Kandidaten für den Tassilo 2018 Ein Beispiel, das Schule machen soll

Feuer und Flamme: Die Bildhauerin Sabine Straub hat in der Streitfeldstraße genügend Raum für ihre Kreativität gefunden.

(Foto: Stefanie Preuin)

In einer früheren Kleiderfabrik an der Streitfeldstraße in Berg am Laim hat die Genossenschaft "Kunstwohnwerke" ein Refugium für rund 45 Künstler geschaffen. Sie arbeiten in Ateliers und Studios, beflügeln sich gegenseitig - und einige von ihnen wohnen sogar dort

Von Renate Winkler-Schlang

Gesa Puell nutzt den Keller für ihre Druckgrafiken. David Flynn produziert leuchtende und doch zarte abstrakte Bilder. Nicole Frenzels Spezialität sind skulpturale Installationen, aber auch kleine Zeichnungen mit zuweilen humorvollem Unterton. Irina Grabner restauriert Bilder alter Meister. Gabriele Leo Hoffmann schreibt Krimis und Texte, lange und kurze Geschichten, Drehbücher, Theaterstücke. Stefan Stefinsky spielt Saxophon, komponiert, bringt Musiker zusammen zu besonderen Projekten. Franziska Wolff malt ihre Bilder - oder sie näht sie aus alten Möbelstoffen oder abgelegten Klamotten. Kartons in vielen Lagen werden bei Martin Spengler zu Hochhäusern oder Stelen. Die Kamera ist Tom Garrechts wichtigstes Werkzeug. Bildhauerin Sabine Straub macht Kunst am Bau und Kunst für Marktplätze. Sie alle und noch einige mehr sind: das Streitfeld.

Es ist ein Name, der für eine Künstler-Gemeinschaft passt. Keiner musste da lange überlegen, er hat sich aufgedrängt, denn das Streitfeld, das erste Projekt der jungen Genossenschaft Kunstwohnwerke, wurde an der Berg am Laimer Streitfeldstraße realisiert. In einer früheren Kleiderfabrik arbeiten etwa 45 Künstler in Ateliers und Studios zwischen 15 und 100 Quadratmetern Fläche - einige von ihnen leben auch hier. Und das Schöne ist: Das hier ist nicht nur eine Zwischennutzung. "Wir können bleiben, wir sind unkündbar", sagt Sabine Straub, seit 25 Jahren Bildhauerin, zufrieden. Zuvor war sie "in fünf Jahren drei mal umgezogen, und mit einem Bildhaueratelier ist das kein Spaß".

David und Susanne Flynn und Stefan Stefinsky sitzen im Gemeinschaftsraum bei Kaffee und Biokeksen und versuchen zu erklären, auf welch verschlungenen Wegen diese Kreativ-Oase der Sicherheit gedeihen konnte. Der Traum entstand 2005 im Verein Genius Loci, wo David Flynn mit im Vorstand sitzt. Bessere Arbeitsbedingungen für Künstler sind sein Ziel. Vor zehn Jahren gründete er daher mit einigen anderen die mittlerweile gemeinnützige Genossenschaft Kunstwohnwerke. Beispiele aus anderen Großstädten wurden studiert, Immobilien angeschaut, Gespräche geführt, Pläne geschmiedet, gezeichnet und wieder verworfen. Am Ende eines langen Prozesses reichte das Geld nicht, um selbst die alte, aufgegebene Kleiderfabrik in Berg am Laim, die sich als geeignet erwies, zu kaufen. Aber die Stiftung Trias, die sich für sinnvolle Nutzung von Grund und Boden einsetzt, hat es getan und die beiden Gebäude der Genossenschaft zu fairen Konditionen in Erbpacht überlassen. Umgebaut haben die Pioniere dann selbst, mit viel Eigenleistung. Sie verwalten das Haus gemeinsam, kümmern sich um nötige Reparaturen. Ein Beispiel, das in München Schule machen soll: Im Kreativquartier soll ein weiteres "Kunstwohnwerk" entstehen, erzählt Susanne Flynn. Sie ist nicht nur die Frau von David, die Architektin hat das Projekt genau wie Stefinsky maßgeblich vorangebracht und sitzt nun im Aufsichtsrat der Kunstwohnwerke.

