Ausstellung Bewegung und Kontraste

Kurt Wagner sucht in seinen Gemälden nicht nach Harmonie. Werke des in Sachsenkam lebenden Malers sind im Tölzer Kunstsalon unter dem Titel "Ansichten - Einsichten" zu sehen

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Eng kuscheln sich Häuser an eine Kirche. Sie sind nicht streng symmetrisch, sondern neigen ihre Dächer und wirken beinah körperlich. Über dem Kirchturm, der wie eine Speerspitze in den Himmel sticht, dräut der Himmel rot-dunkel. Wenn man die Skizze zu dem Bild sieht, die Kurt Wagner zuvor von der Stiftskirche in Laufen in seinen Block gezeichnet hat, dann sind das zwei verschiedene Welten: Penibel fein gezeichnete Linien hier, ein großformatiges, farbstarkes Bild dort. Die Skizzen, technisch versierte Abbilder der Wirklichkeit, verwandeln sich in seinem Atelier in Sachsenkam in eine andere Realität: Das Konkrete gleitet ab ins Ungefähre. Menschen, die auf Wagners Öl- und Acrylarbeiten selten sind, werden nur schemenhaft angedeutet. Unruhe spricht oft aus den Bildern, Bewegung und Kontraste. Sie sind zurzeit unter dem Titel "Ansichten - Einsichten" im Kunstsalon des Tölzer Kunstvereins zu sehen.

"Wer bei mir Ruhe sucht, wird enttäuscht sein", sagt der 73-Jährige. "Ich suche keine Harmonie". Seine Lieblingsfarbe ist Gelb, nicht unbedingt ein freundliches Sonnengelb, sondern eines mit intensiv-aggressivem Unterton. Der Künstler hinter den aufregenden Bildern wirkt selbst ganz unaufgeregt. Man kann sich diesen freundlichen älteren Herrn gut vorstellen, wie er am Ufer der Salzach sitzt, in Laufen, diesem "vergessenen, feuchten Durchgangsort", und stundenlang zeichnet. Stets mit einem schwarzen Kugelschreiber, den man nicht radieren kann. "Denn jeder Strich hat eine Berechtigung", sagt er.

Wagner ist studierter Bauingenieur, der bis zu seiner Pensionierung in der staatlichen Bauverwaltung in München gearbeitet hat. Geometrische Formen, Kirchen, Rundbögen, Häuser - das ist von Berufs wegen seine Welt. Mit seiner Frau, einer gebürtigen Hamburgerin, und den beiden Töchter ist Wagner im Jahr 1981 von Haidhausen nach Sachsenkam gezogen, weil die Familie aufs Land wollte. Seit 50 Jahren malt Wagner, "als Autodidakt und Hobbymaler", zuerst nur Skizzen und Aquarelle. In den 1990er-Jahren hat er an der Freien Akademie in München sechs Jahre studiert und mit einem Diplom in Malerei und Grafik abgeschlossen.

Sein Professor habe ihn ermutigt, Öl- und Acryl zu verwenden und groß zu malen. "Das habe ich mich vorher gar nicht getraut." Seitdem kommt der andere Kurt Wagner in seinen Bildern zum Vorschein, der, der den ausladenden Gestus beim Malen braucht, das große Format und die kräftigen Farben. Seit zwei Jahren ist er Mitglied im Kunstverein Tölzer Land, obwohl er Vereinsmeierei "eigentlich nicht so mag". Im kleineren der beiden Ausstellungsräume drängen sich Wagners dunklere Bilder - "Strandung" etwa, seine Auseinandersetzung mit dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer: Schemenhaft ragen dunkle Köpfe aus dem Wasser, weiße Gischt und graue Farblinien. Wagner betreut drei junge Frauen aus Somalia, die im Flüchtlingscamp am Kranzer wohnen - das Grauen ihrer Flucht, das spiegle sich hier.

Auch das Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan, das die Judenvernichtung thematisiert, hat er in ein Bild übersetzt: Brutales Schwarz, roter Mohn. Literatur, Philosophie, Geschichte und Theologie interessieren ihn: Zweimal die Woche fährt er zum Seniorenstudium an die Münchner Uni und zum "Studium Generale" an der dortigen Volkshochschule.

Wagners Bilder brauchen Raum. "Odeonsplatz" zum Beispiel, dessen pulsierende Wirkung sich erst aus der Distanz zeigt. Die streng klassizistischen Gebäude und die geometrisch angeordneten Pflastersteine werden fast ironisch gebrochen durch das Café Tambosi, das sich schief hin zum Platz neigt. Die leichte Bewegung des Gebäudes und die wie hingeworfen wirkenden Menschen hauchen dem Platz quirlige Lebendigkeit ein. Wagner liebt Kaffeehäuser, die es kaum mehr gebe, weil alles immer "nobler" werde. Das Tambosi hat inzwischen geschlossen, auch sein Lieblingscafé als Student, die "Alte Börse", gibt es nicht mehr. Festgehalten hat er die verschwindende Tradition in seinem Bild "Kaffeehaus" mit einem Motiv aus einem Hamburger Lokal: Stühle, deren gebogene Lehnen wie Wellen wirken, kontrastiert mit den harten Kanten der Tische. Malen, das sei für ihn wie das Lesen in einem Roman. "Jeder Strich ist wie das Umblättern einer Seite".

Ein Prozess, auf den man sich einlassen müsse. "Wenn ich oben rechts ein Braun setze, was passiert dann auf der gegenüberliegenden Seite?" Bilder seien "eigenständige Wesen wie Kinder", die er loslassen müsse, wenn sie fertig sind. "Wenn ein Betrachter von ihnen Besitz nimmt, werde ich fast ein bisschen eifersüchtig."

Ausstellung im Kunstsalon, Marktstraße 6, bis zum 19. Februar. Geöffnet Freitag bis Sonntag, 14 bis 18 Uhr