Kachelmann-Prozess Ein Neuer soll es richten

Hat Jörg Kachelmann seinen Verteidiger gefeuert oder hat der Anwalt sein Mandat niedergelegt? Mit neuer Verteidigung geht der Prozess gegen den Wettermoderator schon am Mittwoch weiter.

Von Hans Holzhaider

Der Verteidiger ist zwar nicht tot, aber er ist abserviert - es lebe der Verteidiger! So schnell ist das gegangen im Prozess gegen den ehemaligen Wettermoderator Jörg Kachelmann, dass sich am Tag danach noch immer alle Prozessbeteiligten verwundert die Augen reiben. Am Montagabend kurz nach sieben Uhr verschickte der Kölner Rechtsanwalt Reinhard Birkenstock eine Rundmail des Inhalts, dass er nicht mehr Verteidiger des Herrn Kachelmann sei. Gründe wurden nicht genannt.

Kachelmanns Anwalt in Presseangelegenheiten, Ralf Höcker, verweigerte jede Auskunft darüber, ob die Trennung von Birkenstock oder von Kachelmann ausgegangen war, ob also der Anwalt sein Mandat niedergelegt oder ob Kachelmann ihn gefeuert hatte. Am Mittwoch um neun Uhr wird die 5. Große Strafkammer am Landgericht Mannheim zur Fortsetzung der Verhandlung zusammentreten, und statt Reinhard Birkenstock wird Johann Schwenn, 63, auf der Verteidigerbank sitzen.

Mitten im Rennen den Gaul zu wechseln - im Pferdesport geht das selten gut aus, aber der Strafprozess ist kein Galopprennen. Auch wenn weder dem Angeklagten noch dem alten und dem neuen Verteidiger ein Wort der Erklärung über die Lippen kommt - nach Lage der Dinge gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass der Rechtsanwalt Birkenstock von sich aus den Krempel hingeworfen hätte.

Der Prozess befand sich aus seiner Sicht auf keinem schlechten Weg. Kachelmann ist auf freiem Fuß, nachdem das Oberlandesgericht Karlsruhe einer Haftbeschwerde stattgegeben hatte mit einer Begründung, die schon erhebliche Skepsis hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des angeblichen Vergewaltigungsopfers durchscheinen ließ. Die Strafkammer hatte die Belastungszeugin Claudia D., deren Anzeige Kachelmann vor Gericht gebracht hat, in einer hochnotpeinlichen, sich über vier Tage hinziehenden Vernehmung derart in die Mangel genommen, dass Birkenstock danach äußerte, er habe das Verhör streckenweise "genossen". Eine Phalanx hochkarätiger Sachverständiger stand bereit, die Glaubwürdigkeit der einstigen Kachelmann-Geliebten weiter zu unterminieren.

Was den 52-jährigen Angeklagten in dieser Situation dazu bewogen hat, Birkenstock - mutmaßlich - den Laufpass zu geben und stattdessen auf den Hamburger Strafverteidiger Johann Schwenn zu setzen, bleibt also zunächst Gegenstand von Spekulationen. Irgendjemand muss ihn wohl überzeugt haben, dass seine Chancen auf einen Freispruch mit Schwenn an seiner Seite steigen würden. In der Tat hat sich Johann Schwenn nicht nur als Prominentenanwalt - auf seiner Mandantenliste stehen unter anderen der einstige DDR-Spionagechef Markus Wolf, VW-Betriebsratschef Klaus Volkert und der Radrennfahrer Jan Ullrich - einen Namen gemacht. Schwenn hat in mehreren Fällen für rechtskräftig verurteilte angebliche Sexualtäter Wiederaufnahmeverfahren durchgesetzt und Freisprüche erreicht.

"Dilettantisches Herumermitteln"

In der Dezemberausgabe des Magazins Cicero setzt sich Schwenn in der pointierten Art, für die er bekannt ist, auch mit dem Fall Kachelmann auseinander. Im Verfahren gegen Jörg Kachelmann, so schreibt Schwenn, sei zu besichtigen, dass "der Glaube an den sexuellen Missbrauch inzwischen auch jene erfasst hat, die es von Amts wegen besser wissen sollten." Der Staatsanwaltschaft Mannheim wirft er vor, sie habe durch "bloßstellendes und dilettantisches Herumermitteln" die Reputation Kachelmanns vernichtet.

Der Name des Hamburger Anwalts Schwenn ist allerdings bereits in einem sehr frühen Stadium des Kachelmannverfahrens aufgetaucht. Im Mai 2010 - da saß Kachelmann noch in Untersuchungshaft - hatte Birkenstock Kontakt mit der Zeit-Reporterin Sabine Rückert aufgenommen und um Unterstützung gebeten.

Rückert, die ein Buch über ein spektakuläres Fehlurteil in einem vermeintlichen Vergewaltigungsfall geschrieben hat, gab Birkenstock zu verstehen, dass sie seine Verteidigung für unzureichend halte und stellte zur Bedingung, dass er Johann Schwenn mit ins Boot nehme. Das lehnte Birkenstock ab. In einem "Dossier" rügte Rückert daraufhin Birkenstocks "Schmusekurs" und "Durchsetzungsschwäche". Es sei zu befürchten, dass Birkenstock "nicht das gesamte der Verteidigung zu Gebote stehende Instrumentarium der Strafprozessordnung gleichermaßen virtuos (beherrsche)", schrieb die Journalistin. Die nicht ganz fernliegende Vermutung, sie sei an dem plötzlichen Verteidigerwechsel zumindest beratend beteiligt gewesen, weist Sabine Rückert allerdings zurück: "Ich habe damit absolut nichts zu tun", sagt sie.

Zusammen mit Reinhard Birkenstock scheidet auch der Karlsruher Rechtsanwalt Klaus Schroth aus dem Verfahren aus. Kachelmann habe ihn am Montagabend per Email gebeten, das Mandat niederzulegen, sagte Schroth der SZ. Schroth hatte die Haftbeschwerde verfasst, die zur Entlassung Kachelmanns aus der Untersuchungshaft führte. Kachelmann habe sich dafür ausdrücklich bei ihm bedankt, sagte Schroth. Die Hintergründe der Entscheidung kenne er nicht. "Ich nehme das einfach mal so zur Kenntnis."

Kachelmanns Pflichtverteidigerin Andrea Combé aus Heidelberg übt ihr Mandat dagegen weiter aus. Das ist eine Voraussetzung dafür, dass der Prozess ohne Unterbrechung fortgesetzt werden kann. Auch Combé machte über die Hintergründe des Verteidigerwechsels keine Angaben. "Da möchte ich mich ganz raushalten", sagte sie. Kachelmanns Presseanwalt Höcker teilte unterdessen mit, die Verteidigung werde keinen Antrag auf Unterbrechung der Hauptverhandlung stellen.

Am Mittwoch sollten nach dem bisherigen Verhandlungsplan zwei weitere ehemalige Freundinnen Kachelmanns - wahrscheinlich nicht öffentlich - als Zeuginnen vernommen werden. Am Freitag sollte mit dem Berliner Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber der erste Sachverständige zu Wort kommen. Ob es dabei bleibt, weiß derzeit niemand.

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