Anschlag am Berliner Breitscheidplatz "Ich denke an die Tränen der Trauernden, die noch längst nicht gestillt sind"

Der goldfarbene Riss im Pflaster am Breitscheidplatz soll an die Opfer des Terroranschlags erinnern.

(Foto: dpa)

Ein Glühwein? Eine Wurst? Ein Jahr nach dem Terroranschlag hat der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz wieder geöffnet. Alle Händler bis auf einen sind wieder dabei.

Reportage von Hannah Beitzer, Berlin

Zwei weiße Holzkreuze stehen auf den Stufen vor der Berliner Gedächtniskirche, dazwischen vergilbte Kerzen, ein Foto, einige Schilder, darüber drei geschmückte Tannenbäume. Um die improvisierte Gedenkstätte herum tragen die Budenbesitzer Kisten in ihre Marktstände, ziehen mit Schwung die Rollläden hoch. Es ist wieder Weihnachtsmarkt an diesem Ort, der nie mehr nur ein Weihnachtsmarkt sein wird: der Breitscheidplatz in Berlin.

Im vergangenen Jahr, am 19. Dezember 2016, fuhr der Tunesier Anis Amri hier mit einem gestohlenen Lkw zwischen die Buden. Zwölf Menschen starben. Seitdem sucht Berlin nach Formen des Gedenkens, die der schrecklichen Tat angemessen sind. Und trotzdem sagen: Wir machen weiter.

Fehlte ein kollektives Innehalten?

Bereits kurz nach dem Anschlag gab es Stimmen, die bedauerten, dass die Öffentlichkeit allzu schnell zum "Wir machen weiter" übergegangen ist. Dass zwar Menschen Kerzen an der Gedächtniskirche anzündeten, am Ort des Anschlags innehielten, es aber zu wenig kollektives Innehalten gegeben habe. Keine großen Aufmärsche, keine großen Gesten, nicht einmal eine Schweigeminute im Bundestag, dessen Abgeordnete zum Zeitpunkt des Anschlags gerade in den Weihnachtsferien waren. Über die Opfer Anis Amris habe die Öffentlichkeit so gut wie nichts erfahren.

Gewöhnen wir uns an den Terror?

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In diesem Jahr wird es nun Gedenkveranstaltungen geben, am Jahrestag des Terroranschlags bleiben die Buden geschlossen. Ein goldener Riss läuft zur Erinnerung an die Opfer über das Pflaster auf dem Breitscheidplatz. Und daneben gibt es Glühwein, Wurst, Waffeln. Alle Händler bis auf einen sind wieder dabei, sagt Michael Roden, Chef des örtlichen Schaustellerverbands. Und das, obwohl sie wegen der gestiegenen Sicherheitskosten sogar mehr Pacht bezahlen müssen.

Am Eingang zum Weihnachtsmarkt stehen nun dicke Betonpoller, die Polizei wird präsenter sein als im Jahr zuvor. Das sind Sicherheitsmaßnahmen, wie sie viele Weihnachtsmärkte in ganz Deutschland seit dem Terroranschlag im vergangenen Jahr ergriffen haben. "Wir machen weiter" - ja, sicher. Aber eben nicht einfach weiter wie zuvor.

Freude, Vergnügen - und Terror

Die Schausteller treffen sich am Tag der Weihnachtsmarkt-Eröffnung zu einem kleinen Gottesdienst in der Gedächtniskirche, sie begrüßen sich, umarmen sich: "Alle Jahre wieder", sagt einer zum anderen und lacht. Einige tragen schon ihre Uniformen, rotkarierte Hemden, rote Jacken mit Zipfelmützendruck. Im Rücken haben sie die Blicke der Journalisten, die in die Gedächtniskirche gekommen sind um zu sehen: Wie geht es ein Jahr später denen, die hier arbeiten müssen? Oder vielleicht eher: arbeiten wollen, trotz allem?

Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche, liest mit den Budenbesitzern das Schaustellergebet: "Lass mich bedenken mein Vorrecht, als Schausteller Freude und Vergnügen zu bringen allen Menschen, besonders aber der Jugend, den Einsamen und denen, die vom Glück benachteiligt sind." Freude und Vergnügen und Terror und Trauer - wie geht das zusammen? Geht es überhaupt?