Mittelalterliches Adelsgeschlecht Die besten Jahre der "Wolfradehusener"

Nico Pietschmann (links) hat sich für seine Master-Arbeit tief in die Wolfratshauser Vergangenheit gegraben. Seine Ausführungen stießen im Gemeindesaal St. Michael auf großes Interesse.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Nico Pietschmann hat herausgefunden, dass die Wolfratshauser Grafen im 12. Jahrhundert mächtiger als ihre Andechser Verwandten waren - bis ein Egozentriker ihren rasanten Niedergang herbeiführte

Von Susanne Hauck, Wolfratshausen

So schön lässt es sich träumen von den mächtigen Grafen aus Wolfratshausen. Sind es doch sie gewesen, die in Wirklichkeit das Sagen hatten, und nicht ihre Andechser Verwandten, die nur ein kleines Licht waren. Geld und Ansehen besaßen sie, und dazu beste Beziehungen nach ganz oben. Wer weiß, wie die Stadt Wolfratshausen heute da stünde, wenn es die Grafen noch gäbe und die Burg nicht explodiert wäre. Wenn er 1157 nur nicht kinderlos gestorben wäre, der Graf Heinrich.

Der Wolfratshauser Historiker Nico Pietschmann hat seine Master-Arbeit über das mittelalterliche Adelsgeschlecht geschrieben und trug seine Erkenntnisse am Freitag rund 50 Leuten im evangelischen Gemeindesaal St. Michael vor. Eingeladen hatten der Historische Verein und der Burgverein. Pietschmann räumte mit der weitverbreiteten Ansicht auf, die Andechser Grafen stellten die Hauptlinie dar und die Wolfratshauser nur eine Nebenlinie.

Beide gehen seinen Ausführungen nach auf einen Stammvater zurück: Friedrich I. von Haching. "Die Wolfratshauser stehen völlig zu Unrecht im Schatten der Andechser", sagte der 33-Jährige. "Sie waren schon lange Zeit vor ihnen eine Familie herausragender Stellung." Allerdings war ihre Blütezeit nur kurz, sie dauerte von 1098 bis 1157. Die "Wolfradehusener" Abkömmlinge - Otto II., Otto III. und Heinrich II. - legten im 12. Jahrhundert einen steilen Aufstieg hin. Um 1100 entstand unter Otto III. die Burg als Herrscherresidenz der neuen Grafschaft Wolfratshausen. Sie gehörte damals übrigens zu Dorfen, denn der Markt war noch nicht besiedelt.

Ottos Bruder wurde Bischof von Regensburg. Der umtriebige Kirchenmann, der das Amt 20 Jahre ausübte, konnte sich weiteren politischen Einfluss sichern. Es war der stets gute Kontakt zu den Königen und Kaisern des Reichs, der die Macht der Wolfratshauser zementierte und ihnen Landbesitz bis nach Tegernsee und Tirol bescherte. "Die Königsnähe war nützlich und trug stark zum Aufstieg des Grafenhauses bei", machte Pietschmann deutlich. Die kluge Heiratspolitik - Töchter und Schwestern wurden in königliche Häuser vermählt - war ein weiterer Schlüssel zum Erfolg.

Als weniger günstig erwiesen sich die Streitigkeiten mit den bayerischen Herzögen. Diese hatten zur Folge, dass die Burg im Jahr 1133 zum ersten Mal völlig niedergebrannt wurde. Und im Jahr 1147 gab es eine Strafexpedition Friedrichs von Schwaben gegen den Wolfratshauser Grafen Heinrich, den er explizit als seinen "Feind" bezeichnete. Vor der Burg fanden Kämpfe der Truppen statt. Der letzte Graf, Heinrich II, leitete den Niedergang ein. Er regierte zwar lange, aber seine zunehmend despotischen Anwandlungen manövrierten ihn ins politische Abseits. "Er muss ein Egozentriker gewesen sein", sagt Pietschmann. Als Heinrich sich als Vogt das reiche Kloster Tegernsee unter den Nagel reißen wollte, verscherzte er sich das gute Verhältnis zu Kaiser Barbarossa. Wegen "Gewalttätigkeit" kassierte er einen offiziellen Tadel und musste Rechte abtreten. "Die Wolfratshauser Grafen hätten sonst noch mehr aufsteigen können", lautet das Fazit des Historikers. Ob Heinrich II. verheiratet war, weiß man nicht. Wohl aber, dass er 1157 ohne Nachkommen das Zeitliche segnete - weshalb die Wolfratshauser Linie ausstarb. Damit fiel die Burg an die Andechser Verwandten. Von diesem Zeitpunkt an begann der Aufstieg dieser bisher eher königsfernen Linie, die sich bis zum 13. Jahrhundert zu einem der bedeutendsten Adelsgeschlechter Europas entwickelte.

Nico Pietschmann fand sein Thema, weil er seit drei Jahren sozusagen im Schatten der ehemaligen Burg wohnt, nämlich in Weidach. Der gebürtige Brandenburger wandte, wie er erzählt, "Tausende von Arbeitsstunden" auf, um die in lateinischen Mittelalter-Lettern geschriebenen Urkunden und Chroniken der Klöster und Herrscher zu entschlüsseln. "Latein hatte ich zwar bis zum Abitur, aber das reicht dafür nicht", erzählt er. "In der Uni gibt's dafür Extra-Kurse in Paläografie."

Zurzeit verfasst er ein Buch über die Grafen. Darin wird auch stehen, dass eine Frau mit Wolfratshauser Blut die einzige Deutsche war, die je den byzantinischen Kaiserthron bestieg: Bertha, die Nichte Ottos III., schaffte es unter dem Namen Irene ganz nach oben. "Keine andere Stadt in Deutschland kann sich dessen rühmen", so der Historiker.