Walchensee Sicherheit am Berg

Für rund 60 000 Euro werden die Zugseile der Herzogstandbahn am Walchensee ausgetauscht. Das erschwert die üblichen Revisionsarbeiten, gefährdet jedoch nicht den Start in die Sommersaison am 1. Mai

Von Klaus Schieder, Kochel am See

Ein Stahlseil des Flaschenzugs über der linken Schulter müht sich ein Arbeiter die Schneise der Herzogstandbahn hinauf. Schon gleich nach der Talstation wird der Aufstieg steil, manchmal muss er sich mit der rechten Hand am Boden abstützen, aber es könnte schlimmer sein. Es könnte regnen, vielleicht sogar noch schneien, stattdessen scheint die Frühlingssonne, auch wenn sie am Morgen kaum wärmt. Mit dem Wetter habe man Glück, sagt Jörg Findeisen, Geschäftsführer der Herzogstandbahn: "Aber wenn 20 Zentimeter Schnee läge, würden wir die Arbeit genauso machen, nur würde es weniger Spaß machen." Die Vorbereitung auf die Sommersaison ist diesmal ungewöhnlich intensiv: Neben der üblichen Revision werden auch die Zugseile ausgetauscht.

Das wäre im Grunde genommen nicht zwingend erforderlich, jedenfalls noch nicht. Im Herbst vorigen Jahres untersuchte das Institut für Fördertechnik der Universität Stuttgart die Seilbahn, die ihre Passagiere von der Talstation in Walchensee über eine 1,4 Kilometer lange Strecke von 800 auf 1600 Meter Höhe zum Herzogstand befördert. Das Ergebnis war nicht weiter beunruhigend. Die oberen Zugseile, auf denen die Kabinen wie ein Zug auf Schienen fahren, sind in Ordnung und können weitere vier Jahre verwendet werden. Die unteren Seile, die an den Waggons angebracht und für die Zugkraftübertragung zuständig sind, wären noch für zwei Jahre Betrieb freigegeben. Doch das Problem liegt woanders: Die Endbefestigungen der Seile müssen regelmäßig erneuert werden, das ist Vorschrift. Dazu werden sie immer wieder gekürzt. "Aber Abschneiden und Abschneiden - irgendwann sind sie zu kurz", sagt Findeisen.

Die Zugseile der Herzogstandbahn sind 1480 Meter lang, jede Rolle hat ein Gewicht von 2,5 Tonnen. Für den Austausch sind schwere Maschinen vonnöten.

(Foto: Manfred Neubauer)

Den Austausch kann die Herzogstandbahn nicht selbst bewerkstelligen. Dazu sind schwere Maschinen vonnöten, Hydraulikaggregate zum Beispiel, auch Zugwinden. Das koste "locker bis zu 200 000 Euro", sagt Findeisen. Wenn man sie nur alle 20 Jahre brauche, habe es keinen Sinn, diese technische Ausrüstung selbst zu kaufen. Mit der Seilerneuerung hat der Geschäftsführer deshalb eine Spezialfirma aus der Schweiz beauftragt. Die Vergussköpfe für die Endbefestigungen übernimmt eine Fachfirma aus München. "Das ist eine sehr diffizile Arbeit", sagt Findeisen über die Herstellung der konischen Metallhülsen. Deren Position werde täglich geprüft, passieren können aber nichts. Und selbst wenn, brächte das Überwachungssystem die Bahn zum Stillstand. "Die Kabinen stürzen nicht ab."

60 000 Euro investiert die Herzogstandbahn in die Arbeiten. Das Geld dafür hat Findeisen schon seit langem zurückgelegt. "Wir planen acht bis zehn Jahre im voraus, und bei den Seilen haben wir gesagt, hier könnte was kommen", berichtet er. Die Zugseile der Bahn am Walchensee sind seit 20 Jahren im Gebrauch und damit mehr als doppelt so lange wie bei anderen Transportmitteln dieser Art. "Deshalb haben wir uns viel früher darauf eingestellt, dass sie ausgetauscht werden müssen", erklärt der Geschäftsführer. Die im August 1994 eröffnete Herzogstandbahn sei eine "dankbare Anlage von ihrer Konstruktion her".

Jörg Findeisen, seit 16 Jahren Geschäftsführer der Herzogstandbahn.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Erneuerung der Zugseile erschwert die üblichen Revisionsarbeiten, für viele davon ist es notwendig, dass die Bahn fährt. Deshalb hatte Findeisen für die Routineprüfung eine Woche mehr als sonst eingeplant. Das Zeitfenster, sagt er, "war sehr eng". Alle Arbeiten, die am Montag nach den Osterferien begannen, könnten nun aber sogar zwei Tage früher als geplant abgeschlossen werden. "Es ist super gelaufen." Deshalb wird die Sommersaison pünktlich am 1. Mai eröffnet.

Im Sommer bringen die Kabinen vor allem Gäste auf den Berg, die dort wandern oder einfach nur die Aussicht auf den Kochelsee und den Walchensee genießen wollen. Im Winter herrscht Skibetrieb, sofern das Wetter mitspielt. Anders als in anderen Skigebieten werden am Herzogstand keine Schneekanonen eingesetzt. Dafür habe man mit der Piste, die sich vier Kilometer bis hinab nach Urfeld erstreckt, eine der längsten Abfahrten im Landkreis, sagt Findeisen. Vor allem sei jedoch der Ausblick spektakulär und begeistere etwa Fotografen, die für Skihersteller arbeiten. "Sie sagen, so etwas gäbe es sonst nur in Kanada oder Norwegen." Den Skiläufern, die auf den Herzogstand kommen, gehe es um den Sport und das Naturerlebnis, weniger um Hüttengaudi und "Skihaserl-Aufreißen". Insgesamt befördert die Kabinenbahn das Jahr über zwischen 120 000 und 140 000 Personen.

Während der Arbeiter mit dem Stahlseil auf der Schulter an seinem Ziel in der Schneise angelangt ist, räumt der Geschäftsführer ein, dass ihm um die rechtzeitige Eröffnung der Sommersaison trotz der ehrgeizigen Zeitvorgabe nicht bange war. Auch wenn beim Seilaustausch und der Revision "eine grobe Sache" gekommen wäre, hätte man es geschafft und eben am Wochenende durchgearbeitet. Die kleine Belegschaft am Herzogstand sei eine wirklich "schlagkräftige Truppe", lobt er. "Es wäre gegen ihren Stolz gegangen, den Termin nicht einzuhalten."