Tutzing Wenn die Sprache Segel setzt

Der Schriftsteller Thomas Lehr erhält in der Evangelischen Akademie Tutzing den Marie Luise Kaschnitz-Preis. Sein Werk, so heißt es, ist wagemutig

Von Sylvia Böhm-Haimerl

"Meine Romane sind lyrisch, aber formal sehr streng", sagt Thomas Lehr am Sonntag im großen Saal des Tutzinger Schlosses über seine Arbeit. Foto:Treybal

(Foto: Georgine Treybal)

- Die nationale Vergangenheit ist ein Kernthema des 1957 in Speyer geborenen Schriftstellers Thomas Lehr. Daraus entwickelte er die Idee für seinen Roman "September, Fata Morgana", der den fatalen Tag zum Thema hat, an dem in New York die Zwillingstürme in sich zusammenstürzten. Manchmal sei es ein "langsamer, quälender Prozess", bis sich über seine Herzthemen Ideen entwickeln, an die er zunächst gar nicht gedacht habe, sagte Lehr am Rande der Tagung "Das Weite suchen - Sprachwege in Krieg und Frieden" in der Evangelischen Akademie in Tutzing. Für sein literarisches Werk wurde Thomas Lehr gestern mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis 2012 der Evangelischen Akademie ausgezeichnet.

Wie Akademiedirektor Udo Hahn hervorhob, konnte seine Einrichtung zeitgleich auch "ein kleines Jubiläum" feiern. Der mit 7500 Euro dotierte Kaschnitz-Preis wurde nämlich zum 15. Mal verliehen. Und auch für Lehr war es ein Jubiläum. Zur SZ sagte er, es sei die 15. Auszeichnung, die er für seine schriftstellerische Arbeit erhalten habe. Doch trotz seiner zahlreichen Ehrungen, betrachtet er den Marie Luise Kaschnitz-Preis als etwas Besonderes. Zum einen verbindet er mit dem Starnberger See und dem Schloss Tutzing viele positive Kindheitserinnerungen. Seine Mutter stammte aus Icking. Und er habe zahlreiche Ferien bei seinen bayerischen Großeltern verbracht, die, wie er sagte, nur "einen Steinwurf oder eine viertel Buchseite" von hier entfernt wohnten. Zum anderen habe ihm die Tagung, bei der er viele Freunde und Kollegen traf, sehr viel Spaß gemacht.

Das Thema "Das Weite suchen" hat für Lehr mit "dem Davonlaufen wollen" zu tun, mit dem die Literatur seiner Ansicht nach beginnt. "Am Anfang meiner Literatur steht die intuitive Verbindung von Flucht, Reise und höherem literarischen Stil. Wenn man ins Weite will, dann "muss auch die Sprache die Segel setzen", sagte er in seiner Festrede. Damit ihm das Gleichgewicht von Form und Inhalt gelingt, das ein überzeugendes Buch ausmacht, sucht er so lange, bis er die entsprechende Sprache gefunden hat. Und die ist bei Lehr sehr vielfältig. Wie der Autor und Kritiker Helmut Böttiger in seiner Laudatio ausführte, liebt Lehr "das opulente Erzählen, das Schwelgen in Situationen, das Ausmalen von Biographien, das Atmosphärisch-Sinnliche". Er suche für jeden Stoff die jeweils ureigene Form, seine Sprache sei bei jedem Roman anders.

Lehr wollte schon immer Schreiben und hat sich auch seit seiner Kindheit mit der Sprache beschäftigt. Mit 18 Jahren jedoch entschloss er sich, Biochemie zu studieren und arbeitete anschließend als Programmierer. Naturwissenschaftler zu sein und gleichzeitig Texte in einer blumigen Sprache zu verfassen, das ist für Thomas Lehr kein Widerspruch. Im Gegenteil, sein Wissen setzt er zuweilen literarisch um. So beschäftigt er sich beispielsweise in seinem neuen Roman, an dem er derzeit schreibt, mit Physik und Philosophie in Deutschland. Seine Sprache charakterisiert Lehr übrigens als metaphern- und bildreich, aber dennoch exakt. "Meine Romane sind lyrisch, aber formal sehr streng. Das ist ein produktives Ineinander." Rund fünf bis sechs Jahre arbeitet Lehr an einem Roman. Er habe eine starke Grundidee, doch der Plan für einen Roman entstehe beim Schreiben, sagt er. "Romane haben ein Leben."

Der Marie Luise Kaschnitz-Preis wird seit dem Jahr 1984 für herausragende schriftstellerische Leistungen vergeben, die sich sowohl durch ihren Inhalt als auch durch ihre Sprache auszeichnen. In der Urkunde heißt es darum, das Werk Thomas Lehrs sei vielfältig und ästhetisch wagemutig zugleich. "Immer wieder leuchtet er die Möglichkeiten des Romans als Gattung aus."