Die Jesuiten gedenken der Missbrauchsopfer. Doch die hohe Zahl der Betroffenen zeigt: Das Thema geht die gesamte Kirche an.
Am Abend zündet Pater Christian Herwartz Kerzen an, "jede steht für den Mut eines jeden Menschen, der gesprochen hat". Fast 50 Teelichter hat der Pater vor den Altar der Kirche Maria Regina Martyrium gestellt.
Die Zeit des Schweigens ist vorbei: die Bischofskonferenz im März 2009 in Hamburg. (© Foto: ddp)
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Die Berliner Jesuiten laden traditionell hierher zum Aschermittwochsgebet. Diesmal wollen sie an die Opfer sexuellen Missbrauchs denken, ihren Scham, ihre Trauer ausdrücken. "In unserer Mitte wurden Menschen, die uns anvertraut waren, Kinder, hundertfach geschlagen", sagt Herwartz. "Es ist ihnen Würde genommen worden. Vieles kann ich nicht sagen, weil es so eklig ist." Und Pater Patrick Zoll sagt, man danke auch jenen, die nun den Mut zum Sprechen haben.
Viele haben in den vergangenen Tagen gesprochen, viel mehr als Kerzen auf dem Kirchenboden stehen. Die meisten wählten die Nummer von Ursula Raue, die vom Jesuitenorden beauftragt ist, die Missbrauchsfälle aufzuklären. Ihre Arbeit habe "ein sehr viel größeres Ausmaß angenommen, als ich ahnen konnte", sagt sie.
Im Foyer des Theaters am Kurfürstendamm drängen sich am Donnerstag die Journalisten, Fotografen und Kameraleute, der neutrale Ort ist bewusst gewählt. Die zierliche Rechtsanwältin, die fast hinter den Mikrofonen verschwindet, verkündet das Zwischenergebnis ihrer Arbeit. Nur sechs Seiten umfasst dieser Bericht, vor kurzem ist Raue auf dem Berliner Glatteis gestürzt und hat, als sie aus dem Krankenhaus kam, sich vor allem auf die Gespräche mit den Opfern konzentriert.
Ungehörte Warnungen
115 bis 120 Betroffene aus der gesamten Bundesrepublik haben sich gemeldet, auch aus den fünfziger und sechziger Jahren; elf oder zwölf Täter sind namentlich bekannt, nicht alle sind Jesuitenpatres, auch zwei Erzieherinnen sind darunter. Es geht längst nicht mehr um das Canisiuskolleg, wo es bis zu 50 Opfer gibt, nicht mehr nur um Jesuitenschulen.
Auch aus anderen katholischen Schulen werden Ursula Raue Übergriffe bekannt; seit einigen Tagen wisse sie auch von Fällen schweren, gewalttätigen Missbrauchs. Meist aber sei es um "Anfassen, Streicheln und Selbstbefriedigung" gegangen. Viele Kinder hätten die sexuelle Komponente mancher Handlungen, zum Beispiel von Schlägen auf den nackten Hintern, erst später verstanden. Die seelischen Wunden, die das hinterlassen habe, die brächen jetzt wieder auf.
Vor allem hat sich Raue mit den beiden Hauptbeschuldigten aus Berlin, den Patres Wolfgang S. und Peter R., beschäftigt; zwei Tage lang hat sie in der Münchner Zentrale der Jesuiten die Personalakten ausgewertet. Und hat herausgefunden, dass Wolfgang S. schon 1964, bei seinem Eintritt in den Jesuitenorden vor sich selbst warnte. Sexueller Missbrauch werde in den Unterlagen nicht ausdrücklich benannt, wohl aber unmissverständlich umschrieben.
Immer wieder habe es Hinweise gegeben, Hilferufe, doch bei den Jesuiten hat sie keiner gehört. Deren Fürsorge habe den problematischen Lehrern gegolten, nicht den Opfern. In Empfehlungen an die Ordensleitung wünscht Raue nun die "zügige Aufklärung", einen größeren Arbeitsstab, Ombudspersonen an den Schulen, Fortbildungen für Lehrer.
Manches lässt der Bericht offen - von den Jesuiten in München heißt es, sie seien nicht rundum zufrieden. Warum wurden die Missbrauchsfälle von Pater R. nicht innerhalb der zehnjährigen Verjährungsfrist angezeigt? Auch fehlt die Aufarbeitung des prominentesten Falles, des Jesuitenpaters E., der ein Dritte-Welt-Hilfswerk aufgebaut hat. Dem Orden waren die Vorwürfe gegen E. seit 2005 bekannt - der Geschäftsführer des Werkes allerdings erfuhr davon erst kurz vor deren Veröffentlichung. "Da hat der Orden auch nicht immer richtig gehandelt", sagt Jesuiten-Sprecher Thomas Busch.
