Zwangsarbeitslager in Neuaubing Düstere Geschichte

Mehr als 400 Zwangsarbeiterlager gab es in München. Die Neuaubinger Baracke hat ihren ursprünglichen Grundriss erhalten und steht unter Denkmalschutz.

Das NS-Dokumentationszentrum an der Brienner Straße, das im November eröffnet wird, bekommt eine Außenstelle in Neuaubing. Das ehemalige Arbeitslager soll als "grünes Klassenzimmer" Zeitgeschichte bewahren.

Von Franz Kotteder

Das NS-Dokumentationszentrum an der Brienner Straße, das im November eröffnet wird, bekommt eine Außenstelle in Neuaubing. Einstimmig hat der Kulturausschuss des Stadtrats beschlossen, die letzte erhaltene Baracke des Zwangsarbeitslagers an der Ehrenbürgstraße zum symbolischen Preis von einem Euro zu kaufen, um einen Lern- und Erinnerungsort daraus zu machen. Mittlerweile hat sich aber herausgestellt, dass die Baracke selbst dafür nicht mehr geeignet ist - sie ist zu stark verrottet und von Schimmel befallen. Jetzt soll das Gelände um die Baracke herum mit Hinweistafeln und sogenannten "Infopoints" zu einem "Grünen Klassenzimmer" ausgebaut werden und als Teil des künftigen NS-Dokumentationszentrums fungieren. Der Kulturausschuss beschloss, mit dem Grundbesitzer, einer Immobilientochter der Bahn, über den Kauf der nötigen Flächen zu verhandeln.

Das Gelände an der Ehrenbürgstraße 9, auf dem die Baracke steht, war in den Jahren zwischen 1943 und April 1945 ein Zwangsarbeitslager der Reichsbahn gewesen. Zwischen 360 und 520 Männer und Frauen - meist aus Italien und den besetzten Gebieten im europäischen Osten - waren hier untergebracht und wurden vor allem i m nahegelegenen Reichsbahnausbesserungswerk Neuaubing zur Zwangsarbeit genötigt. Nach dem Krieg ist diese dunkle Vergangenheit schnell verdrängt worden, die einzelnen Baracken wurden vermietet, in einigen davon haben sich Künstler und Handwerker niedergelassen und sie zum Teil zu Ateliers und Werkstätten um- und ausgebaut. Eine Baracke jedoch ist noch im Urzustand erhalten, ebenso wie zwei Einmannbunker, die im Bombenkrieg für das Wachpersonal gebaut worden waren.

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Im Zuge der Planungen für die Neubausiedlung Freiham wurde man wieder auf die düstere Vergangenheit des Areals aufmerksam, und das Landesamt für Denkmalpflege stellte das Gelände mit den acht erhaltenen Gebäuden 2009 unter Ensembleschutz, die eine erhaltene Baracke und die Bunker wurden sogar in die Denkmalschutzliste eingetragen. In der Folge beschloss die Stadt, aus dem ehemaligen Lager einen Erinnerungsort zu machen. Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD): "Es handelt sich hier - neben dem Dokumentationszentrum Berlin-Schöneweide - um den einzigen in Deutschland erhalten gebliebenen Ort, der die baulichen Gegebenheiten und die Atmosphäre einer Barackenunterkunft für ausländische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen als geschlossenes topografisches Ensemble erfahrbar macht."

Mittlerweile hat auch das Stadtarchiv umfassend recherchiert und wichtige Details herausgefunden. So wurden 15 Angehörige des Lagerpersonals namentlich ermittelt, und im Standesamt Pasing fanden sich Sterbeurkunden von neun Toten aus dem Lager, fünf davon stammten aus der Ukraine. Auch letzte Zeitzeugen konnten befragt werden, etwa ein überlebender Insasse aus einem kleinen Dorf bei Kiew.

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Das gesammelte Material soll nun aufbereitet und an dem neuen Lern- und Erinnerungsort präsentiert werden. Zwar nicht, wie ursprünglich geplant, in der Baracke, sondern in einem Ausstellungsraum in einem anderen Gebäude sowie vor allem auf dem Gelände selbst über sieben "Infopoints", die über die einzelnen Teile des Lagers informieren. Wie die Außenstelle des NS-Dokumentationszentrums genau aussehen soll, lässt sich aber erst klären, wenn das Areal tatsächlich einmal im Besitz der Stadt ist.