Arbeitsmigration "Egal wo wir sind, wir werden vertrieben"

Performance? Realität. Ein Abend auf der Straße - für Tagelöhner die Regel. Für ihre Gäste bei "Tagasyl" eine beklemmende Erfahrung.

(Foto: Lukas Barth)

Ständig in Angst vor Kontrollen, Kälte und Krankheit: Betroffene schildern, wie es Tagelöhnern aus Bulgarien und Rumänien in München geht.

Von Barbara Link

Seit Oktober 2015 unterstützt die Arbeiterwohlfahrt (Awo) mit ihrem Infozentrum Migration und Arbeit Tagelöhner aus Bulgarien und Rumänien. Bis zu 120 Menschen täglich kommen in die Sonnenstraße 12, sitzen auf Stühlen statt auf der Straße, essen am Tisch statt im Gras, schlafen am Tisch statt im Park. "800 Menschen haben wir in Arbeit gebracht", erzählt Projektleiter Savas Tetik. "So viele reden über die Tagelöhner, in der Regel negativ. Sie selbst erzählen kaum." Das Projekt "Tagasyl", ein Performance-Abend, will das ändern.

Rangel Yosifov und Penka Angelova machen den Anfang. Zusammen mit den beiden Regisseuren Karnik Gregorian und Bülent Kullukcu sitzen sie am Samstagabend vor etwa 30 Gästen, die Stuhlreihen im Beratungsraum sind lückenlos besetzt - ein paar Tage zuvor waren Yosifov und Angelova noch überzeugt: "Für uns wird sich keiner interessieren." Die beiden kommen aus dem 1500 Kilometer entfernten Pazardschik in Bulgarien. "Egal wo wir sind, wir werden vertrieben", sagt Angelova, eine sehr kleine Frau mit dunklen, langen Haaren, und sie stößt kräftig ihren Fuß nach vorn.

Viele Rumänen und Bulgaren leben "in prekärsten Situationen"

Die Lage der Menschen, die zum Arbeiten nach München kommen, bereitet der Stadt schon länger Sorgen. Bei wichtigen Problemen sind ihr die Hände gebunden. Von Thomas Anlauf mehr ...

Das "Wo" illustrieren die Fotos hinter ihr an der Wand. Mit Einwegkameras hatten Gregorian und Kullukcu sie losgeschickt. Die Bilder zeigen Hauseingänge, Lager unter den Brücken, Straßenszenen. Yosifov ist seit sieben Jahren hier, früher habe er "in Fabriken" in Pazardschik gearbeitet, bis diese aufgekauft und geschlossen worden seien. Bis Ende April schlafe er wie die meisten Tagelöhner in der Bayernkaserne. Dann endet das Kälteschutzprogramm der Stadt, seit 1. Mai sind sie wieder obdachlos. An diesem Abend ist immer wieder die Forderung zu hören, die Bayernkaserne im Sommer zu öffnen.

Auch für die Theatergäste geht es raus auf die Straße. Saschko Angelov, früher Elektrotechniker, läuft mit seiner Ziehharmonika voran. Zunächst schnellen Schrittes durch den Hof von City- und Atelier-Kino, viele Passanten drehen sich um, auch die Besucher des Deutschen Theaters. Die Gruppe hält vor der Schillerstraße 25, an der Migrationsberatung des Evangelischen Hilfswerks. Hier bekommen die Tagelöhner zwischen November und April ein Formular, das ihnen eine Woche Übernachtung in der Bayernkaserne ermöglicht, Frauen und Männer schlafen dort getrennt. Für Ehepaare wie Nervena Arnaudova und Kirik Takov ist das belastend. Sie erzählen von ihren drei Kindern daheim im bulgarischen Haskova. Nervenas große Schwester kümmert sich um sie. Seit eineinhalb Jahren haben die beiden, sehr dünn und schmal, die Kinder nicht gesehen, eine Telefonkarte können sie sich nicht leisten.

Vor der Filiale der Işbank, was ausgerechnet "Arbeitsbank" heißt, warten die Tagelöhner jeden Morgen von halb sechs Uhr an auf Jobs, immer in Angst vor den Polizeikontrollen. "Ich bin mit Hoffnung hierher gekommen", sagt Ztkov. Auf seinen ersten hundert Metern durch München zwischen Hauptbahnhof und Işbank sei er dreimal kontrolliert worden. Polizeikontrollen mehrmals täglich, Ausziehen bis auf die Unterwäsche, gehörten zum Alltag.

Immer mehr Fragen werden gestellt, immer lauter wird diskutiert. "Ich bin erst heute richtig auf die Situation der Tagelöhner aufmerksam geworden", sagt Pinar Hasdemir. Unter Akkordeonklängen biegt die Gruppe in die Pettenkoferstraße ein, es geht vorbei an der Anatomischen Anstalt. Hier präsentiert an diesem Abend die Kammeroper München Schuberts "Schwanengesang". Die Konzertgäste schnappen bei einem Gläschen Sekt frische Luft auf dem Balkon. Sie winken.

Keine Krankenversicherung, keine Wohnung

Im Klinikviertel an der Nußbaumstraße erfährt die Gruppe vom sogenannten Leistungsausschlussgesetz - Arbeitssuchende aus Rumänien oder Bulgarien, die sich seit weniger als fünf Jahren in Deutschland aufhalten, haben nur maximal einen Monat Anspruch auf Sozialleistungen und Gesundheitsversorgung. Kein Tagelöhner, und sei er noch so krank, werde den Krankenwagen holen, übersetzt Gregorian. Wer nicht krankenversichert ist, muss für die Fahrt selbst aufkommen.

Stephanie Kirchner, Pressereferentin von "Ärzte der Welt", ist unter den Teilnehmern. Die Organisation betreibt unter anderem eine Praxis an der Dachauer Straße und einen Einsatzbus. Die Ärzte arbeiteten ehrenamtlich, sie erleben immer wieder Todesfälle und Selbstmorde. Im Park schräg gegenüber schlafen fast alle Projekt-Teilnehmer. Georgi Lazarov deutet rüber zu den Büschen, "da im Gehölz". Seit zehn Jahren sei er hier, eine Wohnung findet er nicht.

Zurück in der Sonnenstraße ist ein Buffet vorbereitet, aus Gurken, Tomaten, Oliven, Schafskäse, Fleischwurst - "täglich Brot". Billig, praktisch, wasserfest. Und Penka Angelova tanzt.

Nächste Vorstellung: Donnerstag, 17. Mai, 19 Uhr, Sonnenstraße 12a. Eintritt frei. Anmeldung: maria.lie-steiner@awo-muenchen.de

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