Metoo-Debatte Viermalige Turn-Olympiasiegerin Biles: Auch ich bin ein Opfer

Zuletzt habe sie sich gebrochen gefühlt, schreibt Turnerin Simone Biles in einem Statement, in dem sie ihren Missbrauch durch Ex-Teamarzt Larry Nassar öffentlich macht.

(Foto: AP)
  • Der amerikanische Turnstar Simone Biles gibt an, ebenfalls vom ehemaligen Teamarzt der US-Turnerinnen sexuell missbraucht worden zu sein.
  • Larry Nassar wird von mehr als 100 Sportlerinnen beschuldigt und war im Dezember bereits wegen Besitzes von kinderpornographischem Material zu 60 Jahren Haft verurteilt worden.
  • Die interne Aufklärung des Skandals könnte durch Biles' Statement neue Dringlichkeit bekommen.
  • Der Verband USA Gymnastics soll in mindestens einem Fall Schweigegeld an ein mutmaßliches Opfer gezahlt haben.

Sie war einer der größten Stars der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro: Simone Biles, 1,45 Meter groß, Turnerin. Mit vier Goldmedaillen kehrte sie aus Brasilien in ihre Heimat USA zurück. Ein halbes Jahr später sorgt Biles nun dafür, dass der größte Skandal, den der amerikanische Turnverband je erlebt hat, ein weiteres trauriges Kapitel bekommt. Am Montag veröffentlichte die 20-Jährige auf Twitter und Instagram ein Statement, in dem sie erklärte, ebenfalls Opfer von sexuellem Missbrauch durch den ehemaligen Mannschaftsarzt Larry Nassar geworden zu sein.

"Die meisten von euch kennen mich als glückliches, albernes und energiegeladenes Mädchen", erklärte sie. "Aber zuletzt fühlte ich mich teilweise gebrochen und je mehr ich versucht habe, die Stimme in meinem Kopf auszublenden, umso lauter hat sie geschrien. Ich habe keine Angst mehr, meine Geschichte zu erzählen. Auch ich bin eine der vielen Überlebenden, die von Larry Nassar sexuell missbraucht wurden."

Es gebe verschiedene Gründe, warum sie zunächst gezögert habe, ihre Geschichte öffentlich zu machen, so die Ausnahmesportlerin. "Viel zu lange habe ich mich gefragt, ob ich zu naiv war. War es mein Fehler? Jetzt weiß ich die Antworten auf diese Frage: Nein. Nein, es war nicht mein Fehler."

Mehr als 100 Turnerinnen beschuldigen Nassar, sie sexuell belästigt oder missbraucht zu haben. Darunter befinden sich auch die dreimalige Turn-Olympiasiegerin Gabby Douglas, deren Teamkollegin Aly Raisman und die Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin McKayla Maroney. Seit Monaten erschüttern die Vorgänge den Verband USA Gymnastics. Nassar, der fast drei Jahrzehnte und bei vier Olympischen Spielen für den US-Verband tätig war, muss sich derzeit wegen der sexuellen Übergriffe vor Gericht verantworten. Einige Opfer waren jünger als 13 Jahre.

Mehr als 37 000 belastende Fotos und Videos

Nassar war Anfang Dezember wegen Besitzes von kinderpornografischem Material zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Ermittler hatten auf seinen Computern mehr als 37 000 Fotos und Videos kinderpornografischen Inhalts gefunden. Die Urteile in zwei anderen Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen stehen aus. Nassar, der teilweise geständig ist, stellte die sexuellen Handlungen gegenüber den Mädchen als Teil einer Untersuchung oder Behandlung dar. Das Strafmaß wird voraussichtlich im Januar verkündet.

Dass jetzt herauskommt, dass auch Simone Biles zu seinen Opfern gehört, könnte der internen Aufklärung neue Dringlichkeit verleihen. Schließlich gehört die zehnfache Weltmeisterin zu den prominentesten Athletinnen, die der amerikanische Turnsport derzeit hat. Neben vier Goldmedaillen hatte Biles in Rio de Janeiro auch einmal Bronze gewonnen. In der Heimat waren sie und ihre Teamkolleginnen vom damaligen Präsidenten Barack Obama im Weißen Haus empfangen worden. 2017 wurde Biles zur Weltsportlerin des Jahres gewählt. Derzeit arbeitet sie nach einer Pause an ihrem Comeback - allerdings ausgerechnet an dem Ort, an dem sie missbraucht wurde.

"Es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, dass ich bei der Arbeit für meinen Traum von Tokio 2020 kontinuierlich an die Trainingsstätte zurückkehren muss, an der ich missbraucht wurde", schrieb sie: "Ich habe mir geschworen, dass meine Geschichte größer wird als das, und ich verspreche euch allen, dass ich niemals aufgeben werde. Ich werde einem Mann und den anderen, die ihn haben gewähren lassen, nicht erlauben, mir meine Liebe und Freude zu stehlen."

Im Skandal steht auch der Verband massiv unter Druck. Zuletzt reichte Maroney Klage gegen USA Gymnastics und das US-Olympiakomitee USOC ein. Die 22-Jährige soll vor einem Jahr von USA Gymnastics laut Medienberichten 1,25 Millionen Dollar (etwa eine Million Euro) erhalten haben, damit sie schweigt.

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