Proteste nach Grubenunglück in der Türkei Gewerkschaften rufen zum Streik auf

Das Grubenunglück hat mehr als 200 Tote gefordert - der Gewerkschaftsbund spricht von "Mord am Arbeitsplatz".

(Foto: AP)

Mindestens 274 Bergleute sind bei dem Grubenunglück in Soma ums Leben gekommen. Als Konsequenz kündigen mehrere große Gewerkschaften an, ihre Arbeit heute niederzulegen - und fordern, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Entwicklungen im Newsblog.
  • Gewerkschaften rufen zum Streik auf
  • Bei einem Grubenunglück in der Stadt Soma im Westen der Türkei sind mindestens 274 Bergleute ums Leben gekommen
  • Hunderte weitere Kumpel sind noch in der Mine eingesperrt
  • Die Regierung rechnet damit, dass die Zahl der Opfer noch deutlich steigen wird
  • Polizei in Ankara und Istanbul setzt Tränengas gegen Demonstranten ein

Gewerkschaften fordern Arbeitsniederlegung: Mehrere große Gewerkschaften der Türkei haben nach dem verheerenden Grubenunglück zum Streik aufgerufen. Nach Angaben des Chef der Bundesvereinigung der Gewerkschaften der Türkei, Arzu Cerkezoglu, haben sich mehrere Gewerkschaften bereit erklärt zu streiken. Zum Gedenken an die mindestens 274 Opfer des Unglücks soll mehrere Minuten geschwiegen werden. Der Gewerkschaftsbund Türk-Is sprach im Zusammenhang mit der Katastrophe vom größten "Mord" am Arbeitsplatz in der Geschichte der türkischen Republik, gegen den protestiert werden müsse. Die Gewerkschaft KESK appellierte ebenfalls an ihre 240.000 Mitglieder, die Arbeit niederzulegen und erklärte: "Diejenigen, die Privatisierungen vorantreiben und zur Kostenreduzierung die Leben von Arbeitern aufs Spiel setzen, sind die Schuldigen des Massakers von Soma und müssen zur Rechenschaft gezogen werden".

Explosion während des Schichtwechsels: Das Grubenunglück ereignete sich in einem Kohlebergwerk in Soma in der Provinz Manisa, etwa 250 Kilometer südwestlich von Istanbul. Während des Schichtwechsels hatte ein Fehler in der Elektrizitätsanlage eine Explosion ausgelöst, die daraufhin zu einem Brand führte. Die Flammen sind nach Angaben von Energieminister Taner Yıldız immer noch nicht unter Kontrolle. "Es ist schlimmer als zunächst erwartet", sagte er. Als sich die Explosion in der Grube ereignete, seien 787 Menschen unter Tage gewesen, sagte Yıldız. Seinen Angaben zufolge wurden bis zum Abend 274 Todesopfer geborgen. Die Regierung fürchtet, dass die Zahl noch deutlich steigen wird. Viele der Opfer sind erstickt. Einer der Toten soll erst 15 Jahre alt gewesen sein, wie die Zeitung Hürriyet berichtet. Yıldız sagte dagegen, es könne nicht sein, dass ein 15-Jähriger in einem Bergwerk arbeite.

Rettungsarbeiten sind "Wettlauf gegen die Zeit": Die meisten Bergleute stecken in 2000 Metern Tiefe etwa vier Kilometer vom Eingang der Grube entfernt fest. Ihre Bergung sei "ein Wettlauf gegen die Zeit", sagte Yıldız. Mut machten Medienberichte über sechs weitere Überlebende, die mehr als 18 Stunden nach dem Unglück geborgen werden konnten. Unklar sei, ob die Männer verletzt seien, meldete Hürriyet. Deutschland hat der Türkei Hilfe angeboten. "Deutschland steht bereit, zu helfen, wenn die Türkei das wünscht", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Bundeskanzlerin Angela Merkel wandte sich mit ähnlichen Worten an Erdogan und erklärte, Deutschland sei "zur Hilfe bereit". Auch Bundespräsident Joachim Gauck schrieb in einem Kondolenztelegramm an seinen Kollegen Abdullah Gül, er habe "mit Trauer und Bestürzung" von dem Unglück erfahren.

