Ein Jahr nach dem Flüchtlingsdrama von Lampedusa Friedhof Mittelmeer

Drei Flüchtlinge sitzen am 26. Oktober 2013, wenige Wochen nach dem Bootsunglück, an der Küste Lampedusas.

(Foto: Filippo Monteforte/AFP)

366 Menschen sterben am 3. Oktober 2013 vor der Küste von Lampedusa. Das Entsetzen ist groß; die internationale Politik gelobt, so etwas dürfe sich nicht wiederholen. Und heute? Hilfsorganisationen sprechen von einem grausamen "Überlebenstest" für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer.

Von Felicitas Kock und Barbara Galaktionow

Tote Körper, die aus dem Wasser gezogen werden; Leichen, die in langen Reihen am Strand liegen, notdürftig mit weißen Leintüchern abgedeckt; Taucher, die von "ganzen Menschenstapeln" berichten, die noch im Wrack des Boots auf dem Meeresgrund liegen. Es waren diese Bilder und Worte, die Europa vor genau einem Jahr aufrüttelten. Mehr als 500 Flüchtlinge waren auf einem Boot vor der Küste Lampedusas in Seenot geraten. Sie entzündeten eine Decke, um auf sich aufmerksam zu machen, doch das Feuer geriet außer Kontrolle. Panik brach aus, das Boot kenterte, am Ende zählte die italienische Küstenwache mindestens 366 Tote, die meisten von ihnen aus Eritrea und Somalia.

Lampedusa, dieses winzige Stück Land auf halbem Weg zwischen Tunesien und Malta, steht seit der Katastrophe mehr denn je für die Zehntausende Menschen, die jedes Jahr versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Und für Tausende, die auf der gefährlichen Überfahrt in überfüllten, kaum seetauglichen Kähnen ums Leben kommen.

Lampedusa steht auch für die teils unerträglichen Lebensbedingungen in den Heimatländern der Flüchtlinge. Für den Traum vom guten Leben in Europa, der für sie untrennbar mit dem Albtraum der Überfahrt verbunden ist. Für die europäische Flüchtlingspolitik, die auf Abschottung setzt - und die doch nicht einfach wegschauen kann, wenn sich im Meer die Hände der Ertrinkenden nach Hilfe recken. Und Lampedusa steht nicht zuletzt für die Rufe Italiens, die EU möge das wirtschaftlich angeschlagene Land nicht mit dem anschwellenden Flüchtlingsstrom alleine lassen.

"Wir machen unser Mittelmeer zum Friedhof"

Nach der Katastrophe vom 3. Oktober 2013 schien klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Journalisten fuhren in Scharen auf die Insel. Manche Flüchtlinge bekamen plötzlich ein Gesicht, einen Namen, ihre Geschichten wurden erzählt. Die Politik sprach von einer Tragödie, die sich nicht wiederholen dürfe. Italiens damaliger Regierungschef Enrico Letta bezeichnete den Tod der Migranten als "ungeheure Katastrophe". "Wir sollten sehen, wie wir die Lage verbessern", sagte EU-Regionalkommissar Johannes Hahn in Brüssel.

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Dass dies nicht leicht werden würde, zeigte sich bereits eine Woche später, als ein überfülltes Flüchtlingsboot etwa 100 Kilometer vor der Küste Maltas kenterte. Einsatzkräfte der maltesischen und italienischen Küstenwache zogen 200 Überlebende aus dem Wasser, doch mehr als 30 Menschen starben. Maltas Ministerpräsident Joseph Muscat drohte, die EU müsse dringend handeln: "Wie die Dinge im Moment stehen, machen wir unser eigenes Mittelmeer zum Friedhof."