Pöcking Eine Woche lang Soldat

Zivilisten lernen in der Maxhof-Kaserne Ausbildung und Auftrag der Bundeswehr kennen. Dabei geht es heftig zur Sache, etwa wenn bei einer simulierten Demonstration "Störer" in die Schranken gewiesen werden.

Von Otto Fritscher

Mit Schlagstöcken und Wurfgeschossen attackieren die Demonstranten die Postenkette. Die "Störer" sind verkleidete Soldaten der 1. Maxhof-Kompanie, die Verteidiger dagegen Zivilisten, die die Soldatenausbildung kennenlernen wollen.Foto: Fuchs

(Foto: STA Franz X. Fuchs)

- Es ist eine wüste Keilerei im Gange. Mit voller Wucht rennen die Demonstranten gegen die Postenkette an, die sich mit Schilden zu schützen versucht. Teilweise sind sie vermummt, manche tragen Wurfgeschosse in den Händen, die auf die Verteidiger einprasseln. "Aufschließen", tönt da ein scharfer Befehl über den Hof, und die Postenkette rückt noch ein bisschen enger zusammen. "Wir holen Euch", schreit einer der Demonstranten durch sein Megafon. Ex knallt, es kracht, die Schilde wackeln, die Störer brüllen "Hey, da sind die Schweine." Es sieht so aus, und es fühlt sich auch so an, als ob hier eine Demonstration außer Kontrolle geraten ist. Doch auf einen Pfiff hin machen die Angreifer plötzlich kehrt, die Postenkette sortiert sich neu. Entspannt nehmen die "Störer" die Helme ab, holen sich einen Tee oder zünden sich eine Zigarette an, während sich die Verteidiger zu einer Besprechung zurückziehen.

Alles nur ein Spiel für wilde Männer? Nein. "Die Kontrolle einer Demonstration gehört zur Ausbildung, und die soll schließlich möglichst realitätsnah sein", erklärt Helmut Schoepe. Der Brigadegeneral ist Kommandeur der Führungsunterstützungsschule der Bundeswehr in Feldafing, zu der auch die Maxhof-Kaserne bei Pöcking gehört. Und hier, auf einem Hof zwischen zwei Lagerhallen, hat die Klopperei an diesem Donnerstagnachmittag stattgefunden. "Sicher, das ist inszeniert, aber für die Teilnehmer kommt die Belastung schon an eine reale Einsatzsituation heran. Die stehen echt unter Stress", erklärt Schoepe. Zumal es sich bei den Verteidigern nicht um Soldaten handelt wie bei den verkleideten Angreifern, die zur 1. Kompanie im Maxhof gehören. Es sind Zivilisten, die eine Woche lang den Alltag, die Aufgaben und Probleme von Soldaten aus der Innensicht einer Kaserne kennenlernen wollen. Sie sind sogenannte Multiplikatoren, Menschen also, die vorgeblich etwas zu sagen haben, die sich in der General-Fellgiebel-Kaserne haben einkleiden lassen. Sie haben sogar das feierliche Gelöbnis abgelegt, und sie sind für eine Woche ganz formal vom Bundesverteidigungsminister zum Oberleutnant befördert worden. "InfoDVag SKB" heißt die Veranstaltung im Bundeswehr-Jargon, was "9. dienstliche Informationsveranstaltung der Streitkräftebasis" bedeutet. Damit will die Bundeswehr um Verständnis für ihre Aufgaben - aber auch um Nachwuchs werben. Was besonders wichtig ist, seitdem die Wehrpflicht ausgesetzt ist.

Klaus-Peter Werda ist einer der 24, die eine Woche lang im "Feldanzug, Tarndruck" herumlaufen. Es sind Rechtsanwälte, Manager, Lehrer und ein echter Landrat ist dabei. Nun steht Werda der Schweiß auf Stirn, obwohl es draußen gerade mal neun Grad hat. Unter seiner Einsatz-Montur trägt er einen Schutzpanzer, mit Aluplatten verstärkt, wie ihn auch Polizisten bei Demonstrationen verwenden. Dazu Kampfstiefel, Helm, Schild und Schlagstock. "Nein, es geht hier nicht darum, Abenteuerurlaub zu machen", erklärt Werda, der im Zivilberuf Beamter im brandenburgischen Innenministerium ist.

Auch Wolfgang Goralczyk, normalerweise Abteilungsleiter bei der Handwerkskammer Lüneburg, sieht etwas abgekämpft aus. "Ich werde den jungen Leuten, nachdem sie eine handwerkliche Ausbildung absolviert haben, die Bundeswehr als Arbeitgeber empfehlen", sagt er. Auch eine Frau ist dabei, Franziska Hain, IT-Managerin in einem großen Unternehmen. "Ich fühle mich noch nicht als Soldat. Aber ich fühle mich in die Bundeswehr aufgenommen", erklärt sie. In dieser Woche wird sie mit den "Kameraden" Schießübungen machen, eine "erlebnisorientierte Patrouille" absolvieren, Wache schieben und marschieren lernen. "Es ist alles super vorbereitet", sagt sie. General Schoepe wird es gerne vernehmen. "Alle zwei Jahre findet so eine Veranstaltung bei uns statt", erklärt er. Es sei eine "abwechslungsreiche und spannende Aufgabe, die InfoDVAg zu organisieren." Dass es sich dabei nicht nur um ein theoretisches Planspiel handelt, bestätigt Presseoffizier Fritz Neuwirth. "Ich stand bei meinem Kosovo-Einsatz vor der Situation, dass plötzlich vor der Kaserne für mehr Trinkwasser demonstriert wurde."