Dreitägige Staatstrauer ausgerufen: Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat eine geplante Reise nach Albanien abgesagt und ist zum Ort des Unglücks gereist. Er drückte den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Die Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Im ganzen Land und an den türkischen Vertretungen im Ausland würden am Mittwoch die Flaggen auf halbmast gesetzt, teilte Erdoğans Büro mit. Präsident Abdullah Gül sagte seine Reise nach China ab, um an den Unglücksort zu reisen. Erdogan hat umfassende Ermittlungen angekündigt. Die Unglücksursache müsse "vollständig" untersucht werden, sagte er bei einer Pressekonferenz in Soma.

Trauern und Warten

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Polizei in Ankara und Istanbul setzt Tränengas gegen Demonstranten ein: Türkische Medien berichten, die Regierungspartei AKP habe in den vergangenen Monaten eine Forderung der Opposition nach einer Überprüfung der Zeche zurückgewiesen. Für den linken Gewerkschaftsbund DISK ist das Unglück von Soma ein "Massaker", wie der Vorsitzende Kani Beko sagt. In Gruben wie in der von Soma seien ganze Ketten von Subunternehmern am Werk, die nicht vernünftig kontrolliert würden. Sicherheitsvorschriften würden außer Acht gelassen. In Ankara kam es nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP zu gewaltsamen Protesten. An der Demonstration in der Hauptstadt beteiligten sich 3000 bis 4000 Menschen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Auch in Istanbul beteiligten sich mehrere tausend Menschen an einer Kundgebung und riefen Parolen gegen die Regierung. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Gummigeschosse gegen die Demonstranten ein. Mehrere Menschen wurden verletzt, Berichten zufolge gab es auch Festnahmen. Spontane Kundgebungen gab es auch in anderen Orten der Türkei.

Demonstranten fordern Erdogans Rücktritt: Auch in Soma selbst kommt es zu Protesten. Dutzende Einwohner haben bei dem Besuch von Regierungschef Erdogan dessen Rücktritt gefordert. Wütende Demonstranten traten mit Füßen gegen das Auto des Ministerpräsidenten, wie die private Nachrichtenagentur Dogan berichtete. Viele hatten vor dem Gebäude, in dem Erdogan seine Pressekonferenz gab, bereits gesungen und gepfiffen. Erdogan hatte jede Verantwortung der Regierung zurückgewiesen: Derlei Arbeitsunfälle passierten "überall auf der Welt".

Anteilnahme des Deutschen Bergbaus: Das Unglück ruft auch in Deutschland Trauer, Bestürzung und Kritik hervor. Der deutsche Steinkohlenbergbau drückt seine Anteilnahme aus. "Das gestrige Grubenunglück im Westen der Türkei macht uns Bergleute tief betroffen", teilten Vorstand und Betriebsrat der Betreibergesellschaft RAG mit. Die Bergbaugewerkschaft IG BCE kritisierte die Sicherheitsmängel in der Türkei. "Die Katastrophe in Soma ist das jüngste Glied in einer langen Kette schrecklicher Grubenunglücke in der Türkei", sagte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Es habe immer wieder Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen gegeben. Mindestvorschriften im Arbeits- und Gesundheitsschutz würden nicht eingehalten.

Schwerstes Unglück in Geschichte der Türkei: Nach Regierungsangaben ist das Unglück in Soma wahrscheinlich das schwerste in der Geschichte des Landes. In der Türkei kommt es immer wieder zu tödlichen Grubenunfällen. Mehrfach gab es in den vergangenen Jahren Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen oder es wurden veraltete Arbeitsgeräte eingesetzt. Das bislang folgenschwerste Unglück der vergangenen Jahrzehnte ereignete sich 1992 in einem Bergwerk in der Provinz Zonguldak. Dort starben bei einer Gasexplosion 263 Menschen.