China Augenrollen wird zum Hit

Das darf doch nicht wahr sein! Liang Xiangyi (links) verliert in Peking gerade ein bisschen die Fassung.

(Foto: CCTV)

Eine Journalistin am Pekinger Volkskongress zeigt öffentlich, was sie von einem unterwürfigen Monolog ihrer Kollegin hält. Nicht der erste Fall, bei dem ein Kontrollverlust große Folgen hat.

Von Martin Zips

Wer ist Liang Xiangyi? "Liang Xiangyi" war bis Dienstagnachmittag einer der am häufigsten gesuchten Begriffe auf Weibo, dem chinesischen Twitter. Schon bald darauf war der Name der chinesischen Reporterin blockiert. Was ist passiert?

Liang hat ihre Augen gerollt. Und wie. Auf einer Pressekonferenz am Rande des Pekinger Volkskongresses. Sie hatte den peinlich unterwürfigen, offenbar inszenierten Monolog der neben ihr sitzenden "Kollegin" Zhang Huijun einfach nicht mehr ausgehalten - und die Contenance verloren. Die vom Staatsfernsehen übertragene Szene mit der augenrollenden Reporterin wurde zum Hit. Weltweit. Nur in China war sie bald nicht mehr aufrufbar. Das berichtet freeweibo.com, eine Webseite, die über politische Zensur in den chinesischen Medien wacht.

Liangs Konterfei gab es schon wenig später auf T-Shirts und Smartphone-Hüllen zu kaufen. Ihrer servilen Kollegin und den Parteigranden hat sie mit ihrem frechen Augenrollen die Show gestohlen. Beruflich aber dürfte es die junge Reporterin, sie arbeitet für einen chinesischen Finanznachrichtendienst, künftig nicht mehr ganz so leicht haben. Die in den USA ansässige China Digital Times berichtet, alle chinesischen Medien seien angewiesen worden, keinesfalls mehr über Liang Xiangyi zu berichten.

Selbst ein kleiner Kontrollverlust kann große Folgen haben

"Leidenschaften sind sinnliche Wallungen, die, wie alles Natürliche, vom Geist beherrscht werden müssen", schreibt Madame de Lafayette in ihrer Novelle "Die Prinzessin von Montpensier". Nur: Ist Liang Xiangyi tatsächlich zum Opfer ihrer sinnlichen Wallungen geworden? Wollte sie nicht vielmehr ein Zeichen setzen? Wallungen in Schach zu halten, das gelingt mal mehr, mal weniger. Für Machthaber freilich kann selbst ein kleiner Kontrollverlust große Folgen haben. So soll David, Schwiegersohn des biblischen Königs Saul, gerade wegen seiner Unkonventionalität beim Volk derart beliebt gewesen sein, dass ihm die Herzen scharenweise zuflogen. Am Ende kostete das Saul die Macht.

Der Verlust von Contenance kann eben, wie man an Liang Xiangyi und ihrer Geschichte sieht, fürs Publikum ungeheuer anregend sein. Klammheimlich bewundert der Mensch nämlich Unangepasste wie etwa die Politiker Herbert Wehner (77 Ordnungsrufe im Bundestag) oder Franz Josef Strauß (58 Ordnungsrufe). Auch Künstler wie den Theatermacher Claus Peymann ("Die Kritiker sollen mich am Arsch lecken") mag das Publikum, oder den Pianisten Friedrich Gulda, der eine von ihm selbst verfasste (Falsch-)Nachricht von seinem Tod gleich an mehrere Nachrichtenagenturen verschickte. Andererseits: Natürlich muss ein Cristiano Ronaldo, wenn er im Supercup-Spiel Real gegen Barça die Fassung verliert und den Schiedsrichter schubst, sofort mit einer Spielsperre bestraft werden, oder nicht? Die Frage ist: Wann ist der Verlust von Contenance erlaubt? Wann ist er verboten?

"Über der Contenance steht immer die Tugend der Zivilcourage", weiß Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie sowie deutscher Buchautor ("Manieren"). Wenn also Liang Xiangyi stellvertretend für Millionen Chinesen unter etwas leide, so sei es geradezu ihre Pflicht, kräftig mit den Augen zu rollen. "Die Tugend der Zivilcourage gebietet es unbedingt, sich bemerkbar zu machen, um auf eine Ungerechtigkeit hinzuweisen", meint Asfa-Wossen Asserate. Da dürfe einem auch mal die sonst so gebotene Höflichkeit gegenüber einer Kollegin egal sein, neben der man gerade sitzt. Es gibt Wichtigeres.

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