Expertengespräch Das Ende der Kleinfamilie

Ideal unserer Gesellschaft: Die monogame Paarbeziehung. Doch fast jede zweite Ehe wird geschieden.

(Foto: Jörg Buschmann)

Vater, Mutter, Kind - und das Leben ist gut? Eine Illusion, findet die österreichische Politikwissenschaftlerin und Autorin Mariam Irene Tazi-Preve. Sie fordert radikales Umdenken.

Interview von Barbara Vorsamer

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve erforscht die Lebensumstände von Müttern und Vätern. Dabei zieht sie ein etabliertes Lebensmodell in Zweifel: die Kleinfamilie. Ein Gespräch über Mythen und falsche Erwartungen.

SZ: Heutzutage gibt es viele Formen von Familie: Regenbogenfamilien, Patchwork-Familien, Ein-Eltern-Familien und so weiter. Kann man da wirklich noch die Kleinfamilien-Norm kritisieren?

Mariam Irene Tazi-Preve: Ja, sie ist stärker denn je. Regenbogenfamilien bestehen vielleicht aus "Vater-Vater-Kind" oder "Mutter-Mutter-Kind", Patchwork-Familien aus "Mutter-neuer Partner-Kind" oder "Vater-neue Freundin-Kind". Wirklich neu ist da nur, dass Kinder aus früheren Beziehungen integriert werden. Wenn sie Glück haben, haben sie zusätzlich noch Kontakt zum anderen Elternteil - super, dann ist eine Bezugsperson mehr da! Ansonsten weichen diese Familienformen jedoch nicht von der Kleinfamilien-Norm ab. Und zum Thema Alleinerziehende kann ich nur sagen: Wenn ein Erwachsener - oder eine Erwachsene, meistens ist es ja die Mutter - ganz alleine die Verantwortung für Kinder tragen muss, dann ist das eine Katastrophe. Kein Mensch kann das leisten.

Es gibt Millionen Alleinerziehende in Deutschland, viele davon kommen ganz gut zurecht.

Das sind die, die sich ein gut funktionierendes Netzwerk aus Vätern, Großeltern, Nachbarinnen, Freundinnen aufgebaut haben. Das ist es, was ich sagen will: Alleine geht es nicht, zu zweit geht es auch nicht besonders gut. Wir müssen Familie größer denken.

Also ist Großfamilie die Lösung?

Wenn Sie damit meinen, dass Menschen mehr Kinder bekommen sollen: Nein, die Leute sollen so viele Kinder bekommen, wie sie wollen, ob das jetzt null sind oder fünf. Meine Kritik an der Kleinfamilie bezieht sich auf die Zahl der Erwachsenen, nicht auf die Zahl der Kinder. Wenn Sie mehrere Generationen meinen, die Verantwortung übernehmen, kommen wir dem schon näher. Es soll aber keinesfalls zu einem neuerlichen Zwang führen.

Was raten Sie stattdessen?

Es gibt viele alternative Familienformen, nur westliche Gesellschaften leben so ein rigides "Vater, Mutter, Kind"-Modell. Kennen Sie das afrikanische Sprichwort "Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen"? Das führt zwar jeder im Mund, doch niemand lebt so. Zwei Bezugspersonen sind für ein Kind jedoch zu wenig. Ich halte ein matrilineares Verständnis von Verwandtschaft für ideal, wie das beispielsweise in Burkina Faso üblich ist. Dort fühlen sich alle Frauen einer Familie für alle Kinder verantwortlich, die Kinder wachsen also mit mehreren Müttern auf. Wer die leibliche Mutter ist, ist irrelevant, ein Wort für "Tante" gibt es gar nicht. Die Brüder der Mutter fungieren als soziale Väter. Das ist quasi das Gegenteil des irrsinnigen Mutterwahns, den wir speziell in Deutschland pflegen, wo wir der Frau, die das Kind geboren hat, die komplette Verantwortung aufbürden.

Familie Expertengespräch

Mariam Irene Tazi-Preve, 56, aus Österreich ist Politikwissenschaftlerin an der University of New Orleans. Ihr Buch "Vom Versagen der Kleinfamilie: Kapitalismus, Liebe und der Staat" rechnet mit traditionellen Strukturen ab.

(Foto: privat)

Haben Sie konkretere Vorschläge? Die meisten von uns leben nun mal in Kleinfamilien oder ähnlichen Strukturen. Wir können nicht alles hinschmeißen und einen matrilinearen Familienclan gründen.

Aber wir können, wie ich es nenne, "vom Glauben abfallen". Viele Mütter hoffen, dass der Partner für sie und die Kinder da ist, und sind enttäuscht, wenn das nicht eintritt. Tatsächliche Unterstützung bekommen sie dann - auch in westlichen Gesellschaften übrigens - von ihrer eigenen Mutter, ihren Geschwistern oder Freundinnen. Für die Kinder sind das starke, verlässliche Bezugspersonen, die wir als solche wertschätzen sollten. Leider werden sie zu oft als mittelmäßiger Ersatz für den aufgrund der starken Erwerbszentriertheit von Männern leider nicht anwesenden oder zu wenig anwesenden Vater gesehen. Meine Botschaft ist: Diese Beziehungen sind Familie!