Buch von Bettina Wulff Gut platziert

In die Schlagzeilen um Bettina Wulffs angebliche Rotlicht-Vergangenheit erscheint ein Buch der Gattin des ehemaligen Bundespräsidenten. In "Jenseits des Protokolls" geht es um die Verleumder aus der Politik, ihr Rollen-Korsett und die Fehler ihres Mannes. Das Buch ist weder klug noch liebenswürdig oder grazil - aber ziemlich deutlich.

Von Hans Leyendecker

Bettina Wulffs Vater ist 73 Jahre alt, die Mutter 69 Jahre. Die Eltern lieben ihre Tochter, und die Tochter liebt ihre Eltern, wie sie öffentlich bekennt. Was haben die Eltern gedacht, als erstmals im Internet stand, ihre Tochter "Betty" sei früher angeblich eine Prostituierte gewesen?

Die Eltern hätten der Tochter gegenüber kein Wort "über die Anschuldigungen verloren", schreibt die 38-jährige frühere First Lady. Das Schweigen der Eltern habe sie "verunsichert". Ihre Eltern könnten vermutlich "diese Begriffe in Beziehung zu ihrer Tochter gar nicht in den Mund nehmen. Von ihrer Seite aus ist es tabu. Ich glaube auch, sie wollen es mir gegenüber nicht erwähnen, weil sie befürchten, ich könnte glauben, dass sie auch nur einen minimalen Hauch" in "Erwägung ziehen" würden. "So schweigen sie."

Ihr achtjähriger Sohn Leander hingegen habe ein iPad und gehe "selbstverständlich auch ins Internet. Wenn er dann meinen Namen eingibt und als Erstes solche Begriffe liest und auf solche Seiten kommt, dann finde ich das einfach so etwas von entsetzlich und beschämend." Neulich sei Leander aus der Schule gekommen und habe gefragt: "Mama, habt ihr gelogen?" Ein älterer Mitschüler habe gesagt: "Deine Eltern sind Lügner." Das wisse er von seinem Vater, habe der Mitschüler erklärt.

Die Eltern der Autorin sollten wieder "zu jedem Moment mit erhobenem Haupt vor die Tür treten können", und Sohn Leander "soll die Wahrheit kennen". Auch deshalb, so Bettina Wulff, gehe sie jetzt juristisch und publizistisch gegen die Verleumdungen an. "Jenseits des Protokolls" ist der Titel ihres 224-seitigen Buches, das in dieser Woche erscheint.

Es gibt Bücher, die nach der Formel funktionieren: erst die Sprache, dann der Gedanke. Und es gibt Bücher, da ist es umgekehrt. Das Wulff-Buch ist weder das eine noch das andere, aber ein richtiger Groschenroman ist es deshalb trotzdem nicht. Zwar können die Autorin und die Co-Autorin unter allzu schwerer Gedankenlast beim Schreiben nicht ins Schwitzen gekommen sein. Aber dennoch ist es ein interessantes Buch geworden, weil solche Schlichtheit manchmal auch ihren Reiz hat. Das Geschriebene ist nicht liebenswürdig, grazil und sehr klug, trotzdem hat es Hand und Fuß. Alles ziemlich geradeaus.

Bettina Wulff äußerst sich deutlich, vor allem über die Verleumder aus der Politik: Die Verleumdungen über ihr angebliches Leben im Rotlichtmilieu seien das erste Mal aufgekommen, als ihr Mann noch Ministerpräsident in Niederdachsen gewesen sei, schreibt Bettina Wulff, und die Denunziationen hätten sich, nach einer Ruhepause, mit dem weiteren Aufstieg ihres Mannes, verstärkt: "Noch in der Nacht seiner Wahl zum Bundespräsidenten" hätten "einflussreiche Personen", darunter Politiker, Journalisten gefragt, "ob die Internetveröffentlichungen über mich eigentlich bekannt seien". Da waren die ersten Einträge im Netz gerade zehn Tage alt. Herausgeber und Politiker hätten sich "hinter vorgehaltener Hand über mein vermeintliches Vorleben" ausgetauscht.

Dann geht es um ihren Mann, darum, dass er im Umgang mit seiner Kredit- und Reise-Affäre offenbar Fehler gemacht hat: "Statt peu à peu auf die Vorwürfe zu reagieren, wäre es vielleicht sinnvoller gewesen, sich einmal umfassend zu erklären. (. . .) Ich denke schon, dass wir beziehungsweise mein Mann mit Informationen hätten durchaus anders umgehen sollen. Statt erst nach jeder einzelnen Anfrage ein Statement abzugeben, wäre es klüger und souveräner gewesen, sich einmal offensiv zu erklären."