Erwartungen an den Papst "Franziskus muss im Vatikan aufräumen"

Der neue Papst steht einer großen Baustelle vor. Sigrid Grabmeier von "Wir sind Kirche" fordert von Franziskus Offenheit im Umgang mit Fehlern, Kritikfähigkeit - und eine neue Sexualethik.

Von Johanna Bruckner

Missbrauchsskandale, Vatileaks-Affäre, sinkende Mitgliederzahlen: Jorge Mario Bergoglio ist zum Oberhaupt einer Kirche gewählt worden, die in der Krise steckt. Die Katholiken setzen große Hoffnungen in ihn - richten aber auch klare Erwartungen an ihr neues Oberhaupt. Sigrid Grabmeier von der Reformbewegung "Wir sind Kirche" erzählt im SZ.de-Gespräch, was sie jetzt vom Papst fordert - und warum sie ihm eine lange Amtszeit wünscht.

SZ.de: Frau Grabmeier, wo hat Sie der weiße Rauch überrascht?

Sigrid Grabmeier: Im Wohnzimmer, der Fernseher lief schon. Und dann bin ich natürlich drangeblieben - es war ja doch sehr spannend.

Hatten Sie einen persönlichen Favoriten unter den Kardinälen?

Nein. Uns bei "Wir sind Kirche" geht es weniger um Personen, als vielmehr um Standpunkte. Und leider steht keiner der Kardinäle für unsere Positionen.

Von Bergoglio ist folgendes Zitat überliefert: "Wenn wir rausgehen auf die Straße, dann können Unfälle passieren. Aber wenn sich die Kirche nicht öffnet, nicht rausgeht, und sich nur um sich selbst schert, wird sie alt." Stimmen Sie solche Worte des neuen Papstes doch hoffnungsvoll?

So wie er gestern auf den Balkon getreten ist, wie er die Leute angesprochen und sich dabei selbst nicht so ernst genommen hat - das war ein Hoffnungszeichen. Denn es hat nicht nur gezeigt, dass Franziskus warmherzig sein kann. Er hat sich auch als Bischof von Rom bezeichnet und damit signalisiert: Ich bin nicht das große Kirchenoberhaupt, sondern einer unter Gleichen.

Was ist Ihr dringlichster Wunsch an den neuen Pontifex?

In der Geschichte der katholischen Kirche, aber auch in der jüngeren Vergangenheit sind eine ganze Menge Fehler passiert. Das Thema sexueller Missbrauch und der Umgang damit sind das plakativste Beispiel. Ich würde mir wünschen, dass Franziskus zu diesen Fehlern steht und um Verzeihung bittet. Und dass er der Frage nachgeht, wie es überhaupt dazu kommen konnte.

Der neue Papst selbst steht wegen seiner Rolle in der argentinischen Militärjunta in der Kritik. Muss er sich dazu äußern - auch als Zeichen, dass die katholische Kirche aus den vergangenen Skandalen gelernt hat?

Auch wenn dieser Schritt für Franziskus schmerzhaft sein mag: Ich glaube, er wäre wichtig für die Glaubwürdigkeit des Petrus-Amtes. Ein Papst, der mit den dunklen Seiten seines Lebens offen umgehen kann, ist authentischer und näher an den Menschen. Petrus selbst war ja auch ein Sünder. Dennoch hat ihm Jesus zugetraut, Fels zu sein - nicht nur Stolperstein.

"Wir sind Kirche" hat einen Forderungskatalog mit fünf Punkten an die katholische Kirche formuliert. Was glauben Sie, wie viele davon zum Ende von Franziskus' Pontifikat erfüllt sein werden?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der neue Papst keine Ära der Reformen begründen wird. Aber es ist an der Zeit, dass die Kirche ordentlich mit Menschen umgeht, die sich für Veränderungen starkmachen. Reformer werden im besten Fall ignoriert und im schlimmsten massiv unter Druck gesetzt. So wurden schon Priester, die sich für ähnliche Dinge eingesetzt haben wie "Wir sind Kirche", mit einem Lehrverbot mundtot gemacht. So darf es nicht weitergehen! Die Kirche muss ihre Kritiker akzeptieren - damit wäre fürs Erste schon viel erreicht.

Das klingt eher pessimistisch - also wird es auch weiter keine Frauen im Priesteramt geben?

Das kommt darauf an, wie lange Franziskus lebt. Ich denke, bis wir so weit sind, werden nicht Jahre, sondern Jahrzehnte vergehen. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Zumal es nicht nur darum geht, Frauen zu ordinieren. Das Priesteramt an sich muss neu gedacht werden - weg vom Kultpriester, der sich hauptsächlich als Repräsentant Christi sieht, hin zum Seelsorger.