Antibabypille Auf die Verhütung folgte der Tod

In Deutschland sind seit 2001 sieben Frauen gestorben, die Antibabypillen aus der Yasmin-Serie von Bayer genommen hatten. Tragische Einzelfälle?

Von Martin Kotynek

Morgens, gleich nach dem Aufwachen, sticht sich Felicitas Rohrer in den Finger, um ihre Blutwerte zu messen. Dann zieht sie einen Stützstrumpf über ihr geschwollenes linkes Bein und lagert es beim Frühstücken hoch. Einen Großteil des Tages verbringt sie dann mit Lymphdrainage, Narbenbehandlung und in den Wartezimmern diverser Ärzte. Abends nimmt sie ihre Medikamente. Felicitas Rohrer ist erst 25 Jahre alt.

Sie vermutet, dass ihre Probleme begannen, weil sie nicht schwanger werden wollte. Sie nahm die Antibabypille Yasminelle - zehn Monate später brach sie zusammen, war klinisch tot. Zwanzig Minuten lang blieb ihr Herz stehen; wenn die Ärzte in Freiburg ihr nicht den Brustkorb aufgeschnitten, sie an Maschinen angeschlossen und die drei insgesamt faustgroßen Blutgerinnsel nicht aus ihren Adern geholt hätten, wäre sie nie wieder aufgewacht.

Angst bei jedem Schritt

Heute hat Felicitas Rohrer bei jedem schnellen Schritt, jeder unüberlegten Bewegung Angst. Angst, dass alles von vorne losgeht, dass sie nachts wieder mit Schmerzen aufwacht, als drücke ihr jemand die Lunge im Leib zusammen.

Die Angst, dass das große Blutgerinnsel, das noch immer in ihrem linken Bein steckt, sich von der Gefäßwand lösen, zum Herz schwimmen, die Lungengefäße verstopfen und eine neue Lungenembolie hervorrufen könnte. Die Angst, dass sie dann wieder keine Luft bekommt, zusammenbricht und das Gehirn Schaden nimmt. Die Angst vor der Angst.

Hersteller der Antibabypille Yasminelle ist der Bayer-Konzern, der auch die Präparate Yasmin und Yaz produziert. Sie enthalten die gleichen Wirkstoffe wie Yasminelle. Auch die Bayer-Tochter Jenapharm produziert unter den Markennamen Aida und Petibelle solche Pillen. Bei Bayer hält man Felicitas Rohrer für einen tragischen Einzelfall. Das Unternehmen nehme jede Meldung über mögliche Nebenwirkungen seiner Produkte ernst und kläre diese in Zusammenarbeit mit den Arzneimittelbehörden ab - die Auswertung sei im Fall von Rohrer aber noch nicht abgeschlossen, heißt es bei Bayer.

Aber ist Felicitas Rohrer wirklich nur ein "tragischer Einzelfall"? Nach den offiziellen Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sind in Deutschland seit der Zulassung von Yasmin im Jahr 2000 sieben Frauen gestorben, die eine der Bayer-Pillen genommen hatten; der erste Todesfall geschah 2001. Vier der Frauen hatten zuvor Yasmin geschluckt, zwei Aida, eine Petibelle. In drei Fällen starben die Frauen an einer Lungenembolie - dass die Antibabypille der Auslöser dafür war, "muss in diesen drei Fällen als möglich angesehen werden", heißt es aus der Behörde.

In demselben Zeitraum sind in Deutschland 18 Menschen gestorben, die andere hormonelle Verhütungsmittel verwendet haben. Für die fünf Bayer-Pillen wurden den staatlichen Arzneimittelwächtern darüber hinaus etwa 130 Fälle von schweren Nebenwirkungen gemeldet.

Plötzlich kollabiert

Auch aus anderen Ländern, in denen die Yasmin-Produktfamilie zugelassen ist, kommen solche Berichte: In der Schweiz starb im September die 21-jährige Yvonne an einer Lungenembolie. Nach Angaben des staatlichen Schweizerischen Heilmittelinstituts Swissmedic hatte sie zehn Monate lang die Pille Yaz genommen. Vor zwei Jahren wurde die damals 16-jährige Céline ebenfalls nach einer Lungenembolie zum Pflegefall. Sie hatte Yasmin genommen. Jetzt ist die ehemals kerngesunde Schweizerin schwerbehindert.

Und schon zwei Jahre nach der Markteinführung von Yasmin hatte die niederländische Pharmaüberwachungsbehörde Lareb über den Todesfall einer 17-Jährigen berichtet, die sechs Monate nach der ersten Einnahme des Mittels plötzlich kollabierte und an einer Lungenembolie starb.

Bayer hält solche Spontanmeldungen, die Ärzte oder Patienten den Behörden berichten, "aus methodischen Gründen grundsätzlich nicht geeignet für einen Risikovergleich". Und tatsächlich kann es sein, dass die Bayer-Pillen, die teilweise erst seit kurzem auf dem Markt sind, stärker im Fokus der Ärzte stehen und daher Nebenwirkungen mehr auffallen. Zudem lässt sich bei diesen Berichten wissenschaftlich im Nachhinein meist nicht nachweisen, dass einzelne Medikamente die Ursache für den Tod der Frauen oder für die auftretenden heftigen Beschwerden waren.

Fachleute machen sich daher eher über zwei neue Studien Sorgen, die im August veröffentlicht wurden. Bisher galt nämlich, dass das Risiko von Yasmin, eine Thrombose, also ein Blutgerinnsel hervorzurufen, gering ist. Das Risiko sei mit Pillen der sogenannten zweiten Generation vergleichbar, die meist das Hormon Levonorgestrel enthalten und als sicher gelten. Yasmin enthält hingegen das neuartige Hormon Drospirenon.

Doch jene Studien, welche die Sicherheit der Bayer-Pillen belegen sollen, wurden von Bayer in Auftrag gegeben. Unabhängige dänische und niederländische Wissenschaftler fertigten nun eigene Studien an - und kamen zu einem ganz anderen Ergebnis: Frauen, die eine Antibabypille wie Yasmin nehmen, haben den dänischen Forschern zufolge ein beinahe doppelt so hohes Risiko, ein Blutgerinnsel zu entwickeln, wie Frauen, die eine Pille der zweiten Generation nehmen. Die niederländischen Forscher berichteten über ähnliche Erkenntnisse und empfahlen in ihrer Studie sogar ausdrücklich, Pillen der zweiten Generation zu verwenden. Bayer kritisiert "methodische Schwächen" an den beiden Studien, die im August im renommierten British Medical Journal veröffentlicht wurden. Diese Schwächen würden "die Validität der Studienergebnisse in Frage stellen".

Lesen Sie weiter, unter welchen strengen Auflagen Yasmin in den USA verkauft beworben muss.