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Ist eine ernstgemeinte Frage: Kennt jemand Zahlen dazu, wie viele Mißbrauchsfälle es in staatlichen und/oder protestantischen Schulen gibt? Sprich: Wurde in katholischen Schulen (prozentual) mehr mißhandelt oder nicht? (Dazu müßte man wohl Einzelfälle wie die beiden Berliner Lerner abziehen... vielleicht aber auch nicht.) Klar, die katholische Kirche hat jetzt mehr Medienrummel - aber ist das wirklich ein "nur" katholisches Problem?
Interessant wäre auch, ob die andere Institutionen offener mit Mißbrauch umgingen. Melden sich jetzt zum Beispiel auch Menschen, die in anderen Institutionen mißhandelt wurden, aber die bisher ebenfalls schwiegen oder deren Hilferufe überhört wurden? (Das würde darauf hindeuten, daß die Kultur des Schweigens nicht allein eine katholische ist, was ich durchaus befürchte.) Da es da keine so bekannte Telephonnummer gibt usw., sollten viel weniger Fälle erwartet werden... aber falls es dennoch überhaupt eine größere Zahl gibt, spricht auch das leider eine deutliche Sprache.
Achja, und Vergleiche mit dem Ausland wären auch spannend. Nicht nur mit den USA (deren Skandal ist leidlich bekannt), sondern eben insbesondere dem europäischen Ausland. Denn sind der Mißbrauch und der Umgang damit ggf. "katholisch"... oder eher "deutsch-katholisch"?
Liebe SZ, falls Ihr das lest - recherchiert das doch und macht einen Artikel daraus! Der dürfte in der jetzigen Zeit bestimmt Leser finden. :o)
REligion ist bei Kindern und Jugendlichen wieder auf dem Vormarsch. Einer Bevölkerungsgruppe mit wenig bis keiner Lebenserfahrung oder Weitblick, wird der sog. Liebe GOtt neben die Sieben Geislein wieder ins Gehirn gehämmert.
Und wenn sie dann am Angelhaken ihrer eigenen wohlmeinenden Sehnsucht zappeln, werden sie sexuell missbraucht, misshandelt,
gedemütigt, dominiert, entrechtet !
Liebe ist in den organisierten Kirchen lediglich ein Wort, eine inhaltsleere Vokabel, denn dieses grosse alles Überflutende Gefühl ist nicht rational zu steuern, löst das fetteste EGO auf .
Davor fürchtet sich die Organisatiion seit vielen Jahrhunderten.
Ich sehe eine erschreckende Analogie:
Genauso, wie Jura nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat, ist Liebe
lediglich eine zweckentfremdete kirchliche Formalie.
Sexualitä wird beherrscht, unterdrückt, fortgebetet und ist doch nicht zu eliminieren !
Repression bricht sich immer auf allen Ebenen Bahn, mutiert zu
Abartigkeiten und macht krank.
der vielfache Missbrauch ist schlimm, war und ist aber systemimmanent. Als Absolvent eines Bischöflichen Gymnasiums
und Internats ist das alles für mich nichts Neues. Flink musste man sein und immer in Begleitung eines Mitschülers!
genauso schlimm war aber die Reaktion der bischöflichen Herren, wenn eine Tat publik wurde - der geistliche Her war plötzlich weg, verschwunden, um an anderer Stelle sein Wirken fortzusetzen.
Anzeige?? aber nein!!
wir bekamen aus Münster einen neuen Englischlehrer, der in Münster entfernt wurde, da er seinen Mitbrüdern zu nahe getreten
war.Im Internat gings weiter, J:J:H. wurde alsbald nach den Niederlanden "entsorgt", wo sich nichts änderte!!
die kath. Kirche müsste ihrenn Augiasstall jetzt grundlegend säubern, --aber es wird ausser heisser Luft nichts passieren1
"Mehrere Bischöfe wünschen offenbar, dass der Vorsitzende endlich etwas gegen die Medienkampagne sagt, die aus ihrer Sicht gegen die Kirche läuft..."
"Angriff ist die beste Verteidigung"
Der Papst sagt ja immer wieder, dass die evangelische Kirche keine Kirche ist, sie ist also in deren Augen noch ein Teil der katholischen Kirche, was gerade beim derzeitigen Desaster sehr angenehm wäre!
Allgemein: Es ist gut, dass der Opfer gedacht wird, wobei nun allerdings wirklich ein Umdenken der kath. Kirche angesagt ist!
Die Evangelen sind gewiss auch nicht für die totale Freizügigkeit innerhalb der Sexualität, bis heute gibt es auch dort Verfechter, dass Sexualität nur in die Ehe gehört - aber die Einstellung zu ihr ist doch wesentlich gesünder! Sie ist keine Sünde, und Lust darf sein, d.h., es geht eben nicht ausschließlich um die Arterhaltung!
Das Problem ist eben, dass im Grunde genommen jeder Mensch, diese Lust in sich hat, die ja auch eine Art von Spannungsabbau ist, wenn ihr nachgegangen wird. In der kath. Kirche ist ja sogar Masturbation/Onanieren eine Sünde! Man muss sich mal vorstellen, unter welchen Anspannungen die meisten stehen, die sich nicht versündigen wollen. Das macht echt krank!
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