McDonald's im Ernährungs-Unterricht Wirbel um McSchule

Schulterschluss mit Fast-Food-Anbieter: Laut Bundesregierung soll die Verbraucherbildung ein reguläres Unterrichtsfach werden, mit McDonald's als Unterstützer soll das Projekt mehr Aufmerksamkeit und Nachdruck erhalten. Der Ärger ist kalkuliert.

Von Martin Wittmann

"Die Ernährungsbildung von Grundschülern darf nicht der Lebensmittelwirtschaft überlassen werden", heißt es wetternd in der jüngsten Geschichte zum Problemkomplex Essen. "Die Profitinteressen der Konzerne haben in den Schulen nichts verloren, deshalb müssen die Unternehmen aus dem Bündnis ausgeschlossen werden." Geschrieben haben diese Kritik die selbsternannten "Essensretter" des gemeinnützigen Vereins Foodwatch, sie bezieht sich auf das neue "Bündnis für Verbraucherbildung".

Das von der Deutschen Stiftung Verbraucherschutz initiierte Projekt ist am Dienstag in Berlin von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) vorgestellt worden, die den Vorstoß unterstützt. Grund für den Furor des Vereins: Das Konglomerat aus Verbänden, Zentralen, Firmen und Organisationen soll Kindern unter anderem beibringen, wie sie gutes Essen erkennen. Und unter anderem gehört McDonald's zu den Bündnispartnern.

Ist das schon wieder ein Ernährungsskandal in der Dramatik, wie Foodwatch sie erkennen will? Es würde Zeit brauchen, um das einschätzen und Konsequenzen ziehen zu können. So schnell wie Lebensmittelskandale in der Regel vergessen werden, wird man aber nicht zu einem Urteil kommen. Eigentlich sagt die Geschichte ohnehin weniger über Pommes und Pädagogik aus als über Politik.

Angriff der Windbeutel

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Von vorne: Laut einer neuen Studie des Instituts für Markt-Umwelt-Gesellschaft sehen mehr als 75 Prozent aller befragten Lehrer und Experten einen klaren Bildungsauftrag der Schule bei der "Verbraucherkompetenz" ihrer Schüler. Das derzeitige Angebot bezeichnen sie als "eher schlecht". Ziel des Bündnisses ist es also, wie Aigner sagt, "Kinder und Jugendliche fit zu machen für den Alltag".

Schleswig-Holstein dient als Vorbild, das Bundesland hat 2009 das Fach "Verbraucherbildung" eingeführt. Konkret soll bundesweit in die Lehrpläne, was immer komplizierter werdende Märkte und immer mehr Produktauswahl an Theken und im Internet einfordern: das Wissen, welche Versicherung abzuschließen ist und welche nicht, wie der Datenschutz in sozialen Netzwerken funktioniert, was Nachhaltigkeit bedeutet und eben: welche Lebensmittel gesund sind.

Dass diese Kombination - der für seine fetten, salzigen und vitaminarmen Produkte gescholtene Konzern McDonald's und eine Initiative für besseres Kinderessen - für Aufsehen sorgt, damit hat Julian Fischer natürlich gerechnet. Er ist Geschäftsführer der Stiftung, wo man sich nun freut, dass das Thema viel Aufmerksamkeit bekommt, und sei es nur wegen der umstrittenen Partnerschaft.

McDonald's, beruhigt Fischer, werde nicht von Schule zu Schule ziehen, um die Kinder mit Burgern und Ernährungstipps zu versorgen. Das Unternehmen habe dies versichert. Vielmehr erhoffe sich das Bündnis von dem Konzern und anderen mächtigen Partnern aus der Wirtschaft einen gewissen politischen Einfluss. Seit 20 Jahren setzen sich der Verbraucherzentrale Bundesverband, der hinter der Stiftung steht, und seine zig Mitgliedsorganisationen für Verbraucherbildung in den Lehrplänen ein, sagt Fischer, "aber die Kultusminister der Länder haben das immer wieder blockiert". Teil des neuen Plans: einflussreiche Firmen wie McDonald's sollen erst die Wirtschafts- und schließlich die Kultusministerien von der Notwendigkeit der Initiative überzeugen - klassische Lobbyarbeit.

"Kindern an jeder Ecke profitables Junkfood aufdrängen"

So bringt McDonald's der Stiftung etwas Öffentlichkeit, etwas Geld (laut Fischer eine "relativ geringe" Spende) und etwas Einfluss. Der Konzern wiederum profitiert von der Assoziation seines goldenen "M"s mit einer gesundheitsfördernden Initiative. Foodwatch konstatiert: Industrie und Handel engagierten sich deshalb so gerne für Ernährungsbildung oder Sportförderung, weil sie dann nichts an ihrem einträglichen Kerngeschäft ändern müssten, "nämlich Kindern an jeder Ecke profitables Junkfood aufzudrängen".

Wie Unternehmen den schönen Schein wahren

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Immer wieder gerne als Beispiel für die perfiden Methoden des Konzerns genannt: das Happy Meal. Kritiker entdecken in diesem Angebot eine Offensive, mit der die jüngsten Konsumenten verführt und früh zu lebenslangen Stammgästen gemacht werden sollen. Kinder entdecken in dem kleinen Paket nämlich ein Spielzeug. Und so unterbewusst wie das Spielzeug sich auf das Essverhalten auswirken soll, so unterbewusst könnte es künftig Schüler und ihre Eltern beruhigen, wenn die vormals fiese Frittenbude mit einer hehren pädagogischen Initiative zusammenarbeitet. Es sei ein Trauerspiel, dass Frau Aigner hier die Türöffnerin gebe und diese Unternehmen in die Schulen schleuse, anstatt ihnen Vorgaben für ausgewogene Kinderprodukte zu machen, heißt es bei Foodwatch. "Unverfrorener kann man den Bock nicht zum Gärtner machen".

McDonald's, sagt Unternehmenssprecher Philipp Wachholz, möchte mit dem Engagement "einen Beitrag als verantwortungsvolles Unternehmen der Lebensmittelindustrie für die Gesellschaft leisten." Auch ein Sprecher des Bundesverbraucherministeriums wiegelt ab. Die Stiftung als Träger und das Bündnis gewährleisteten "mit klaren Regeln die inhaltliche Neutralität" im Dialog mit den Schulen.

Als sich das Ministerium das letzte Mal mit kindgerechten Lebensmitteln auseinanderzusetzen hatte, ging es übrigens nicht abstrakt um pädagogische Strategien und unterbewusste Kaufanreize. Im vergangenen Herbst hatten Tausende Kinder Brechdurchfall, Ursache war verseuchtes Essen in Schulkantinen. Aber das ist eine andere, längst vergessene Geschichte.