Süddeutsche Zeitung

Kirche: Missbrauchsskandal:Opfer, überall Opfer

Die Jesuiten gedenken der Missbrauchsopfer. Doch die hohe Zahl der Betroffenen zeigt: Das Thema geht die gesamte Kirche an.

Am Abend zündet Pater Christian Herwartz Kerzen an, "jede steht für den Mut eines jeden Menschen, der gesprochen hat". Fast 50 Teelichter hat der Pater vor den Altar der Kirche Maria Regina Martyrium gestellt.

Die Berliner Jesuiten laden traditionell hierher zum Aschermittwochsgebet. Diesmal wollen sie an die Opfer sexuellen Missbrauchs denken, ihren Scham, ihre Trauer ausdrücken. "In unserer Mitte wurden Menschen, die uns anvertraut waren, Kinder, hundertfach geschlagen", sagt Herwartz. "Es ist ihnen Würde genommen worden. Vieles kann ich nicht sagen, weil es so eklig ist." Und Pater Patrick Zoll sagt, man danke auch jenen, die nun den Mut zum Sprechen haben.

Viele haben in den vergangenen Tagen gesprochen, viel mehr als Kerzen auf dem Kirchenboden stehen. Die meisten wählten die Nummer von Ursula Raue, die vom Jesuitenorden beauftragt ist, die Missbrauchsfälle aufzuklären. Ihre Arbeit habe "ein sehr viel größeres Ausmaß angenommen, als ich ahnen konnte", sagt sie.

Im Foyer des Theaters am Kurfürstendamm drängen sich am Donnerstag die Journalisten, Fotografen und Kameraleute, der neutrale Ort ist bewusst gewählt. Die zierliche Rechtsanwältin, die fast hinter den Mikrofonen verschwindet, verkündet das Zwischenergebnis ihrer Arbeit. Nur sechs Seiten umfasst dieser Bericht, vor kurzem ist Raue auf dem Berliner Glatteis gestürzt und hat, als sie aus dem Krankenhaus kam, sich vor allem auf die Gespräche mit den Opfern konzentriert.

Ungehörte Warnungen

115 bis 120 Betroffene aus der gesamten Bundesrepublik haben sich gemeldet, auch aus den fünfziger und sechziger Jahren; elf oder zwölf Täter sind namentlich bekannt, nicht alle sind Jesuitenpatres, auch zwei Erzieherinnen sind darunter. Es geht längst nicht mehr um das Canisiuskolleg, wo es bis zu 50 Opfer gibt, nicht mehr nur um Jesuitenschulen.

Auch aus anderen katholischen Schulen werden Ursula Raue Übergriffe bekannt; seit einigen Tagen wisse sie auch von Fällen schweren, gewalttätigen Missbrauchs. Meist aber sei es um "Anfassen, Streicheln und Selbstbefriedigung" gegangen. Viele Kinder hätten die sexuelle Komponente mancher Handlungen, zum Beispiel von Schlägen auf den nackten Hintern, erst später verstanden. Die seelischen Wunden, die das hinterlassen habe, die brächen jetzt wieder auf.

Vor allem hat sich Raue mit den beiden Hauptbeschuldigten aus Berlin, den Patres Wolfgang S. und Peter R., beschäftigt; zwei Tage lang hat sie in der Münchner Zentrale der Jesuiten die Personalakten ausgewertet. Und hat herausgefunden, dass Wolfgang S. schon 1964, bei seinem Eintritt in den Jesuitenorden vor sich selbst warnte. Sexueller Missbrauch werde in den Unterlagen nicht ausdrücklich benannt, wohl aber unmissverständlich umschrieben.

Immer wieder habe es Hinweise gegeben, Hilferufe, doch bei den Jesuiten hat sie keiner gehört. Deren Fürsorge habe den problematischen Lehrern gegolten, nicht den Opfern. In Empfehlungen an die Ordensleitung wünscht Raue nun die "zügige Aufklärung", einen größeren Arbeitsstab, Ombudspersonen an den Schulen, Fortbildungen für Lehrer.

Manches lässt der Bericht offen - von den Jesuiten in München heißt es, sie seien nicht rundum zufrieden. Warum wurden die Missbrauchsfälle von Pater R. nicht innerhalb der zehnjährigen Verjährungsfrist angezeigt? Auch fehlt die Aufarbeitung des prominentesten Falles, des Jesuitenpaters E., der ein Dritte-Welt-Hilfswerk aufgebaut hat. Dem Orden waren die Vorwürfe gegen E. seit 2005 bekannt - der Geschäftsführer des Werkes allerdings erfuhr davon erst kurz vor deren Veröffentlichung. "Da hat der Orden auch nicht immer richtig gehandelt", sagt Jesuiten-Sprecher Thomas Busch.

Eine wenig offene Diskussion

Die hohe Zahl der Opfer zeigt: Das Thema betrifft nicht nur die Jesuiten, nicht nur die katholischen Schulen, sondern die gesamte Kirche. Am Montag beginnt die Frühjahrsversammlung der Bischöfe in Freiburg, dort steht der Umgang mit sexuellem Missbrauch auf der Tagesordnung. Erzbischof Robert Zollitsch, der Bischofskonferenzvorsitzende, will vor diesen Beratungen nicht Stellung nehmen - um der Konferenz nicht vorzugreifen, sagt er.

Es gibt noch einen anderen Grund: Mehrere Bischöfe wünschen offenbar, dass der Vorsitzende endlich etwas gegen die Medienkampagne sagt, die aus ihrer Sicht gegen die Kirche läuft, was wiederum Zollitsch nicht möchte. Diese Bishöfe sehen mittlerweile den Zölibat und die gesamte katholische Sexualmoral an den Pranger gestellt. Wenn der Augsburger Bischof Walter Mixa sagt, auch die sexuelle Revolution sei eine Ursache für Missbrauch, dann hat das zwar den gleichen Erkenntniswert wie die Behauptung, der Zölibat führe direkt zum Missbrauch - aber manchem Bischof spricht das aus dem Herzen.

Eine wenig offene Diskussion

So dürften die Beratungen in Freiburg spannend werden: Ein Teil der Kirchenmänner wünscht, dass die Kirche sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen geißelt, aber alle Fragen nach der Kirchenstruktur oder der katholischen Sexualmoral abwehrt.

Andere Bischöfe halten dagegen Selbstkritik für angebracht: Der Osnabrücker Bischof Franz Josef Bode hat erklärt, man sei zu leichtfertig mit den Tätern umgegangen. Vor allem dürften die Hirten diskutieren, ob die Leitlinien der Bischofskonferenz zum Umgang mit sexuellem Missbrauch überarbeitet werden sollen.

Hier setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Beauftragten der Bistümer für Missbrauchsfälle kirchenunabhängige Personen sein müssen - oft ist das nicht so. Auch könnte die Zusammenarbeit der Kirche mit den Staatsanwaltschaften vorgeschrieben, die Priesterausbildung verbessert werden. Insider rechnen aber damit, dass zunächst nur eine Arbeitsgruppe eingerichtet wird. Die Idee, einen Runden Tisch zum Thema sexuelle Gewalt einzurichten, habe keine Chance.

In der Kirche Maria Regina Martyrium, singen sie an diesem Abend "Schweige und höre". Pater Herwartz bittet, jene hervorzutreten, die über ihre Erlebnisse sprechen möchten. Zwei Männer und drei Frauen verlassen ihre Bank. Was sie sagen, bleibt ihr Geheimnis.

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SZ vom 19.02.2010/woja
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