Lesung Provokation als Stilmittel

"Satirisch-sarkastische Kurztexte": Autorin Stefanie Sargnagel.

(Foto: Georgine Treybal)

Stefanie Sargnagel sammelt Hasskommentare

Von Katja Sebald, Starnberg

Das ist sie also. Stefanie Sargnagel. Die mit der roten Baskenmütze aus Wien. Oder besser: Die aus dem Internet mit den Facebook-Posts. Und die sich auf die braune Szene mit ihren Hasskommentaren eingeschossen hat. Bei ihrer Lesung in Starnberg ist es voll. Die Veranstalterin hat sich "Wiener Kaffeehaus-Atmosphäre" gewünscht und deshalb ins "Café Prinzregent" eingeladen. Auffällig viele junge Leute sind da, kein typisches Starnberger Kulturpublikum. "Junispiele - schön jung" heißt die Reihe, die Kulturveranstalterin Elisabeth Carr dieses Jahr zum vierten Mal präsentiert. "Hier dürfen Künstler, Autoren und Publikum spielen, sich austoben, Funken sprühen lassen, Neues entdecken, jung und wild sein", heißt es in der Pressemitteilung. Aber gleich so? Kann dieser Abend gut gehen?

Die 1986 geborene Autorin und Zeichnerin ist berühmt für satirisch-sarkastische Kurztexte. "Statusmeldungen" heißt ihr jüngstes Buch: Eine Mischung aus öffentlichem Tagebuch, scharfsinnigen Beschreibungen banaler Alltagsdinge, Berichten über ihren Stuhlgang und anderen Körperfunktionen, Anekdoten aus dem Callcenter der Rufnummernauskunft, wo sie vier Jahre arbeitete. Sie sei eine der beliebtesten Personen im Internet, sagt Sargnagel. In ihren Büchern fänden sich auch philosophische Essays. Sie werde aber nur die niveaulosen Sachen vorlesen - die kämen besser an. Und dann geht's auch schon los: "Hoden sind das bedauernswerteste Körperteil, das man sich vorstellen kann." Und dann alle diese Körperöffnungen, natürliche und nachträglich hinzugefügte: Wenn eine Mutter in der Wiener Straßenbahnlinie 6 zu ihrer Tochter sagt, man müsse ihr "den Schädel wegschlagen und ins Gnack scheißen", sei das eher liebevoll gemeint.

Sargnagel muss es wissen. Sie komme aus einer Arbeiterfamilie, in der alle FPÖ wählen: "Bei mir daheim sagen sie alle noch Neger, Schwuchtel und Mongo, das erdet so schön." Sie selbst gehöre ja jetzt zur linken Künstlerszene. Aber wenn sie einmal ein Kind bekommen würde, wäre ihr ein Arbeiterkind lieber. Oder ein Gastarbeiterkind. Nicht so ein schwächliches Künstler- oder Ärztekind, das sein Faschingskostüm das ganze Jahr über anziehen darf.

Schwer zu sagen, wieviel autobiografisch ist an diesem Gesamtkunstwerk, dieser prolligen Blume aus dem Gemeindebau mit bürgerlichem Namen Stefanie Sprengnagel, und wieviel davon die provokante Kunstfigur Sargnagel ist, die ein rotes Tuch für den reaktionären Mob darstellt. Als FPÖ-Kandidat Norbert Hofer eine "Bedenkzeit" für Frauen vor Abtreibungen forderte, schrieb Sargnagel: "Ich glaub, ich setz' die Pille ab, nur damit ich noch ein paarmal abtreiben kann, bevor Hitler Bundespräsident wird." Sie sei "shit-storm-erprobt", meint sie dazu lapidar. Zur Entspannung schreibe sie "Battle Raps" gegen rechte Hetzer. Niemand in ihrer Familie wisse, woher dieses "Künstlerdings" komme. Jetzt lebe sie als "Bourgeoise-Bohème", verliere immer mehr den Kontakt zur Bevölkerung und schaue sich im Internet Wohnungen von erfolgreichen Kreativen an, die in der Küche Nudelsieb und Pfannen an die Wand hängen. Konsequent Linkssein sei ohnehin anstrengend: "Ich möchte lieber dieses manchmal-fairtrade-Bananen-kaufen-Links als meine Wohnung mit einer syrischen Familie teilen."

Schwer zu sagen auch, wieviele Künstler- und Ärztekinder oder Eltern von Künstler- und Ärztekindern in Starnberg im Publikum saßen. Zwischendurch wurde betreten gehüstelt, am Ende aber fast euphorisch applaudiert. Auf dem Weg nach Berlin zur nächsten Lesung postete Sargnagel: "ein ca. 80 jähriger pensionierter kinderarzt hat sich nach der lesung in starnberg mein buch signieren lassen und gemeint er würde jetzt gerne rapper werden, ob ich da chancen für ihn sehe. dann wollte er meine 'internetnummer' haben, damit wir uns gegenseitig texte schicken, er hat jetzt in der pension nämlich endlich mehr zeit für die lyrik."