Bonn "Unfassbar, dass diese Menschen die Tat für ihre Zwecke missbrauchen"

Die Stelle in Bonn-Bad Godesberg, an der der 17-jährige Niklas P. getötet wurde, gleicht inzwischen einer Gedenkstätte.

(Foto: dpa)
  • Noch immer sucht die Polizei nach den drei Männern, die den 17-jährigen Niklas P. vor gut einer Woche in Bonn-Bad Godesberg zu Tode geprügelt haben.
  • Obwohl die Täter noch nicht ermittelt sind, sehen rechte Gruppen den Fall als Beleg dafür, dass die Polizei zu wenig gegen Täter mit Migrationshintergrund unternehme.
  • Die Ermittler haben offenbar erste Hinweise auf die Täter, halten sich jedoch bedeckt.
Von Oliver Klasen

"Niklas P. hat das gelebt, was Bonn als tolerante Stadt ausmacht", sagt Oberbürgermeister Ashok-Alexander Sridharan der SZ. Nicht nur er betont immer wieder, dass der 17-Jährige, selbst Deutscher, einen muslimischen Jungen zu seinen besten Freunden gezählt habe. Auch Familie und Bekannte des Opfers haben das mehrfach bestätigt.

Sie alle widersprechen der Geschichte, die rechte Gruppen jetzt verbreiten: Deutscher Junge wird von Ausländern angegriffen, Polizei unternimmt nichts, Politik und Medien schauen zu. Das ist der Tenor der Parolen, auf Facebook und auf der Straße - nur wenige Meter vom Tatort entfernt wird am Samstag demonstriert.

Zehnmal so viele Gegendemonstranten

"Ich finde es unfassbar, dass diese Menschen solch eine schreckliche Tat für ihre Propagandazwecke missbrauchen", sagt Sridharan. Auch am Telefon und auch einen Tag später ist die Erregung des Bonner Oberbürgermeisters zu spüren. Immerhin ist er erleichert, dass es "weniger als 30 Rechte" waren, die sich versammelten, während bei der Gegendemonstration unter dem Motto "Bonn stellt sich quer" mindestens zehnmal so viele Teilnehmer anwesend waren. "Gut, dass so viele Bonnerinnen und Bonner gekommen sind, um ein Zeichen zu setzen", so der CDU-Politiker.

Gut eine Woche ist vergangen seit dem brutalen Angriff auf Niklas P., zusammengeschlagen und zusammengetreten von drei Männern, gestorben wenige Tage später in der Uni-Klinik Bonn an seinen schweren Verletzungen.

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Wie die Tat ablief, ist bekannt: Niklas P. hatte mit seiner Schwester, einem Freund und einer Freundin die bekannte Musik- und Feuerwerksveranstaltung "Rhein in Flammen" besucht, die Gruppe war mit dem Nachtbus zum Bahnhof nach Bad Godesberg gefahren und wollte mit dem Zug weiterfahren ins etwa 30 Kilometer entfernte Bad Breisig, dem Heimatort von Niklas P. Vor einem bepflanzten Rondell an der Ecke Rheinalle/Rüngsdorfer Straße trafen sie dann auf die Tätergruppe. Wie viele Personen dazugehörten, ist nicht sicher, in Medienberichten ist von "mindestens vier Männern" die Rede. Allerdings sollen wohl nur drei Männer an der Tat beteiligt gewesen sein. Nach einem kurzen Streit sollen sie sofort zugeschlagen und auch nicht von Niklas P. abgelassen haben, als der längst am Boden lag. Einer der Täter soll ihm mehrmals gegen den Kopf getreten haben.

Die Polizei hat eine Sondereinheit eingesetzt, um die Täter zu finden. Nach Informationen des WDR ist sie am Sonntag noch einmal verstärkt worden, viele Beamte hätten freiwillig auf den Pfingsturlaub verzichtet. Die Ermittler haben relativ genaue Personenbeschreibungen von drei Verdächtigen veröffentlicht, außerdem in der Nähe des Tatortes Flugblätter in drei Sprachen verteilt, um die Fahndung zu erleichtern. Anfangs waren die Beamten zuversichtlich, weil sich direkt am Tatort ein Kiosk befindet, der über eine Videokamera verfügt. Diese war jedoch in der betreffenden Nacht nicht eingeschaltet.

Zum Stand der Ermittlungen hält sich die Polizei bedeckt. Ein Sprecher will der SZ am Sonntag nur sagen, dass man in alle Richtungen und mit großem Einsatz ermittle und es derzeit keinen neuen Stand gebe. Genaueres könne man "aus ermittlungstaktischen Gründen" nicht sagen. Inzwischen sind aber wohl einige Hinweise eingegangen, die die Polizei als hilfreich einschätzt.

Die Beschreibung "Brauner Hauttyp" reicht den Rechten für ihre Schlussfolgerungen

So bleiben Unklarheiten. Etwa die Frage, warum bisher keine Phantombilder angefertigt wurden, obwohl mehrere Zeugen die Tat beobachtet haben und schließlich dazwischengegangen sein sollen. Ob die Täter einen Migrationshintergrund haben oder nicht, ist nach Lage der Dinge unsicher. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die Polizei das noch einmal klarstellt. Vielleicht ist es unerheblich, weil rechte Hetzer ohnehin Stimmung machen.

Dass zwei der Männer einen "braunen Hauttyp" und "schwarze Haare" haben sollen, wie es in dem Fahndungsaufruf der Polizei heißt, reicht ihnen, um von der Tat auf das Totalversagen der Politik und der Medien zu schließen. "Heute tolerant, morgen fremd im eigenen Land" steht auf einem der Transparente, das die Rechten am Samstag mitgebracht haben. Für kommenden Dienstag hat eine bekannte Rechtsextremistin aus dem Rheinland, die bei der Veranstaltung in Bad Godesberg von einem Gericht Redeverbot erteilt bekommen hatte, eine weitere Kundgebung angemeldet.

Kritik an der Polizei kommt auch vom Bündnis "Bonn stellt sich quer", das die Gegendemonstration organisiert hatte und der Polizei "völliges Versagen" vorwirft. "Wir waren entsetzt, dass den Rechten so das Feld überlassen wurde und die Polizei sie keine drei Meter von Tatort entfernt mit ihrer Demonstration starten ließ. Das war gegen die vorher getroffenen Absprachen", sagt Martin Behrsing, Sprecher von "Bonn stellt sich quer".