Gefährliche Designerdroge Horror auf "Wolke 9"

Man nennt sie auch "Badesalze". Normale Drogentests können sie nicht nachweisen. Wer sie konsumiert, begibt sich in Lebensgefahr: Synthetische Drogen aus China überschwemmen die USA. Auch in Europa sind die Behörden alarmiert.

Von R. Klüver und T. Körbel

Dickie Sanders war ein ziemlich normaler Junge. Gut, der 21-Jährige aus dem kleinen Nest Covington am Lake Pontchartrain gegenüber von New Orleans hatte Marihuana ausprobiert und ein paar andere Drogen. Er war erwischt und vom Jugendgericht abgemahnt worden. Er musste sich Tests unterziehen und nachweisen, dass er sauber war. Er hatte es fast schon geschafft, in wenigen Wochen sollte die Bewährungsfrist enden. Dann erzählte ihm ein Kumpel von Cloud 9, Wolke neun. Und davon, dass die Designerdroge nicht nachweisbar sei in Tests. Das war Anfang November. Tage später war Dickie tot.

Er hatte Cloud 9 geschnupft und war so high, dass er vor dem Haus der Familie 25 Streifenwagen ausmachte. Kein einziges Auto stand dort. Im Wahn schnitt er sich die Kehle mit einem Küchenmesser auf. Er konnte gerettet werden und wurde nach Hause entlassen. Sein Vater, ein Arzt, wachte an seinem Bett, doch schlief er irgendwann selber ein. Dickie, noch immer halluzinierend, schlich sich aus dem Bett und erschoss sich schließlich mit einem Jagdgewehr.

Tragische Fälle wie der Selbstmord Dickies häufen sich derzeit quer durch die USA: eine Frau in West-Virginia, die sich über Tage den ganzen Körper blutig kratzt; ein junger Kerl in Indiana, der einen Fahnenmast erklimmt und in den Tod stürzt; ein Mann in Pennsylvania, der in ein Kloster einbricht und einen Mönch ersticht. Allen gemeinsam: Sie hatten vorher eine Droge wie "Wolke 9" geraucht, geschnupft oder sich gespritzt.

Die synthetischen Drogen, aus China und Indien, Badesalze genannt, überschwemmen seit knapp einem Jahr die USA. Sie werden in Schachteln verkauft, die tatsächlich den Verpackungen traditioneller Badesalze ähneln, obwohl sie mit ihren Namensgebern nichts zu tun haben. Die Designerdroge sieht jedoch ähnlich wie Badesalz aus und ist in Pulverform oder zu kleinen Blocks komprimiert. In fast der Hälfte aller US-Bundesstaaten ist sie zudem noch völlig legal in Geschäften und über das Internet erhältlich. Und sie hat oft grässliche Folgen.

Der Rausch, den sie auslöst, kann zu extremen Halluzinationen und Angstzuständen führen, die manchmal über Tage anhalten und die Psyche dauerhaft angreifen können. "Dämonen, Aliens, Monster, Unterredungen mit Gott, Selbstmordgedanken - all das ist ganz normal bei dem Zeug", sagt Mark Ryan, Chef der Giftnotrufzentrale von Louisiana, Dickie Sanders' Heimatstaat. Auf gängige Beruhigungsmittel würden "Badesalz"-Konsumenten mitunter gar nicht mehr ansprechen. Manche hätten betäubt werden müssen. Auch körperliche Folgen können desaströs sein: Fieberattacken, Herzrasen und außer Kontrolle geratener Bluthochdruck, Nierenversagen.

Die Droge breitet sich rasend schnell aus

Die neue Designerdroge, die auch unter Namen wie Hurricane Charlie oder White Dove (Weiße Taube) vertrieben wird, breitet sich geradezu epidemisch aus. Im ersten Halbjahr wurden Giftnotrufzentralen quer durch die USA fast 3500 Mal alarmiert, 2010 registrierten sie das Jahr über nur 300 Anrufe wegen "Badesalzen". 28 US-Bundesstaaten haben bereits reagiert: Louisiana untersagte nach Dickies Tod den Verkauf von Badesalzen Anfang des Jahres. New York und New Jersey haben "Badesalze" auf die Drogenliste gesetzt. In Kalifornien wird der Schritt vorbereitet.

Auch im US-Kongress gibt es Initiativen, die die Droge in den ganzen USA illegal machen würden. Die US-Drogenpolizei DEA hat im März per Notverordnung den Verkauf von synthetischem Marihuana vorübergehend verboten - bis entsprechende Bundesgesetze verabschiedet sind. Einen ähnlichen Schritt erwägt sie nun bei "Badesalzen".

Die darin enthaltene Substanz Mephedron ist in Deutschland bereits seit 2010 verboten. Die Schwierigkeit liege jedoch darin, dass solche synthetischen Rauschmittel leicht verändert werden könnten und dann neu vom Gesetzgeber erfasst werden müssten, sagt Ingo Kipke von der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. "Die Produzenten von "Badesalzen" wissen das und haben meist schon ein Nachfolgeprodukt in der Schublade", so Kipke. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechtild Dykmanns (FDP), warnt vor unkalkulierbaren Risiken für Konsumenten: "Niemand weiß, was und wie viel in den Packungen enthalten ist."

Auch die EU-Staaten beobachten den Konsum sogenannter Badesalze seit zwei Jahren. Eine ähnliche Verbreitung wie in den USA erwarten Experten wegen strengerer Verbote zwar nicht, doch zwischen 2009 und 2010 wurden mindestens 19 verschiedene Substanzen entdeckt. "Vergiftungsfälle sind bekannt, jedoch noch keine Todesfälle, die ausschließlich auf Mephedron zurückzuführen sind", sagt Kipke. Nach einer aktuellen Umfrage des Eurobarometer geben fünf Prozent der Jugendlichen in der EU an, Erfahrung mit psychoaktiven Substanzen gemacht zu haben, wozu auch "Badesalze" gehören.

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