Hygiene In China tobt der Klo-Kampf

Bis 2007, ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Peking, musste man sein eigenes Toilettenpapier mitbringen.

(Foto: AFP)
  • In Pekings öffentlichen Toiletten gibt es erst seit 2007 Toilettenpapier.
  • Nun hat die Verwaltung in einigen Toiletten Gesichts-Scanner aufgestellt, um gegen den zunehmenden Papier-Diebstahl vorzugehen.
Von Kai Strittmatter, Peking

Der Toilettenpapierdiebstahl ist ein alter Topos in Chinas Bürgerzivilisierungskampagne. Das heißt, zumindest so alt wie es das überhaupt schon gibt, kostenloses Toilettenpapier in Chinas öffentlichen Toiletten. Also ziemlich genau zehn Jahre.

2007 nämlich, ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Peking, war mit einem Mal an manchen Örtchen die uralte Regel außer Kraft gesetzt worden, wonach jeder Pekinger und jeder Tourist stets seine eigenes Papier am Leibe zu tragen hatte. Plötzlich hingen auch in manchen Pekinger Toiletten die Rollen in Griffweite, es war ein "Willkommen an die Olympiagäste". Und von Anfang an gab es die Abstauber.

"Kein Ende in Sicht beim Problem der Toilettenpapierdiebe", diese Schlagzeile der Pekinger Global Times ist nun fünf Jahre alt. Und am Montag schrieb die Volkszeitung: "Noch immer mangelt es einigen Leuten an Papierbenutzungsmanieren." Sprich: Sie klauen es und tragen es nach Hause - ein Grund, warum von den 12 000 öffentlichen Toiletten der Stadt nur jede vierte mit Papier bestückt ist. Einige der Toiletten im Pekinger Himmelspark waren im Zuge der seit vielen Jahren laufenden "Toilettenrevolution" (die Stadtregierung nennt das wirklich so) zu "Vier-Sterne-Toiletten" ausgebaut worden.

Anfang des Monats hatten sich in einer von ihnen Reporter der Pekinger Abendzeitung auf die Lauer gelegt, mit versteckter Kamera. Sie beobachteten Leute, die in aller Seelenruhe bis zu zehn Meter Klopapier abrollten, manche standen dafür Schlange und hatten Taschen mitgebracht, in die sie die Beute einpackten, eine Frau kam innerhalb einer halben Stunde gleich drei Mal. Wenn man der Lokalpresse glauben darf, waren es alles Pensionäre aus der Umgebung, eine Rentnergang, die öffentliches Eigentum mal eben "kollektivierte", wie manche Zeitungen schrieben. Die Guerilla der Konterrevolution.

Jetzt wacht der Große Bruder übers korrekte Geschäft

Es kam, was kommen musste in China. Lautstarkes Händeringen. Öffentliches Moralisieren über die "nationale Tragödie" (so ein Nutzer im Kurznachrichtendienst Weibo), also den fehlenden Gemeinsinn. Und eine neue Kampagne der Stadtverwaltung, die die Park-Toilette zum "sichtbaren Zeugnis des Standes der Aufbau der geistigen Zivilisation" erklärte - und als Parole für den bevorstehenden Kampf vorschlug: "Zivilisierte Toilettennutzung fängt bei mir an, fängt sofort an, fängt bei einem Blatt Papier an!"

Der Parteisekretär der Himmelstempelparkverwaltung, Dong Yali, gab eine Pressekonferenz, in der er die Fluchtiraden und sogar Prügel beschrieb, mit der jene Mitarbeiter zu rechnen hätten, die versuchten, sich den Abrollern in den Weg zu stellen. Er kündigte an, man werde die Angestellten in Deeskalation schulen, zudem sollten neue Schilder und Freiwillige den Besuchern nahebringen, "wie man zivilisiert Toilettenpapier benützt".

Was Herr Dong damals nicht verriet, war, dass er noch einen Trumpf im Ärmel hatte, mit dem er die Pekinger an diesem Wochenende verblüffte: Jetzt wacht der Große Bruder übers korrekte Geschäft. Die automatischen Toilettenpapierspender im Vorraum von insgesamt sechs Mustertoiletten sind seit Samstag mit Gesichts-Scannern gekoppelt. Wer Klopapier ziehen will, der muss vor eine Kamera treten und sein Gesicht einlesen lassen, dann erhält er genau 60 Zentimeter zugeteilt - und ist für die nächsten neun Minuten gesperrt. So weit die Theorie.

In der Praxis versagten einige der Apparate gleich am ersten Tag. Und die anderen brauchten nicht "ein paar Sekunden" wie versprochen für die Gesichtserkennung, sondern mehr als eine Minute, was, wie eine Zeitung feststellte, "manchen, den es drängt, zusätzlich frustrieren kann". Die Angestellten, die als Helfer neben den neuen Apparaten postiert waren, hatten jedenfalls viel zu tun, und ob man am Ende wirklich etwas spart mit dem Schritt, bezweifelten am Montag viele Internetnutzer, heiß diskutierten sie die Aktion.

Ach, China, seufzte einer auf qq.com: "Eine von Kleinigkeiten besiegte Nation." Die Gesichtsscanner sollen nun zwei Wochen lang erprobt werden. Eines aber könne er jetzt schon versprechen, sagte ein Vertreter der Parkverwaltung der Pekinger Rechts-Zeitung: Abgeschafft werde es nicht, das kostenlose Klopapier: "Das ist eine Sache der Menschlichkeit."

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