze. Sei es, weil er ein Pseudonym benutzt oder weil er glaubt, in den Weiten des Netzes unterzugehen. "Bei Netzkommunikationen greifen oft ganz ähnliche Mechanismen: Selbst- und Fremdkontrolle gehen zurück. Es kommt dabei nicht darauf an, ob jemand tatsächlich anonym ist, sondern darauf, ob er das so empfindet."