Starnberg Orient und Okzident

Alphornbläser, Gnawa-Musiker aus Marokko und Embryo bescheren Feldafing ein einzigartiges Konzert

Von Armin Greune

Feldafing - An Lampenfieber mag man bei Christian Burchard ja eigentlich nicht glauben. Seit 1969 ist er als musikalischer Weltenbummler unterwegs, hat als Embryo in tausend verschiedenen Besetzungen mit Mal Waldron, Charlie Mariano, Sigi Schwab und 400 weiteren Musikern gespielt und gejammt. Wie aber, wenn nicht mit übergroßer Nervosität lässt sich der peinliche Auftritt erklären, mit dem Burchard zum Auftakt des Open Air Konzerts an der Villa Waldberta alle verblüffte?

Es war ja auch wirklich eine Weltpremiere, was sich unter den Pinien in der wunderbaren Sommernacht vor der geradezu unwirklich schönen Kulisse der Villa abspielte. Drei marokkanische Spitzenmusiker und Waldberta-Stipendiaten ("Meister aus dem Morgenland") trafen auf das Münchner Alphornkollektiv und "Embryos Edelsteine", wie es Burchard in seiner ausschweifenden Einführung nannte. Tatsächlich fand sich als Überraschungsgast kein geringerer als Peter Michael Hamel am Piano ein. Der emeritierte Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg hat Deutschlands zeitgenössische Musik mehr als jeder andere für Minimal Music, Rock, (Free-)Jazz, New Age sowie klassische indische und ostasiatische Klänge geöffnet. Mit der Gruppe Between war Hamel einer der ersten in Deutschland, der sich aus der ethnozentrischen Tradition löste und Impulse anderer Musikkulturen aufnahm. Between steht damit in direkter Konkurrenz zu Embryo, für die Burchard den Titel "älteste Weltmusikgruppe Deutschlands" beansprucht - obwohl man ja anfangs noch tief im durchaus kreativen Boden des Krautrocks wurzelte.

Man kann also nur rätseln, welches Kraut Burchards inneres Gleichgewicht erschüttert hatte, als er zu Beginn des Konzerts laut Takt und Melodie vorsang und jeden Mitmusiker einzeln zu dirigieren versuchte. Kein Wunder, dass sich das Ensemble beim Stück "Bahia" - das laut Burchard aus der Kasbah von Tanger oder Kairo entstammt - gleich mehrmals verhedderte. Wie sehr sein penetrantes Gehabe auch die Mitmusiker irritierte, zeigte sich am Ende des ersten Sets: Youness Kirouche Paco, Sänger und Gimbri-Spieler, huldigte erst Burchard demonstrativ-sarkastisch als "Big Teacher" und forderte dann mehr Freiheit für die Musiker.

Das Alphornkollektiv wartet noch vor der Villa Waldberta auf seinen Einsatz.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Zum Glück hatte der anfangs hyperaktive Embryo-Boss ein Einsehen und nahm sich zurück. Schon das erste Stück nach der Pause schlug das Publikum total in den Bann: Vor dem sonoren Gewummer der vier Alphörner erklang Pacos gänzlich unverstärkter Sufi-Gesang derart ausdrucksstark und kräftig, dass manch Opernsänger vor Neid erblassen könnte. Allmählich und behutsam streute Hamel immer mehr verspielte Verzierungen ein, Mohammed Imel (Oud) und Youssef Amazi (Percussion) nahmen den Faden auf. Als sich auch Paco eine Trommel schnappte, entwickelte sich ein fulminantes, rhythmisches Feuerwerk, zu dessen Rasanz auch Hamel und Marja Burchard am Vibrafon erheblich beitrugen. Die vielleicht 200 Zuhörer dankten es mit einem kollektiven Jubelschrei.

Mit einem weiteren genialen Moment wurde das Publikum beschert, als Youness Paco bei einem Stück seines 2012 verstorbenen Vaters Abderrahmane Paco, Sänger der "nordafrikanischen Beatles" Nass El Ghiwane, den Ton angab: Zum dreisaitigen "Urbass" Gimbri sangen die Marokkaner dreistimmig, Hamel und Burchardts Tochter Marja an der Marimba nahmen dezent groovend die Melodieläufe auf. Schließlich entstand so ein gewaltiger rhythmischer Sog, der die ganze Welt der Musik zu erschüttern schien. Kein Wunder, dass sich schon Jimi Hendrix, Peter Gabriel und Joe Zawinul von der magisch-meditativen Gnawa-Musik aus Marokkos Süden inspirieren ließen.

Später bewies auch Christian Burchard, mit welch feinem Gespür er agieren kann, wenn er sich in die Dynamik der Gruppe einfügt und nicht unbedingt im Vordergrund stehen will. Virtuos bediente er die Santur - eine Art persisches Hackbrett - zum komplexen, dreistimmigen Gnawa-Gesang, und auch die Alphörner durften einmal die Melodieführung übernehmen. Unbedingt erwähnt werden muss auch Jamal Mohmand aus Kabul, der Embryo schon seit 20 Jahren immer wieder begleitet: Sein Harmoniumspiel und der unverwechselbare Gesang in Urdu oder Farsi beeindruckte auch das Feldafinger Publikum.

Embryo-Chef Christian Burchard hat am Vibraphon (rechts) schon das Kommando übernommen.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Es war nicht das erste Mal, dass sich die drei Ensembles auf der Bühne trafen, das war im Laufe des langen Konzertabends immer deutlicher zu spüren. Das Alphornkollektiv hat 2013 schon mit Youness Paco auf dem legendären Gnawa-Festival im marokkanischen Essaouira gespielt und tourte mit Embryo durch Nordafrika. Und auch während ihres dreimonatigen Waldberta-Aufenthalts musizierten die drei Gruppen mehrmals miteinander. Nicht nur Christian Burchard bedauerte, dass zwei der drei Marokkaner inzwischen schon die Heimreise angetreten haben.

In Feldafing forderten freilich schon die äußeren Bedingungen im idyllischen Ambiente des Villenparks von den Musikern viel Improvisationstalent: Sie mussten selbst für die Technik sorgen und mit stark reduziertem Equipment auskommen. Sogar für den Klaviertransport vom Haus ins Freie waren die Musiker zuständig, wie Burchard kauzig bemängelte: So hätten sich die Veranstalter 380 Euro gespart. Das Piano wurde auf einer zusammengeklappten Bierbank aufgestellt, statt auf einem Klavierhocker nahm Hamel wie die übrigen Europäer auf einem billigen Klappstuhl Platz. Die Nordafrikaner freilich hatten Teppiche auf dem Rasen ausgerollt und saßen dort auf den für ihre Heimat typischen Lederkissen.

Es war ein großartiger, erlebnisreicher Abend zwischen Genie und Wahnsinn, Orient und Okzident, Komposition und Improvisation. Diese Session wird unwiederbringlich bleiben - schon weil allein Embryo kaum zwei Mal in der gleichen Besetzung auftritt. "Wir wissen nie genau, wer kommt", sagt Christian Burchard selbst. Und das Publikum weiß nicht immer vorher, in welcher Verfassung er die Bühne betritt, möchte man hinzufügen.