Gelockerte Radmuttern Autos von Polizisten in Berlin manipuliert

Die Berliner Polizei schlägt Alarm: Bei immer mehr Privatfahrzeugen von Beamten seien Radmuttern oder -bolzen losgeschraubt worden. Lösen sich diese während der Fahrt, kann das für die Insassen sehr gefährlich werden.

Von Jannis Brühl, Berlin

Robert Hobrecht ist vorsichtig geworden. "Vor jeder Fahrt prüfe ich mit dem Finger, ob noch alle Radmuttern fest verschraubt sind." Der Berliner Hauptkommissar fürchtet, dass es ihn wieder erwischt. Vor kurzem fuhr der 57-Jährige in seinem privaten Mercedes vom Landeskriminalamt nach Hause, als er ein lautes Geräusch hörte. In der Werkstatt eröffnete ihm der Mechaniker, dass die Muttern an allen Räder locker geschraubt waren, an einem Rad fehlten sogar drei von fünf. Hobrecht ist nicht der einzige Berliner Polizist, der eine solche gefährliche Fahrt hinter sich hat.

Hat es jemand darauf abgesehen, dass Berliner Polizisten Unfälle bauen? 2011 gab es 34, bis August 2012 48 Anzeigen wegen manipulierter Autos. Straftatbestand: Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr. Oft erwischt es Polizisten auf dem Heimweg. "Wir haben auch Fälle gehabt, da haben Ehefrauen von Beamten die Kinder gerade in die Kita gebracht", sagt Kerstin Philipp, zweite Vorsitzende der Berliner Polizeigewerkschaft GdP. Allein am vergangenen Wochenende hat es nach Angaben des Berufsverbands drei solcher Anschläge gegeben.

Die besorgten Beamten wandten sich an Polizeivizepräsidentin Margerete Koppers, das LKA untersuchte die Fälle. Zu einem konkreten Ergebnis kommen die Ermittler in einem Zwischenstandsbericht für den internen Gebrauch aber nicht: Ja, es habe Fälle mit gelösten Radmuttern gegeben. Doch erstens sei nicht in allen Fällen ersichtlich, ob sie vorsätzlich gelöst wurden oder einfach Reifen falsch gewechselt wurden. Zweitens seien auch Fahrzeughalter betroffen, die keine Polizisten seien.

Irgendjemand, davon ist GdP-Vize Philipps hingegen überzeugt, schraubt an den Privatautos von Polizisten herum. Sie fühlt sich von der Polizeiverwaltung im Stich gelassen. Philipp fordert, dass Polizisten ihre Privatwagen auf Polizeiliegenschaften parken dürfen. Die sind meist umzäunt, die Autos wären sicher. Doch im Polizeipräsidum heißt es, es seien schlicht keine Kapazitäten da, um so vielen Wagen einen gesicherten Parkplatz zur Verfügung zu stellen. Außerdem gehören die Gelände der Polizei nicht mehr, sie mietet sie von der landeseigenen Gesellschaft Berliner Immobilien Management.

Dabei ist es nicht so, dass das LKA ausschließen würde, dass es gezielte Angriffe auf Polizisten-Autos gab. Im Gegenteil: Es müsse "grundsätzlich in Betracht gezogen werden, dass bei einem Teil der bekannt gewordenen Sachverhalte tatsächlich die Radmuttern vorsätzlich durch unbekannte Täter mit unbekannter Motivlage gelockert wurden", heißt es in dem Zwischenbericht, den die Polizeigewerkschaft in Auszügen auf ihrer Webseite veröffentlicht hat. "Es erscheint grundsätzlich angeraten, Radmuttern regelmäßig zu überprüfen."

Aufklärung als einziges Mittel

Aufklärung sei momentan das einzige Mittel zur Prävention, sagt ein Sprecher der Polizeivizepräsidentin: "Uns sind die Fälle seit März bekannt. Wir haben unsere Mitarbeiter schon zweimal unterrichtet." Auch die Öffentlichkeit wurde gebeten, die Räder vor der Fahrt zu prüfen oder sogenannte Felgenschlösser für Radmuttern oder Radschrauben (Radbolzen) zu verwenden.

Dass die Polizeiverwaltung so wenig unternimmt, findet Philipp unmöglich: "Die Zufälle häufen sich dermaßen", sagt sie, das könnten keine Zufälle mehr sein. Über die Motive der möglichen Täter kann auch sie aber nur spekulieren: Entweder würden sie sich nur einen Spaß machen - oder sie hätten politische Gründe.

Geht es nach dem LKA, soll die Presse gar nicht mehr über die Fälle berichten: Die Gefahr von Trittbrettfahrern sei zu hoch, heißt es. Das findet Philipp "absolut frech". Sie wolle das Problem nicht totschweigen. Denn: "So was passierte zu Ostzeiten. Da gab es Dinge nicht, die es nicht geben durfte."