Nach Zugunglück in Spanien Lokführer verweigert die Aussage

Aufräumarbeiten nach dem Zugunglück bei Santiago de Compostela

(Foto: dpa)

Zwei Tage nach dem Zugunglück in Santiago de Compostela beginnt die Aufarbeitung: Die Polizei hat den Lokführer in Gewahrsam genommen, auf die Fragen der Beamten wollte er bisher jedoch nicht antworten. Der Präsident der Eisenbahnbehörde wirft ihm vor, vier Kilometer zu spät gebremst zu haben.

Der Lokführer des in Spanien verunglückten Schnellzuges verweigert offenbar die Mithilfe bei den Ermittlungen. Der Mann, der mit leichten Verletzungen im Krankenhaus liegt, habe die Fragen der Polizei am Freitag nicht beantwortet und solle nun "so bald wie möglich" einem Richter vorgeführt werden, sagte ein Polizeisprecher.

Bei dem schwersten Zugunglück in Spanien seit dem Zweiten Weltkrieg waren am Mittwochabend nahe dem Wallfahrtsort Santiago de Compostela 78 Menschen ums Leben gekommen und 178 weitere verletzt worden. Die Behörden korrigierten die Zahl der Todesopfer am Freitagabend, nachdem zunächst von 80 Toten die Rede gewesen war.

Als mögliche Unglücksursache gilt ein völlig überhöhtes Tempo, mit dem der Zug in eine Kurve raste und entgleiste. Der Lokführer gab einem Zeitungsbericht zufolge in einem Funkspruch an, der Zug sei 190 Stundenkilometer gefahren, dabei waren nur 80 Stundenkilometer erlaubt. Der Lokführer spielt eine zentrale Rolle bei der Aufklärung, zudem hoffen die Ermittler auf die Blackbox. Nach Medienberichten wird der aus Trümmern geborgene Datenschreiber inzwischen ausgewertet.

Die spanische Eisenbahninfrastruktur-Behörde Adif hat den Lokführer für die Tragödie verantwortlich gemacht. Er hätte den Bremsvorgang gemäß den Sicherheitsvorschriften schon vier Kilometer vor der Unglücksstelle bei Santiago de Compostela beginnen müssen, erklärte Adif-Präsident Gonzalo Ferre.

Gewerkschaft nimmt Lokführer in Schutz

Wie die zu hohe Geschwindigkeit zu erklären ist, mit der der Zug nach bisherigen Erkenntnissen in die Kurve vier Kilometer vor dem Bahnhof des Wallfahrtsortes einfuhr, ist dennoch weiterhin unklar. Die staatliche Bahngesellschaft Renfe warnte vor vorschnellen Folgerungen. Die Lokführer-Gewerkschaft Semaf nahm den Lokführer in Schutz und erklärte, das Sicherheitssystem kurz vor Santiago beim Übergang von der Hochgeschwindigkeits- auf die Normalstrecke sei ungeeignet.

Außerdem untersuchen die Ermittler nach Angaben der Zeitung El País auch mögliche Mängel am Bremssystem. Der Zug habe zu spät gebremst. Das automatische Überwachungssystem der Bahn habe zwar Alarm geschlagen, weil der Zug zu schnell unterwegs gewesen sei. Der Lokführer habe versucht zu bremsen, habe die Tragödie aber nicht verhindern können. Die Bahngesellschaft Renfe hatte am Donnerstag allerdings ein technisches Versagen an dem Zug ausgeschlossen.

Wie die Regionalregierung von Galicien mitteilte, lagen am Freitag noch 87 Menschen in Krankenhäusern. Einige der Verletzten wurden am Krankenbett vom spanischen Thronfolger Prinz Felipe und seiner Frau Letizia besucht. Der Zustand von 32 Verletzten, darunter drei kleine Kinder, sei kritisch, hieß es. Bislang hätten 67 Todesopfer identifiziert werden können. Unter ihnen sind nach verschiedenen amtlichen Angaben vier Ausländer: ein Amerikaner, eine Dominikanerin, eine Mexikanerin und ein Kolumbianer. Für die 78 Todesopfer der Tragödie soll am Montagabend in der Kathedrale von Santiago eine Trauerfeier stattfinden.

Beim Besuch von Verletzten im Hospital Clínico von Santiago äußerte Spaniens König Juan Carlos die Hoffnung, dass die Tragödie dazu beiträgt, mögliche Probleme des spanischen Eisenbahnsystems zu lösen. "In diesem Augenblick halten alle Spanier zusammen", sagte er.

Mittlerweile wurde eines der Hochgeschwindigkeitsgleise wieder für den Verkehr freigegeben. Gleis zwei sei seit Freitagmorgen wieder in Betrieb, erklärte der Schienenbetreiber Adif. Auch die Gleise für konventionelle Züge auf der Strecke zwischen dem etwa 100 Kilometer weit entfernten Ourense und Santiago de Compostela wurden wieder geöffnet. Das bei dem Unfall beschädigte Hochgeschwindigkeitsgleis ist dagegen weiter gesperrt.