Depressionen Radeln gegen das Stigma

Depressionen gelten als eine der größten Volkskrankheiten. Mit der Radltour wollen Betroffene auf das Thema aufmerksam machen.

(Foto: oh/Nils A. Petersen)

Wer an Depressionen leidet, kann oft nicht offen über seine Erkrankung sprechen. In der Gesellschaft ist das Thema noch immer ein Tabu. Mit der "Mood-Tour" wollen Betroffene helfen, Vorurteile abzubauen.

Von Ines Alwardt

Als sie noch klein war, die Mutter krank, schwer depressiv, sprach die Familie kein Wort darüber. Als der Cousin des Vaters krank wurde, Depressionen, sagte der Vater, sein Cousin sei frühpensioniert worden; warum, das sagte er nicht. Als Stefanie, seine Tochter, damals 25, mit einer schweren Depression in die Klinik gebracht werden und ihr Studium abbrechen musste, weil die Krankheit sie so fest im Griff hatte, erzählte sie ihrer Familie nichts. Im Juni 2014, zehn Jahre später, sagt Stefanie, 35 Jahre alt: "Meinem Arbeitgeber würde ich heute noch immer nicht sagen, dass ich Depressionen habe."

340 Millionen Menschen leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an depressiven Störungen. Etwa 20 Prozent der Deutschen erkranken ein- oder mehrmals in ihrem Leben an einer Depression; rechnet man Angstzustände und leichtere Formen der Depression hinzu, steigt die Zahl auf 25 Prozent. Die Deutsche Depressionshilfe spricht von einer der "größten Volkskrankheiten" der Zeit. Aber kaum einer der Betroffenen spricht über seine Erkrankung - aus gutem Grund. Stefanie sagt: "Ich habe Angst, dass ich dadurch Nachteile habe."

Noch immer ein Tabu

Obwohl Depressionen inzwischen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen zählen, ist das Thema in der Gesellschaft vielfach noch immer ein Tabu. Um das zu ändern, fahren jetzt 64 Menschen, Betroffene und nicht Betroffene, in zwölf Etappen, 7000 Kilometer durch Deutschland - an diesem Mittwoch machen sie auch in Starnberg Halt, auf der "Mood Tour 2014", wie sich das deutschlandweite Aktionsprogramm gegen die Stigmatisierung der psychischen Erkrankung nennt. Die Intention ist klar: Nicht nur die Radler, auch die Menschen auf der Straße sollen sich angesprochen fühlen, um Vorurteile abzubauen und offen über das Thema zu sprechen. Initiator Sebastian Burger sagt: "Die Teams können den Menschen auf der Straße und hoffentlich zahlreichen Mitradlern ihren unverkrampften Umgang mit der Krankheit vorleben und damit Ängste und Vorurteile abbauen."

Deshalb können auch die Starnberger am Mittwoch mitfahren - vom Starnberger Kirchplatz geht es mit dem Fahrrad nach München an den Rotkreuzplatz, wo um 14.30 Uhr die Band "stock'werk:orange" auftritt, am Nachmittag geht es dann wieder zurück ins Fünfseenland. Der ADFC begleitet die Tour, die in diesem Jahr zum ersten Mal in Starnberg Station macht; 2012 sind die Teilnehmer nur durchgefahren. Eine von ihnen: Stefanie.

Die 35-Jährige möchte nicht, dass man ihren Nachnamen oder ihren Wohnort in der Zeitung liest. Seit ihrer Kindheit leidet sie an Depressionen, aber die Vorurteile haben sich über die Jahre gehalten. Einmal, erzählt die 35-Jährige, habe sich eine Kollegin über sie lustig gemacht, sie saß am Schreibtisch direkt gegenüber: "Ach", sagte die, "ich glaube, ich habe auch Depressionen, ich kann wohl nicht mehr arbeiten." Und Stefanie? Sagte nichts. "Stigmatisierung ist auf jeden Fall immer noch ein Thema", sagt sie.

Seit die Erkrankung bei ihr diagnostiziert wurde, vor etwa zehn Jahren, spricht sie nur mit engen Freunden und engen Familienmitgliedern darüber. Oft hat sie erlebt, dass die Leute auf Distanz zu ihr gegangen sind, wenn sie davon erfahren haben, sich abgewendet oder sie - noch schlimmer - wie ein rohes Ei behandelt haben. Inzwischen hat sie ihren Job gewechselt, sie macht jetzt eine Ausbildung für Psychiatrie-Erfahrene, möchte anderen Betroffenen helfen. Deshalb organisiert sie auch zusammen mit vielen anderen die Mood Tour. Denn irgendwann, sagt sie, möchte sie auch einmal so offen über ihre Erkrankung sprechen wie andere Leute über ihre Hüft-OP.

Am Mittwoch, 2. Juli, treffen sich alle Interessierten, 12 Uhr, am Kirchplatz, mit dem Fahrrad geht es nach München zum Rotkreuzplatz. Um 15.30 Uhr fährt die Truppe zurück nach Starnberg, wo um 19 Uhr am Kirchplatz ein Infostand auf Interessierte warten. Dort tritt von 18.30 Uhr an die Band Neeravas Power of Drums auf, es gibt Brezen und Getränke.