Kunst und nicht Hobby: Wichtig war den Genossen der ersten Stunde, dass hier ein Arbeitsfeld für ernsthafte, für umsatzsteuerpflichtige Künstler entsteht, kein Biotop für aquarellierende Hausfrauen oder reiche Manager, die sich den Freitag für ihre Staffelei reservieren, erklärt Susanne Flynn. Wer hier werkt, ist Profi, auch wenn nicht jeder an einer Akademie studiert hat und mancher dazuverdienen muss, bekräftigt Stefinsky. Auch wenn es hier keinen "Kritikabend" gebe wie an der Akademie, schmunzelt David Flynn. Man müsse nicht alles "mögen", was der Nachbar schafft, aber der hohe Qualitätsanspruch mache diese Atelier-Nachbarschaft so wertvoll, erzählen sie. Jeder kann dem Urteil der anderen trauen, ihre Tipps sind fundiert. So hat zwar mancher in einer introvertierten oder konzentrierten Phase seine Türen zu, doch dann gibt es wieder, wie bei Sabine Straub, Kaffee oder Gummibärchen. Prinzipiell finde jeder hier Hilfe, man leiht sich gegenseitig eine Flex oder den Transporter, tauscht sich aus. Die eine kann einen Flyer formulieren, der andere liefert die Fotos, die nächste hat eine Druckmaschine, einen guten Kontakt, einen interessierten Kunden.

Was steht an? David Flynn (links) bespricht sich mit Stefan Stefinsky.

(Foto: Stefanie Preuin)

Doch die Streitfeld-Pioniere sind nicht nur das Modellprojekt der Kunstwohnwerke, sie wirken auch in ihr Viertel hinein. Mancher der Künstler unterrichtet an den Schulen im Münchner Osten, andere geben den umliegenden Handwerkern Aufträge. Die Genossen beteiligen sich auch regelmäßig mit Aktionen an der Stadtteilwoche, bieten bei "Streitfeld offen" anregende Einblicke. Interessant ist für die Künstler hier auch immer, wen das Kulturreferat ins Gästeatelier gleich neben dem Gemeinschaftsraum mit der schönen Dachterrasse schickt. Es sind junge Talente aus aller Welt, die frischen Wind mitbringen.

Einer der "Genossen" des Projekts Streitfeld ist auch der Verein Genius Loci: Er vergibt nicht nur Förderateliers auf Zeit, sondern leistet sich im Hinterhaus in Erdgeschoss dank großzügiger Spender einen "Projektraum". Wichtig ist auch hier der Anspruch: Es ist keine Produzentengalerie derer aus dem Haus. Am Projektraumtreffen, wo das Programm festgelegt wird, wirken auch Experten von außen mit. Es wird keine Raummiete erhoben, etwaige Eintrittsgelder oder den Erlös aus der Spendenbox bekommt der Künstler. In der Reihe "Amigos" holen die Nachbarn befreundete Künstler her, die Reihe Akustronik bietet Raum für musikalische Experimente. Gemeinschaftsausstellungen ganzer Akademieklassen sind möglich unter dem Label "KlasseN", in "Denotation" werden Wort und Musik zusammengebracht, auf immer wieder überraschende Weise. "Einfach eine Spielfläche, wo Sachen ausprobiert werden können", sagt Stefinsky. "Ein Glücksfall", sagt Sabine Straub über ihr Umfeld: "Das hier ist wirklich etwas ganz Besonderes."

Vorschläge für den Tassilo-Preis können per E-Mail unter tassilo@sueddeutsche.de oder stadtviertel@sueddeutsche.de oder per Post an die Stadtviertel-Redaktion geschickt werden: Hultschiner Straße 8, 81677 München. Einsendeschluss ist Mittwoch, 28. Februar.