Chance für Firmengründer Höhenflüge in Oberpfaffenhofen

Thorsten Rudolph ist seit 2003 Geschäftsführer des Anwendungszentrums Oberpfaffenhofen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Im Anwendungszentrum beim Sonderflughafen bekommen Start-ups aus der Luft- und Raumfahrtbranche zwei Jahre lang Starthilfe. 127 Firmen sind dort schon großgezogen worden

Von Otto Fritscher, Oberpfaffenhofen

Es war eine Begegnung der dritten Art, die Thorsten Rudolph neulich in einem Münchner Restaurant erlebte. "Wir kennen uns doch", sprach ihn ein Mann an, er sagte: "Ich bin derjenige mit dem Ski." Rudolph konnte sich noch erinnern: Der Mann war einer der ersten, der sich 2003 im damals neuen Anwenderzentrum Oberpfaffenhofen mit ihrer Geschäftsidee bei ihm vorstellte. "Er kam mit einem Ski in der einen Hand und einem GPS-Gerät in der anderen in mein Büro." Der Mann präsentierte Rudolph so anschaulich sein Konzept, mit dem er eine Firma und gründen und viel Geld verdienen wollte: Das GPS-Gerät wird auf den Ski montiert, damit man immer weiß, wo man sich befindet und vor allem, wie schnell man denn den Berg hinab saust. "Das kam mir damals doch zu schräg vor, ich hab' ihn wieder nach Hause geschickt", erinnert sich Rudolph. Doch der Erfinder ließ nicht locker und verkaufte seine Idee "sehr teuer", wie er bei dem zufälligen Wiedersehen im Restaurant sagte, an einen Skihersteller. "Und jetzt gehört mir das Restaurant."

Thorsten Rudolph ist es gewohnt, neue Ideen vorgestellt zu bekommen, er ist seit 2003 Geschäftsführer des Anwendungszentrums Oberpfaffenhofen (Azo), das als sogenannter Inkubator, als Brutkasten für Startups dient. Nicht für irgendwelche, sondern für Start-ups, deren Produkte oder Dienstleistungen etwas mit der Luft- und Raumfahrt zu tun haben. Was nicht verwundert, denn in unmittelbarer Nähe des Azo befinden sich das DLR, der Sonderflughafen Oberpfaffenhofen, die Ruag und andere luftfahrtaffine Unternehmen.

Dort tüfteln Wissenschaftler und Ingenieure an Zukunftstechnologien. Und im Azo werden aus den Wissenschaftlern sozusagen Unternehmer, die Ideen reifen zu marktfähigen Produkten oder Dienstleistungen heran. Dafür haben die Start-ups im Azo zwei Jahre Zeit zu wachsen, dann müssen sie raus aus dem Anwendungszentrum an der Friedrichshafener Straße, um für neue Start-ups und neue Ideen Platz zu machen.

Die meisten Start-ups haben in diesem Zeitraum auch das Laufen gelernt, viele bleiben in der Nähe von Gilching oder Weßling. "87 der Prozent der Unternehmen, die bei uns groß geworden sind, sind nach fünf Jahren noch auf dem Markt", erklärt Rudolph - eine stolze Bilanz. 25 Mitarbeiter hat sein Team mittlerweile, im Azo steht für die Gründer die Büroinfrastruktur samt Teeküchen und Besprechungsräumen bereit, und Rudolph hilft beim Kontakte knüpfen, aber auch bei der Finanzierung der Ideen, bei denen noch nicht sicher ist, ob damit Geld verdient oder verbrannt wird.

15 Start-ups können pro Jahr im Inkubator aufgenommen werden, meist sind etwa 25 in dem Gebäude untergebracht. Wagniskapitalgeber - auf Englisch: Venture Capitalists - haben 2015 insgesamt an die 20 Millionen Euro in die Azo-Start-ups gepumpt. "2016/17 sind es bereits bis jetzt etwa 40 Millionen Euro", sagt Rudolph - ein Beleg, dass aus den jährlich vier Vorstellungsrunden - Pitches -, bei denen die Gründer sich und ihre Ideen präsentieren, tragfähige Unternehmenskonzepte herausdestilliert werden. "Ungefähr die Hälfte der Gründer nehmen wir, die andere Hälfte fällt durch", sagt Rudolph. Und die Auserwählten erhalten Finanzierungsspritzen: 25 000 von der ESA, die gleiche Summe vom Bayerischen Wirtschaftsministerium plus ein optionales Darlehen in Höhe von 50 000 Euro von der Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg - wenn gewünscht. Sollte dann bei Produktentwicklungen, die mehr Kapital erfordern, dennoch die Frage aufkommen: "Wir brauchen mehr Geld. Können Sie uns helfen?", wird das Netzwerk aus Venture Capitalists, Business Angels, öffentlichen Fonds und Banken angezapft. Aber auch sogenanntes Crowd Investing, sich direkt am Erfolg vielversprechender Unternehmen zu beteiligen, wird praktiziert.

Mehr als 100 Firmen haben das Azo bisher verlassen. Die erste war 2002 ein Unternehmen, das das Internet in Flugzeuge gebracht hat. Eine der jüngsten Firmen beschäftigt sich mit hochkomprimierten Datenströmen in der Satellitenkommunikation. Überhaupt sind es drei Geschäftsfelder, in denen sich die allermeisten der Azo-Start-ups bewegen: "Satelliten-Kommunikation, Satelliten-Navigation und Erdbeobachtung", zählt Rudolph auf.

Auch heute noch erklärt sich der Nutzen mancher Geschäftsideen nicht auf den ersten Blick, weil weit in die Zukunft gedacht wird. Es sind aber auch Firmen dabei, die schon sehr weit sind. Wie Lilium, das am "Uber-Taxi der Lüfte" arbeitet, oder Vectoflow, deren Strömungssensoren in Formel-1-Rennwagen eingesetzt werden. Aerodynamische Teile - sogenannte Flaps - werden automatisch so eingestellt, dass ein optimaler Anpressdruck anliegt. Oder Vialight, ein Unternehmen, das sich mit Laserkommunikation zwischen Flugzeugen, Satelliten und Empfangsstationen auf der Erde beschäftigt. Auf dem Laserstrahl können technisch bis zu zehn Gigabit pro Sekunde übertragen werden. "Das hat schon über eine Entfernung von mehr als 50 Kilometern aus einem Flugzeug geklappt", sagt Rudolph: "Sensationell."

Wem gehört eigentlich die Anwendungszentrum GmbH Oberpfaffenhofen? Gesellschafter sind unter anderem das DLR, aber auch die Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusförderung im Landkreis Starnberg (Gwt) und die Kreissparkasse sowie die Messe München GmbH. Auch der Freistaat finanziert das Azo mit, indem jedes Start-up mit 25 000 Euro gefördert wird. "Mit dem zu uns gehörenden ESA Business Incubation Center und seinen Standorten in Oberpfaffenhofen, Ottobrunn und Nürnberg sind wir eines der größten und stärksten Gründerzentren in Deutschland", ist Rudolph überzeugt. In den 127 bislang ausgegründeten Firmen sind etwa 1600 neue Arbeitsplätze entstanden, deren Umsatz beträgt jährlich 140 Millionen Euro. Tendenz steigend. Höhenflüge made in Oberpfaffenhofen eben.