Prozess in Ellwangen Zwischen Sexphantasie und Mordkomplott

Rollenspiel oder Verabredung zum Verbrechen? Rene G. vor Gericht in Ellwangen.

(Foto: dpa)

Perverses Rollenspiel oder Mordversuch? Drei Männer planten, zwei Frauen und ein Kind zu vergewaltigen und anschließend zu töten. Zum Prozessauftakt behaupten sie, das wären nur Phantasien gewesen.

Von Max Hägler, Ellwangen

Ihre Phantasien, man darf dieses Urteil wohl auch ohne Richter fällen, waren mindestens pervers. Aber haben diese drei Männer auf der Anklagebank mehr im Sinn gehabt? Sitzen hier womöglich nur perverse Spieler und Sexphantasten oder aber perverse Täter und potenzielle Mörder?

Hier am Landgericht im stillen Ellwangen - zwischen Nürnberg und Stuttgart gelegen - wird seit diesem Montag gegen Männer verhandelt, die sich eigentlich nicht kannten, aber per Chat und Handy geplant hatten, zwei Frauen und ein Mädchen zu vergewaltigen und danach zu "entsorgen". So sieht es die Staatsanwaltschaft, es wäre die Verabredung zum Verbrechen. Die drei Angeklagten äußern, direkt oder über ihre Anwälte: Das war alles nur ein Spiel, ein Rollenspiel. Nie hätten sie jemanden umbringen wollen. Und strafrechtlich gilt auch, was einer der Verteidiger sagt: "Gedanken sind frei."

Es ist wohl das erste Mal, dass sich dieses Trio für längere Zeit sieht. Links Rene G., ein 41-Jähriger aus Heidenheim, der jüngste. Aufmerksam sitzt er da, aber still, mit gewaltigem Stiernacken, Geheimratsecken, weißem T-Shirt und schwarzem Sakko. In der Mitte der schmächtige Hans-Peter H., die Windjacke über dem Karo-Hemd zieht er nicht aus, unruhig trippelt er, so dass seine Fußfesseln schwingen, die Arme hat er auf die Knie gestützt. Und rechts schließlich Gerhard K., ein schwerer, gemütlich wirkender Mann mit Pferdeschwanz, Schnauzbart und einem langsamen Münchner Zungenschlag, die Arme aufgestützt. Immer wieder blickt er seine Kumpane an.

"Aus Neugier, aus Langeweile"

Über den RTL-Chat seien sie in Kontakt gekommen, sagt er. RTL-Chat?, fragt der Richter. Na ja, im Videotext gebe es Kontaktseiten. Eine Handy-Nachricht schreibt man dorthin, etwa mit der Info: Interessiert an "promw" oder "jw" - interessiert an prominenten Weibern oder jungen Weibern. Im Januar 2011 habe er auf so eine Anzeige geantwortet, sagt K. Vormittags hatte der gelernte Metzger damals gearbeitet als Ein-Euro-Jobber. Sonst: Wenig zu tun, wie die anderen offenbar auch. "Aus Neugier, aus Langeweile", habe er schließlich in das Forum des Fernsehsenders geschrieben, um Sado-Maso-Freunde zu finden. Rene G. war einer seiner Kontaktpartner. Ein Jahr ging das, dann sei "halt alles extremer geworden beim Schreiben". So kann man das sagen. Im Sommer 2012 kamen Namen ins Spiel: die Ex-Frau von Rene G., deren Tochter und eine junge Nachbarin. Die Angeklagten planten, diese Menschen zu entführen und zu vergewaltigen. "Ich hätte die Opfer töten und entsorgen sollen", sagt Gerhard K. Seinem Chatkameraden Rene G. sei das offenbar "ernst" gewesen, der hätte irgendwann sogar ein Datum genannt. Er selbst hätte das aber niemals umgesetzt - ein Rollenspiel eben.

"Das ist ein Fall, der für uns sehr außergewöhnlich ist", sagt der Vorsitzende Richter Gerhard Ilg.

Dutzende Kinderpornos per SMS

Fest steht, dass alle Drei anormale Neigungen haben. Dutzende Kinderpornos tauschte das Trio aus per Handy. An manchen Tagen gingen so bis zu 100 Kurznachrichten hin und her. Die Übertragungsprotokolle und Handyspeicher haben diesen Alltag dokumentiert: Am 18. Juni um 19.42 Uhr verschickt da etwa H. an G. ein Foto. Ein unbekanntes Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren, dazu zwei sexuell stimulierte Männer. So viele Bilder mit unbekannten Opfern sind es, dass die Ankläger nur Beispiele verlesen. Ein vierter Kinderporno-Chatter alarmierte dann am 20. Juni 2012 die Polizei, als er von den Mordplänen hörte.

Allein das mit den Bildern ist schon gravierend, aber wirkt an diesem Tag irgendwie normal. Als gehörte das alles zum Spiel. Richter Ilg spürt das offenbar. Und wendet sich, noch bevor die Zeugen zu Wort kommen, mit einem eindringlichen und ungewöhnlichen Hinweis an das Trio: "Mord", sagt er, "wird bei uns mit lebenslang bestraft." Und die Verabredung dazu, die werde bestraft als versuchter Mord. Kommen Sie in der Realität an, das ist sein Appell. Und alle drei Angeklagten sollten sich überlegen, was sie nun jeweils mit der Geschichte zu tun hatten. Das richtet sich wohl vor allem an Rene G., der den anderen beiden die potenziellen Opfer präsentiert hatte. Wollte er sich an seiner Ex-Frau rächen, die den Kontakt abgebrochen hatte? Wollte er die perversen Rollenspieler ausnutzen für seine realen Pläne?

Eine heikle Geschichte, sagt Richter Ilg: "Der Rahmen ist ganz, ganz groß in dem Fall." Irgendwo zwischen legalem Rollenspiel samt illegalen Kinderpornos und Mordversuch.