Tennis Befreit in Down Under

„Ich bin sehr glücklich“: Matthias Bachinger freut sich über seinen Erstrunden-Einzug in Melbourne, wo er Favorit David Goffin in vier Sätzen unterlag.

(Foto: Cameron Spencer/Getty Images)

Der Münchner Tennisprofi Matthias Bachinger scheitert in der ersten Runde der Australian Open - für den 30-Jährigen ist der Hauptrunden-Einzug ein großer Erfolg.

Von Gerald Kleffmann, Melbourne

Es gab Momente, da muss er gar nicht so weit zurückblicken, da ging es ihm nicht so gut. Im vergangenen Herbst etwa brachte Matthias Bachinger von einer seiner Reisen, diesmal war es Asien, einen Virus mit, angeschlagen trat er bei dem neu eingeführten Challenger in Ismaning an. Bereits im zweiten Match musste er aufgeben, der Körper sackte zusammen. Er erholte sich, bereitete sich auf die neue Saison vor, trat wieder eine Reise an, diesmal war es Australien - und was nach dem langen Flug mit einem Schnupfen begann, mündete in einer Mandelentzündung. Die Folge: sieben Tage Antibiotika, und wieder eine Pause. Und das vor dem ersten Grand-Slam-Turnier der Saison, den gerade laufenden Australian Open.

So gesehen ist das durchaus ein bemerkenswerter Moment, dass Bachinger jetzt hier in Melbourne steht, nur zwei Wochen später, kerngesund aussieht und vor allem: strahlt bis über beide Ohren.

Rund 40 000 Euro erhält Bachinger, der aktuell auf Platz 172 der Weltrangliste steht

Der 30-jährige Münchner ist Tennisprofi, er hat zwar verloren, in der ersten Runde, aber erstens hat er sich sehr respektabel gegen einen der derzeit besten Spieler der Welt geschlagen. Er nahm dem Belgier David Goffin einen Satz ab, führte gar im zweiten mit einem Break, ehe er doch mit 7:6 (3), 3:6, 2:6, 4:6 verlor. Zweitens hat er ja ein Ziel erreicht, das er sich im vergangenen Sommer ausdrücklich selbst gesetzt hat: es überhaupt in Melbourne ins Hauptfeld zu schaffen. "Ich bin sehr glücklich", sagt Bachinger, der erst zum sechsten Mal diesen Schritt geschafft hatte. Das letzte Mal stand er 2015 bei den French Open in der Anfangsrunde eines Grand Slams, die 128 Spieler bestreiten.

Kurios ist die Parallelität zum Januar 2015 davor, denn wie damals kämpfte sich Bachinger über drei Qualifikationsspiele im Melbourne Park ins Tableau, wie damals wehrte er in seiner ersten Partie einen Matchball ab. Den Ukrainer Sergej Stachowski bezwang er diesmal zum Auftakt hauchdünn mit 4:6, 7:6 (4), 6:3. "Irgendwie habe ich mich seltsam befreit gefühlt danach", erzählt Bachinger, "dieser Sieg hat mir innere Ruhe gegeben." Es folgten zwei klare Ergebnisse, 6:4, 6:4 gegen den erfahrenen Australier James Duckworth und 6:1, 6:4 gegen den Kolumbianer Alejandro Gonzalez. "Der verwandelte Matchball im dritten Match war ein sehr emotionaler Moment", sagt Bachinger. "Genau für diese Augenblicke kämpft und trainiert man immer." Für Spieler, die nicht gerade Roger Federer und Rafael Nadal heißen, kann das kleinere Glück ein größeres Glück sein.

Bachinger hat sich diesen Erfolg tatsächlich mit einer Willensleistung ermöglicht. 2016 gehörte er, der fleißige Arbeiter, weniger das riesige Talent, nicht mal mehr zu den besten 500 in der Weltrangliste, im Juli 2017 war er immer noch nicht in den Top 400. Schon immer fand sein Trainer Lars Uebel, dass Bachinger, wenn er fit ist, das Potenzial hat, sich in den Top 100 zu halten. Umso mehr freut er sich auch in Melbourne über den Erfolg seines Spielers. "Er hat sich selbst belohnt. Er kann stolz auf sich sein", sagt Uebel, der im Leistungszentrum in Oberhaching, der Tennis-Base, als Cheftrainer für die Profis zuständig ist und als strenger, kritischer Analytiker bekannt ist. "Vor allem sieht man auch, dass man immer noch viel erreichen kann, wenn man auch im höheren Alter bereit ist, Veränderungen positiv anzugehen."

Bachinger hat sich viel mit seiner Fitness und seiner Gesundheit beschäftigt. Er ernährt sich inzwischen vegan, er greift auf einen Neuro-Athletiktrainer zurück, einem Spezialisten für Gehirnsteuerungen. Es geht ihm darum, die Koordination der Bewegungen auf dem Platz zu verbessern, selbst wenn es nur Nuancen sind, die ihn besser machen. Weltranglisten-85. war er schon mal, Bachinger ist auf dem Weg, diese Marke vielleicht wieder zu erreichen. 172. ist er nun schon wieder, nicht nur dank seines Erfolges in Melbourne. Im vergangenen Jahr klapperte er kleinere Turniere ab, auch auf ITF-Ebene, der dritten Turnierkategorie nach der ATP Tour und der Challenger Tour. Sein größter Erfolg war der Turniersieg beim Challenger in Gwangju, Südkorea.

Rund 40 000 Euro erhält Bachinger für das Erreichen der ersten Runde bei den Australian Open, andere Deutsche wie sein Tennis-Base-Kollege Yannick Hanfmann hätten dies auch gerne geschafft. Der 26-jährige Karlsruher scheiterte allerdings in der zweiten Qualifikationsrunde am Amerikaner Stefan Kozlov. "Das Geld ist ein Bonus", betont Bachinger. "Das Preisgeld hilft, gerade für das Reisen und die Kosten in der weiteren Saison. Aber es war nie die Motivation, um Profi zu sein." Apropos Reisen: Bachinger fliegt jetzt nach Los Angeles, in den USA spielt er zwei weitere Challenger. Er mag einfach seinen Beruf. Und deshalb hofft er noch auf viele Jahre auf den Touren der Welt. Schon jetzt weiß er: "Ich versuche alles, um auch nächste Saison wieder nach Melbourne zu kommen."