Brechmitteleinsatz in Bremen Entschuldigung. Verantwortung. Ich.

Vor neun Jahren starb ein Afrikaner in einer Bremer Polizeiwache, nachdem ihm Brechmittel eingeflößt worden war. Bestraft wurde niemand. Jetzt übernimmt der Polizeipräsident die Verantwortung - und will aus der Tragödie lernen.

Von Marc Widmann

Neun Jahre hat es gedauert, neun quälende Jahre, in denen Menschen zerbrochen sind; manche an ihrer Schuld, andere am Schweigen der Verantwortlichen. Nun sitzt ein Mann mit grauem Anzug und schwarz gestreifter Krawatte im Bremer Polizeipräsidium, schon äußerlich ganz Beamter. Er ist unsicher, man sieht es ihm an. Es ist Lutz Müller, der Bremer Polizeipräsident. Er sagt: "Ich entschuldige mich, dass jemand ums Leben gekommen ist." Er sagt: "Die Verantwortung trage am Ende ich als Polizeipräsident."

Entschuldigung. Verantwortung. Ich. Drei Worte, auf die man lange warten musste in Bremen.

Vor neun Jahren ist im Nachbargebäude ein Afrikaner ums Leben gekommen. Er starb im Polizeigewahrsam, im Exkorporationsraum des Polizeipräsidiums, der auf alten Bildern ungefähr so aussieht, wie man sich die Folterkeller einer Diktatur vorstellt. Polizisten bringen den mutmaßlichen Drogendealer hierher, sie haben beobachtet, wie er etwas schluckte. Sie fesseln Laye-Alama Condé, setzen ihn auf einen geneigten Stuhl, pressen seinen Kopf gegen die Lehne, als ein Arzt ihm einen Schlauch durch die Nase bis in den Magen schiebt.

Der Polizeiarzt drückt Spritze um Spritze hinein, erst Brechmittelsirup, dann Wasser, immer mehr Wasser, auch als der Afrikaner apathisch wird, als weißer Schaum aus Mund und Nase quillt. Spritze um Spritze, auch als die Pupillen des 35-Jährigen nur noch so klein sind wie Stecknadelköpfe und kaum noch reagieren. Laye-Alama Condé erbricht mehrmals, auch einige Kügelchen Kokain, dann fällt er ins Koma, aus dem er nie mehr erwacht. Wenige Tage später stirbt der Mann aus Sierra Leone im Krankenhaus. Stilles Ertrinken, so nennen es die Ärzte.

Von Mitgefühl keine Spur

Das Wort Entschuldigung haben die Hinterbliebenen lange nicht gehört. Von der Polizei nicht, die erst mal die endlosen Prozesse beobachtete, vom Arzt ewig nicht, der in jener Nacht wohl heillos überfordert war, genauso wenig von den verantwortlichen Politikern. Henning Scherf (SPD), der frühere Bürgermeister und Justizsenator, sagte im September als Zeuge vor Gericht, der Einsatz von Brechmitteln sei damals eben "Beweissicherungs-Alltag" gewesen. Von Mitgefühl keine Spur.

Die Justiz hat bei der Aufklärung des Falles versagt. Zweimal sprach das Bremer Landgericht den Polizeiarzt frei, zweimal hob der Bundesgerichtshof die Urteile als fehlerhaft wieder auf. Der dritte Anlauf scheiterte im November, er wurde vorläufig eingestellt gegen 20 000 Euro Geldauflage, weil der Arzt Igor V. inzwischen in einer psychiatrischen Klinik sitzt. Er ist an dem Fall zerbrochen. Ein Schuldiger für den Tod von Condé wurde nie verurteilt.

Polizeipräsident Müller ist seit zwei Jahren im Amt, er hätte sich wegducken können, wie es fast alle tun in diesem Fall. Für viele Bremer Polizisten war das Thema abgeschlossen, abgehakt. Auch für sie ist es erstaunlich, was ihr Präsident am Freitag verkündete: "Wir müssen die Sprachlosigkeit der Polizei überwinden." Der Einsatz in jener Nacht "ist total daneben gegangen, da gibt's keine Rechtfertigung".

Der Polizeichef hat eine Dokumentation schreiben lassen von einer Journalistin mit all den schrecklichen Details, all den Momenten, in denen jemand hätte Stopp rufen müssen, aber keiner einschritt. Er will, dass seine Beamten sie lesen. Er will, dass sie bei zweifelhaften Einsätzen künftig "Zivilcourage an den Tag legen und sagen: Da ist jetzt Schluss." Selbst, wenn das Vorgehen durch Gesetze gedeckt ist, wie es der Brechmitteleinsatz damals war. Die Polizisten sollen aus dem Drama lernen, sagt Müller, schließlich könne man Zivilcourage nicht nur von den Bürgern verlangen.

Es kommt selten vor, dass sich Polizeichefs so klar entschuldigen, es bringt ihnen intern schnell den Ruf eines Nestbeschmutzers ein. "Ungewöhnlich" findet auch Bremens Innensenator Ulrich Mäurer die Initiative. Aber wahrscheinlich entschuldigt sich Müller vor allem deshalb, weil es sonst niemand macht in Bremen.