Heiliger Stuhl und "Vatileaks" Es geht um die offenen Wunden der Kirche

"Verräter" nennen ihn manche. Weil er mit seinem Buch "Sua Santità" Vorgänge publik gemacht hat, die der Heilige Stuhl lieber im Dunkeln gelassen hätte. Versäumnisse beim Umgang mit Fällen von sexuellem Missbrauch beispielsweise. In der SZ erklärt der Journalist und Autor Gianluigi Nuzzi, warum die Veröffentlichung der Vatikan-Interna die Kirche besser machen wird.

Ein Gastbeitrag von Gianluigi Nuzzi

Papst Benedikt XVI. soll Italiens Präsidenten Giorgio Napolitano treffen - und Monsignore Mamberti, der "Außenminister" des vatikanischen Staatssekretariats, bereitet eine Note an Ratzinger vor. Er benennt mehrere italienische Gesetzesvorhaben, die aus der Sicht des Vatikans zu stoppen seien, zum Beispiel das über die Gleichstellung von Ehen und Lebensgemeinschaften. Oder soll der Papst etwas zum Sex-Skandal um den damaligen Premier Silvio Berlusconi sagen? Die vertrauliche Mitteilung an Benedikt XVI. rät von kritischen Anmerkungen ab.

Im Februar 2009 wiederum forderte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Vatikan möge eine klare Haltung einnehmen zu den Holocaust-Äußerungen des Bischofs der Piusbruderschaft, Richard Williamson. Benedikt XVI. ist pikiert und haut denen in der Hierarchie des Heiligen Stuhls auf die Finger, die nicht gegen die "Einmischung" der Kanzlerin Stellung nehmen.

Das sind einige der Dokumente und Geschichten, die mir zugespielt wurden. Sie erklären, warum der Vatikan verärgert auf ihre Veröffentlichung reagiert. Die Gründe aber reichen tiefer, warum die römische Kurie nun mein Buch am liebsten auf den Index setzen würde, warum sie von "kriminellem Tun" spricht, wo es doch um nichts anderes geht als um das Recht auf Informationsfreiheit. Dieses Buch zeigt die Schattenzonen und Kämpfe jenseits der Mauern des Vatikans, deren Handelnde vor allem italienische Kardinäle und Prälaten sind.

Die Regeln der Transparenz sollten auch für die Kirche gelten

Es enthüllt die Schwäche des Staatssekretärs Tarcisio Bertone, der Kritik auf einer breiten Front im Vatikan und außerhalb auf sich zieht: von einzelnen Kardinälen bis zum Generaloberen der Jesuiten, Adolfo Nicolàs, der fragt, warum Geld noch immer eine derart zentrale Rolle spiele im Handeln des Kirchenstaates. Man denkt da unwillkürlich an Monsignore Paul Marcinkus, der 1982, während des Skandals um den Tod des Bankiers Roberto Calvi, sagte: "Die Kirche führt man nicht mit Ave Marias."

Marcinkus hatte recht. Es stellt sich ja niemand eine franziskanische Kirche vor, die an die Ränder der Gesellschaft verbannt ist. Schon aber eine Kirche, in der die Regeln der Transparenz gelten, die öffentlich macht, was sie einnimmt und was sie ausgibt, wie sie mit dem Geld und der damit verbundenen Macht umgeht - angefangen beim Vatikan, wo noch heute ein großer Teil der Bilanzen seiner Körperschaften geheim ist.

Natürlich muss es in jeder Institution Bereiche des Nichtöffentlichen geben. Aber Geheimhaltung ist auch das Vorzimmer des Zweifels und des Misstrauens - und der Erpressung, wenn jemand ein peinliches Geheimnis bewahrt, um daraus Nutzen zu ziehen.

Deshalb haben sich im vergangenen Jahr einige mutige Quellen entschlossen, das Siegel der Geheimhaltung zu brechen. Es sind Christen, praktizierende Katholiken, die im Vatikan arbeiten oder leben und solches Vertrauen genießen, dass sie Zugang zu vertraulichen Dokumenten haben. Sie wollen die Öffentlichkeit informieren über Ränke und unklare Vorgänge, Verschwörungen und kritische Punkte, mit denen Benedikt XVI. in den vergangenen Jahren konfrontiert wurde.