Festspiele in Andechs Ein zeitverschobenes Paar

Wild und feurig klingen die kurzen Intermezzi am Flügel, die Pianistin Son-Jin Kim spielt. Marcus Everding (Mitte) erzählt und vergleicht.

(Foto: Georgine Treybal)

"Orff und Büchner" ist das Thema der diesjährigen Festspiele in Andechs. Am Samstag war der Auftakt.

Von Blanche Mamer

Was hat das Lustspiel von Georg Büchner "Leonce und Lena" mit den Carl Orff Festspielen in Andechs zu tun? Die Antwort ist ziemlich einfach: Orff war fasziniert von dem Theaterstück. Das hat jedenfalls Festspielleiter Marcus Everding herausgefunden, als er Orffs Werk in einer Werksausgabe studiert habe. Orff habe sich intensiv mit Büchner beschäftigt, erzählte Everding bei der Auftaktveranstaltung der Festspiele im Fürstentrakt des Klosters Andechs.

"Am Nationaltheater in Mannheim hatte er viele Male die Schauspielmusik zu Leonce und Lena dirigiert. Eine nicht sehr inspirierende konventionelle Musik fand er." Und so schrieb der Musiker schließlich eine eigene Bühnenmusik, für die er Teile der Sommernachtstraum-Musik verwendete, die nie gespielt worden war. Allerdings: Die Partitur ist verschollen, es gibt nur ein Fragment eines Klavierauszugs.

Als "zeitverschobenes Paar" bezeichnete Everding die beiden. Eine zufällige Konkordanz: Geschrieben 1836/1837 fand die Uraufführung von Leonce und Lena erst in Orffs Geburtsjahr 1895 in München statt. Zunächst verglich Everding einige Grunddaten der beiden Biografien, die von den Schauspielern Sebastian Goller, der König Peter vom Reich Popo gibt, und Nastasja Winzig, die Rosetta spielt, vorgetragen wurden. Büchner ist im Oktober 1813 im Großherzogtum Hessen geboren und stirbt bereits mit 23 Jahren im Februar 1837 an Typhus.

Die Forderung nach Menschlichkeit

"Ich mag den Begriff Genie nicht, doch wenn man ihn verwendet, dann gilt er zu Recht für Georg Büchner", sagte Everding. Büchner hat in Straßburg und Gießen Medizin studiert und hat seine Antrittsvorlesung an der Universität Zürich an der Fakultät für Philosophie gehalten, wo er auch promovierte. Wegen seiner revolutionären Ideen wurde er in Hessen verfolgt und vom Kerker bedroht. Die Botschaft in seinen beiden Dramen "Dantons Tod" und "Woyzeck" war die Forderung nach Menschlichkeit, vor allem aber sich um seinen Nächsten zu kümmern.

Büchner sei seiner Zeit weit voraus gewesen, sagte Everding. Er habe die Klassik überwunden. Seine Texte seien nicht nur politisch, sondern auch kritisch gegenüber den Auswüchsen der Revolution. Ähnlich sei es bei Orff: Auch seine Themen sind politisch und beschäftigen sich mit Individuen, die den Zwängen ihrer Zeit unterworfen sind. Büchners Szenenaufbau und Sprachstil haben Orff stark beeinflusst.

Everding ist zudem überzeugt, dass Orffs "Carmina Burana" bei der Uraufführung 1937 im Frankfurter Opernhaus ein Riesenerfolg war. Die NSDAP indes reagierte darauf sehr reserviert. Der Festspielleiter zitierte Kritiken der führenden Parteiblätter, die sich sowohl über die "Unverständlichkeit der lateinischen Sprache", wie auch die "Dürftigkeit und Primitivität" von Orffs Musik ausließen und "Jazzstimmung" und "artfremde rhythmische Elemente exotischer Musik" anprangerten.

Für Everding gilt: "Ich habe Orff und Büchner sehr lieb gewonnen." Dem schlossen sich die Zuhörer gern an. Unter ihnen lauschte auch Altabt Odilo Lechner Musik und Geschichte. Wild und feurig klangen die kurzen Intermezzi am Flügel der wunderbaren jungen Pianistin So-Jin Kim. Die Ouvertüren zum "Sommernachtstraum" und zur "Bernauerin" machten Lust auf mehr.